Hebammen-Mangel mit Folgen Achtung, Baby

Das Klinikum Nord hat jetzt eine Hebamme mehr. Entspannen wird sich die Personalsituation dadurch aber nur bedingt – auch wenn in den nächsten Monaten noch weitere Geburtshelferinnen kommen.
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Achtung, Baby
Von Christian Weth

Bremen-Nord. Anahid Borna und Michaela Feldmann verbindet eine 17-monatige Geschichte: So lange hat die Iranerin immer wieder im Kreißsaal hospitiert – und die Deutsche gehofft, sie ins Team holen zu können. Sie konnte. Das Klinikum Nord hat jetzt eine Hebamme mehr. Entspannen wird sich die Personalsituation auf der Geburtshilfestation dadurch aber nur bedingt. Auch wenn in den nächsten Monaten weitere Kräfte kommen.

Die Iranerin ist nicht bloß ein Glücksfall für die Klinik, weil sie sich für den Bremer Norden entschied: Ihre Ausbildung dauerte auch nur halb so lang wie üblich. Anahid Borna ist zwar ein Neuzugang im Krankenhaus an der Hammersbecker Straße, aber kein Neuling als Hebamme. Geburtshelferin war sie schon, bevor sie nach Deutschland kam. Pflegedienstleiterin Michaela Feldmann sagt, dass sie die Iranerin gerne früher eingestellt hätte, jedoch warten musste, bis sie die Auflagen der Behörden erfüllt hatte, um in Bremen als Hebamme arbeiten zu können.

Borna, 50 und Mutter, begann ihre zweite Hebammen-Ausbildung, als im Klinikum so wenig Stellen besetzt waren wie lange nicht – und sich gleichzeitig so viele werdende Eltern angemeldet hatten wie selten zuvor. So viele, dass die Teams ihr Pensum von mehr als 2000 Geburten im Jahr nur noch schaffen konnten, wenn sie Pausen verschoben oder ganz auf sie verzichteten. Der Betriebsrat schaltete sich ein, das Gewerbeaufsichtsamt, das Arbeitsgericht. Das Krankenhaus hat zwar reagiert, aber noch haben die Kontrolleure und Richter nicht gesagt, ob ihnen ausreicht, was unternommen wurde, um die Situation im Kreißsaal zu verbessern.

Klinikchefin Birgit Hilmer hat inzwischen gemacht, was sie eigentlich nicht so gern machen wollte: die Zahl der Geburten zu begrenzen. 120 Anmeldungen von werdenden Eltern nimmt das Krankenhaus noch pro Monat an, dann ist Schluss – und wird der 121 Mutter mitgeteilt, sich bitte an ein anderes Krankenhaus in der Stadt zu wenden. Mehr Geburten gibt es trotzdem im Klinikum. Zu den Angemeldeten kommen noch die Unangemeldeten: Frauen mit Wehen, die somit Notfälle sind und nicht abgewiesen werden dürfen. Nach Hilmers Rechnung sind das noch mal zwischen 40 bis 50 Geburten pro Monat zusätzlich.

Dieses Plus ist für Pflegedienstleiterin Michaela Feldmann ein Problem. Ihr zufolge sorgt es nämlich dafür, dass es nach wie vor Tage gibt, an denen Pausen nicht immer so genommen werden können, wie sie genommen werden sollten. Feldmann sagt, dass jetzt zwar mehr Hebammen auf der Station arbeiten als vor einem Jahr, aber noch nicht so viele, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Seit Anahid Borna zum Team gehört, kommt die Pflegedienstleiterin auf 17,5 Vollzeitstellen, die besetzt sind. Ihr Ziel ist jedoch ein anderer Wert: 20,5. Und den will sie so schnell wie möglich erreichen.

In den nächsten Monaten sollen drei weitere Geburtshelferinnen dazukommen. Nach Feldmanns Zeitplan fängt eine Hebamme im November an, die zweite im März und die dritte im Mai. Der Klinikverbund Gesundheit Nord, zu dem das Krankenhaus an der Hammersbecker Straße gehört, hat bundes- und europaweit nach neuen Kräften gesucht – und ist einmal in Sachsen-Anhalt und zweimal in Italien fündig geworden. Alle drei Frauen haben sich auf der Geburtshilfestation bereits umgesehen. Die beiden Italienerin werden wie Anahid Borna sprachlich geschult, ehe sie ihren Dienst im Kreißsaal antreten.

Weil mittlerweile immer mehr ausländische Hebammen, Mediziner und Pfleger kommen müssen, um personelle Lücken zu schließen, hat der Klinikverbund inzwischen eine neue Stelle geschaffen. Im sogenannten Strategischen Personalmanagement gibt es seit Kurzem eine spezielle Kraft, die dafür sorgen soll, dass die Integration von Neuzugängen aus anderen Ländern auch klappt: die nicht bloß Deutschkurse vermittelt, sondern zugleich bei der Haus- beziehungsweise Wohnungssuche hilft, die Behördengänge mitmacht, aber auch Treffen organisiert, bei denen die Neuen das Team kennenlernen und das Arbeitsumfeld gleich mit.

Feldmann findet, dass noch mehr stimmen muss als der Personalservice und das Arbeitsumfeld, um neue Kollegen zu gewinnen und zu halten: der Arbeitsablauf. Das Team zu vergrößern, damit Probleme kleiner werden, dauert nach ihren Worten manchmal zu lange. Darum, meint sie, müssen immer wieder neue Strukturen her, weil die sich meistens schneller verändern lassen als zusätzliche Kräfte finden. Seit vergangenem Jahr gibt es Arbeitsgruppen, die sich mit den Abläufen auf der Geburtshilfestation beschäftigen. Der Betriebsrat hat sie gefordert.

Klinikchefin Hilmer spricht von einer Reorganisation des Kreißsaals: von Assistenzstellen, die geschaffen wurden, damit sich Hebammen auf die Betreuung von Schwangeren konzentrieren können und weniger mit Papierkram beschäftigt sind. Von Arbeiten, die jetzt Helfer übernehmen, wie das Anschließen des Wehenschreibers. Und davon, dass Frauen, die nicht schwanger sind, aber ein gynäkologisches Problem haben, nicht mehr vom Arzt auf der Geburtshilfestation untersucht werden, sondern in der Notaufnahme.

Michaela Feldmann geht davon aus, dass die neuen Abläufe und Kolleginnen helfen werden, damit Hebammen weniger am Limit arbeiten. Dass sich Personalsituation und -suche langfristig entspannen, glaubt die Pflegedienstleiterin aber nicht. Sie rechnet mit weiteren Lücken, weil Geburtshelferinnen in den Ruhestand beziehungsweise in Elternzeit gehen – und damit, dass es wegen des Fachkräftemangels dauern wird, sie zu schließen.

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