Geplante Trinkwasserschutzzone in Vegesack

Anwohner berichten über Altlasten

An der einstigen Sandgrube, an der Furtstraße, wohin Schrott, Hausmüll, Maschinenteile und sogar Autowracks geworfen wurden, ist jetzt die Trinkwasserschuttzone geplant.
13.08.2019, 19:34
Lesedauer: 4 Min
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Von Klaus Grunewald
Anwohner berichten über Altlasten

Anwohner treffen sich mit Uwe Weber (rechts) an der Furtstraße, um über die ehemalige Sandgrube zu berichten.

Christian Kosak

Ob sie 20 oder gar 30 Meter tief war, darüber gehen die Meinungen auseinander. Alteingesessene Grohner wie Heinz Taduch haben allerdings miterlebt, dass die einstige Sandgrube an der Furtstraße noch vor rund 50 Jahren mit Schrott, Hausmüll, Maschinenteilen und sogar Autowracks verfüllt und dann abgedeckt wurde. Unterhalb dieser sogenannten Altlasten aber befindet sich ein Teilbereich der künftigen Vegesacker Trinkwasserschutzzone. Und das, so meint der 86-jährige Grohner, müsse doch zu denken geben.

Gewerbliche Abfälle landeten in der Grube

An der Furtstraße/Ecke Friedrichsdorfer Straße hatte die in Grohn 1897 gegründete Straßenbaufirma Hermann Wegener, die jetzt in Hannover ansässig ist, von 1935 bis 1972 Sand abgebaut und eine riesige Grube hinterlassen. Sie sei zunächst überwiegend mit feinsandigem und schluffigem Boden sowie mit Bauschutt und gewerblichen Abfällen etwa aus der Keramikproduktion gefüllt worden, sagt Hildegard Kamp vom Senator für Umwelt, Bau und Verkehr.

Nach den Worten der Leiterin der Abteilung Umweltwirtschaft, Klima- und Ressourcenschutz sollen auch Schrott und Hausmüll in der Grube gelandet sein. Nähere Angaben seien jedoch nicht dokumentiert worden. Nach Ende des Sandabbaus wurde die Altlasten-Deponie mit einer anderthalb Meter dicken Schicht aus Feinsanden und Bauschutt abgedeckt.

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Allerdings sind auch in diesem Grubendeckel nach den Worten von Hildegard Kamp erhebliche Schadstoffbelastungen durch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, Mineralölkohlenwasserstoffe, Blei, Kupfer und Bor festgestellt worden. Gleichwohl seien die Ergebnisse der langjährigen Grundwasserüberwachung bislang unauffällig. Soll heißen: Noch sind keine Schadstoffe ins Grundwasser gelangt.

Die ehemalige Sandgrube und jetzige Deponie zwischen Furtstraße/Friedrichsdorfer Straße und Kücksberg gehört zu den insgesamt 130 durch Altablagerungen belasteten Standorten im Stadtgebiet Bremen. Weil 34 Deponien das Grundwasser gefährden könnten, werden sie regelmäßig kontrolliert, sagt Michael Koch, Referatsleiter für qualitative Wasserwirtschaft, Gewässerschutz und Abwasserbeseitigung beim Umweltsenator. Die Überwachungsstation an der Furtstraße habe bisher keine Gefahr für das Grundwasser signalisiert.

Klimawandel lässt Halsebach austrocknen

Wie berichtet, soll ebenso wie im Raum Blumenthal auch in Ortsamtsbereich Vegesack die unterirdische Trinkwasserzone offiziell unter Schutz gestellt werden. Damit sie auch in Zukunft wie in den vergangenen rund einhundert Jahren verlässlich sauberes Trinkwasser liefert, erläutert Koch. Das sei für Bremens Bürger wichtig, weil auf Zulieferungen aus Niedersachsen kein Verlass mehr sei. Grund: Das kostbare Nass aus dem Aller-Nebenfluss Halsebach bei Verden droht wegen des Klimawandels zu versiegen. Der Bach trocknet aus.

Die Nordbremer sind also in Zukunft mehr denn je auf sauberes Trinkwasser aus den eigenen Quellen in Blumenthal und Vegesack angewiesen. Und deshalb, sagt Michael Koch, soll auch das Vegesacker Einzugsgebiet offiziell unter Schutz gestellt werden, was Auswirkungen auf Aktivitäten oberhalb der Schutzzone hat. Betriebe und Kommunalpolitiker in Vegesack befürchten, dass Produktionen gefährdet sein und Arbeitsplätze verloren gehen könnten. So befürchtete der Unternehmensvorstand der Norddeutschen Steingut AG in Grohn noch Ende vergangenen Jahres erhebliche Einschränkungen der Betriebsabläufe.

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Michael Koch gibt Entwarnung. Industrie und Gewerbe müssten um ihre gegenwärtigen Aktivitäten nicht fürchten und besäßen Bestandsschutz. Mit der Ausweisung des Trinkwasserschutzgebietes komme es nicht zu Produktionseinschränkungen. Eine Neuansiedlung von Gewerbe und Industrie mit Gefahren für das Trinkwasser sind nach den Worten des Wasserwirtschaftsexperten aus dem Umweltressort allerdings künftig nicht mehr möglich.

Gleichwohl hatte die Norddeutsche Steingut AG nach Bekanntwerden der Pläne für den Schutz des Trinkwassers auch unter seinem Firmenareal mit Beeinträchtigungen für die Produktion und den Logistikbereich gerechnet. Darüber hinaus beschäftigt sich die Steingut-Chefetage schon seit geraumer Zeit mit einem Zukunftsszenario. Danach könnte das gesamte Firmengelände für eine Mischbebauung mit Wohn- und Gewerbeeinheiten genutzt werden.

Norddeutsche Steingut AG darf nicht aufgegeben werden

Ortsamt und Beirat sind mit derartigen Überlegungen offiziell bislang nicht konfrontiert worden. Allerdings hat Ortsamtsleiter Heiko Dornstedt eine klare Meinung: Das Areal der Norddeutschen Steingut dürfe nicht ohne Not als Gewerbegebiet aufgegeben werden, weil damit Arbeitsplätze verloren gingen.

Städtebaulich nutzen könnte man dagegen nach Auffassung von Uwe Weber das Areal der ehemaligen Deponie an der Furtstraße. Der Grohner wohnt seit 1991 in der Friedrichsdorfer Straße und weiß von seinem Nachbarn Heinz Taduch, was vor Jahrzehnten an Hausmüll, Schrott und gefährlichen Substanzen in der ehemaligen Sandkuhle gelandet ist. Sein Vorschlag lautet: Die Deponie sanieren und anschließend darauf Wohnungen bauen. Die Lage zwischen Knoops Park und Vegesacker City sei geradezu ideal, meint Weber.

Info

Zur Sache

Altlasten-Kataster

Auf der Homepage der Senatorin für Umwelt www.bauumwelt.bremen.de findet sich eine ausführliche Darstellung aller Altlasten und Altablagerungen in der Stadt. derzeit seien 141 Altablagerungen erfasst, heißt es dort. In der Rubrik „Altlasten und schädliche Bodenveränderungen“ finden sich detaillierte Karten zu jedem Ortsteil. Auch in Grohn sind weitere Altlasten dokumentiert.

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