Gegenwart und Zukunft eines Stadtteils

Auf der Suche nach Perspektive

Mit dem ältesten künstlich angelegten Hafen Deutschlands hat Vegesack eine echte Rarität zu bieten. Nicht umsonst wird Vegesack als maritimer Stadtteil Bremens bezeichnet. Und doch haftet ihm ein negatives Image an.
26.08.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Annika Mumme

Mit dem ältesten künstlich angelegten Hafen Deutschlands hat Vegesack nicht nur eine Rarität zu bieten, sondern auch eine besondere Lage an der Weser. Nicht umsonst wird Vegesack als maritimer Stadtteil Bremens bezeichnet. Und doch hat es oftmals mit Vorurteilen und einem negativem Image zu kämpfen.

Der Stadtteil blickt auf ein gutes Stück Geschichte zurück. Zu Kriegszeiten nahezu von Zerstörungen verschont, wird hier – lange zuvor, um 1830 – unter Bremischer Flagge der Walfang angeregt. Schiffbau und Fischerei werden zu existenziellen Wirtschaftszweigen. Die Anekdoten um den plietschen „Vegesacker Jung“ erzählen sich Anwohner heute noch. Dies ist auch die Zeit, als der Seemann sich in der Alten Hafenstraße auf nahezu alle erdenklichen Weisen vergnügen kann. Heute reihen sich hier ebenfalls Lokale – die Amüsierbetriebe, die einst zur Freude der Kapitäne und Schiffsjungen beitragen, suchen Passanten der Alten Hafenstraße aber vergeblich.

Die Vegesacker Jugend aktiv und vermehrt stärken und fördern

Auch in anderen Ortsteilen Vegesacks lässt sich viel erleben und über die Historie des Stadtteils erfahren. In Grohn gibt es den Yachthafen, in Fähr-Lobbendorf das Gelände des ehemaligen Bremer Vulkan – ein überaus wichtiger Teil Vegesacker sowie Bremer Geschichte. In Schönebeck, im schönen Auetal, steht das Schloss Schönebeck mit seinem Heimatmuseum und in Aumund-Hammersbeck liegen die grünen und reifen Hammersbecker Wiesen, die unter Naturschutz stehen. Vegesack bietet so viel mehr, als sein Image vermuten ließe.

Michael Brandstädter sieht das ebenso. Er ist Leiter des AWO-Kompetenzlotsen-Teams und setzt das Projekt „Jugend stärken im Quartier“ um. Seit nunmehr acht Jahren beraten er und sein Team junge Erwachsene und begleiten diese auf ihrem Weg aus der Perspektivlosigkeit in eine neue Zukunft. Die frühere Kompetenzagentur Bremen-Nord, heute die Kompetenzlotsen, beschäftigen sich unter anderem mit jungen Menschen, die in der 1972 errichteten Grohner Düne leben – und das mit einer Erfolgsquote von bis zu 80 Prozent auf Stadtteilebene.

Die Ortspolitik, auch der Beirat, respektiere diese Arbeit, die sie im Stadtteil und speziell im Quartier leisten. Sie unterstützten, dass die Jugend weiterhin und vermehrt gestärkt werden sollen, sagt Brandstädter: „Dafür muss Bremen aber auch endlich was machen und solche Projekte auch verstetigen.“ Sprich, Bremen müsse Projekte dieser Art konstant und mit stetigen Mitteln fördern. Denn nur so könne gerade in „schwierigeren“ Quartieren auch etwas erreicht und die Jugendlichen unterstützt werden.

„Das ist häufig schon ein Stempel.“

Eines dieser Quartiere ist die genannte Grohner Düne. Den jungen Menschen hier fehlen häufig die Startchancen und somit die Optionen. Andere Anwohner haben bereits ihren Anschluss in die Gesellschaft gefunden, wieder andere befinden sich noch auf der Suche, haben Träume und Hoffnungen. Negativ-Darstellungen, in denen die Quartiersanwohner pauschalisiert werden, schweben als Stigmatisierung über der Grohner Düne – so auch der Begriff „Sozialer Brennpunkt“. Ein Teufelskreis, findet Brandstädter. Das soll sich ändern. Die Stadt Bremen und die aktuelle Eigentümerin des Hochhaus-Komplexes „Grand City Property“ (GCP) handeln im August 2016 eine sechsseitige Vereinbarung aus, die sich positiv auf die Lebensqualität im Quartier auswirken soll. Darin unter anderem enthalten: die Renovierungen und Sanierungen von Wohnungen, um die Grohner Düne als Wohngegend aufzuwerten beziehungsweise für potentielle Mieter attraktiver zu machen. Auch auf dem Außengelände sind Neuerungen angedacht. Eine Spielfläche, eine Trainingsanlage und die Hauseingänge sind Teil der Vereinbarungen..

Bislang handelt es sich bei diesen Vereinbarungen, abgesehen von den Sicherheitsmaßnahmen, um Unverbindlichkeiten. Ortsamtsleiter Dornstedt dazu: „Da darf man sich auch nichts vormachen – wir haben es jetzt mit Absichtserklärungen zu tun, die mit Leben gefüllt werden müssen. Das heißt, die eigentliche Arbeit fängt jetzt erst an.“ So hofft nicht nur die Ortspolitik, dass die Sanierungspläne im Stadtteil etwas bewegen und einen Imagewandel sowohl für die Grohner Düne als auch für den Stadtteil bewirken.

Auch Brandstädter wünscht sich, dass für die jungen Menschen mit den Kooperationsvereinbarungen neue Ausgangspositionen geschaffen werden. Er schildert Nachteile, die sich teilweise bereits durch die Wohnadresse Hermann-Fortmann-, Friedrich-Klippert- oder Bydolekstraße für einen Jugendlichen ergäben. Dornstedt sagt: „Das ist häufig schon ein Stempel.“

Buntes Zusammenleben in der Grohner Düne

Vegesack hat 33466 Einwohner. Allein 5729 davon leben in Grohn, 1500 Menschen in der Grohner Düne; isoliert vom Ortsteil, abgegrenzt vom Stadtteil. So scheint es. Faysal Akdogan wohnt hier und sagt, dass das Quartier sich stets offen für Besucher gebe, der Stadtteil jedoch häufig kein Interesse zeige. „Hier werden alle gut aufgenommen. Egal, ob ein Schwarzer oder ein Türke. Wer die Grohner Düne so schlecht findet, der soll mal einen Monat hier leben. Wir leben hier alle zusammen.“ Der 21-Jährige beklagt ein oft engstirniges Verhalten derer, die das Quartier passieren; gravierender jedoch sei die Außenwahrnehmung und das, was in der Öffentlichkeit ankomme: „Wir fühlen uns ungerecht behandelt. Wenn hier einer etwas angestellt hat, wird viel mehr daraus gemacht.“

Ortsamtsleiter Heiko Dornstedt sagt: „Die 'problematischen' Menschen sind in der Minderheit, werden aber in der Außenwirkung mehr wahrgenommen, als die große Masse, die ganz einfach da wohnt und niemanden was Böses tut. Man guckt ja zunächst auf das Schlechte und legt da den Finger drauf und alles das, was 'normal' ist, ist selbstverständlich und darüber wird nicht geredet.“

Auch Michael Brandstädter legt Wert auf die Vielfältigkeit und Offenheit der Menschen in der Grohner Düne. Er begleitet die Jugendlichen in vielen Bereichen – nicht nur, was die Arbeitssuche betrifft. Der Soziologe und Kulturwissenschaftler sagt, dass gemeinsam mit den Jugendlichen realistische Zukunftsziele erarbeitet werden. „Wir machen so etwas wie eine biographische Methode, wo wir mit den Jugendlichen die Eckpunkte absprechen. Daraus ergibt sich, was der Jugendliche für Möglichkeiten haben könnte. Realistische Selbstwahrnehmung ist wichtig dabei.“

„Die Mitte der Gesellschaft zusammenhalten"

Zwar leben in der Grohner Düne nicht ausschließlich Familien und Personen mit Migrationshintergrund. Dass eine bessere soziale Durchmischung dem Quartiersleben jedoch zuträglich wäre, stellt keiner in Frage. Diese soll jetzt durch das geplante Konzept erreicht werden. Silvia Neumeyer ist viel daran gelegen, dass das Projekt umgesetzt wird. Neumeyer engagierte sich in der Vergangenheit intensiv für diesen Stadtteil, in dem sie geboren wurde und noch heute wohnt. Auch sie spricht davon, dass die Menschen, die in der Grohner Düne leben, mitgenommen werden müssten. „Da gibt es einen Punkt, den ich sehr gut finde – dass das SOS Kinderdorf dort ansiedelt. Aber ich wünschte mir, dass mehr Praxis angewandt wird, dass man mal mit dem Wirtschaftsrat Bremen-Nord spricht. Der hat viele Mitglieder aus dem mittelständischen Bereich“. Diese könnten in Kooperation Ausbildungs- und Praktikumsplätze für Anwohner schaffen. Gespräche zwischen Wirtschaftsunternehmen in Bremen-Nord und Bürgermeister Sieling könnten laut Neumeyer Nährboden für neue Projekte bilden, die wiederum neue Perspektiven bieten.

Einig sind sich alle, dass die Grohner Düne nicht abseits des Stadtteils passieren darf – und Vegesack nicht abseits Bremens. Denn auch, wenn Gruppen bereits in sich selten homogen auftreten, sagt Michael Brandstädter: „Es geht darum, die Mitte der Gesellschaft zusammenzuhalten. Es geht um die Grohner Düne und das wichtigste in der Grohner Düne sind die Bewohner. Wir wollen, dass die Jugendlichen zur Mitte der Gesellschaft gehören.“

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