Vegesacker Turnverein

Allein unter Männern

Die Tischtennis-Spielerin des Vegesacker Turnvereins, Yanina Purschke, würde sich wünschen, dass noch die eine oder andere Frau dazukommt.
14.03.2021, 16:41
Lesedauer: 6 Min
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Von Karsten Hollmann
Allein unter Männern

Die Vegesackerin Yanina Purschke (untere Reihe, Zweite von rechts) vermisst schon die gemeinsamen Unternehmungen wie Geburtstagsfeiern und die Kohltour, die allesamt der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen sind.

WK

In der Tischtennis-Abteilung des Vegesacker Turnvereins wird die Filmkomödie „Allein unter Frauen“ von Sönke Wortmann aus dem Jahre 1991 abgewandelt in „Allein unter Männern“. So zumindest fühlt sich Yanina Purschke als einzige Frau unter lauter Männern. Diese Männer konnten sich gerade am Anfang auch nicht immer einen Spruch in Richtung einziger Frau verkneifen.

„Dann habe ich mir den entsprechenden Mann aber mal zur Seite genommen und es schnell geklärt. Schließlich bin ich auch nicht auf den Mund gefallen“, sagt die Mutter zweier Töchter. Manchmal habe aber auch schon ein Augenrollen geholfen.

Seitdem werde sie aber auch nicht anders behandelt, als die Kollegen. „Man darf halt‘ nicht so zart besaitet sein, als einzige Frau unter Männern. Wir haben aber eine sehr gute Stimmung in der Abteilung und feiern viel zusammen“, teilt Yanina Purschke. Mit Feiern kennt sich das Mitglied des „Party-Komitees“ auch bestens aus. Purschke vermisst so die gemeinsamen Unternehmungen wie Geburtstagsfeiern und die Kohltour, die allesamt der Corona-Pandemie zum Opfer fallen, sehr. Zusammen mit der Ehefrau ihres Mitspielers Andreas Zöllner, Rita Zöllner, organisiert sie zum Beispiel das Sommerfest oder kümmert sich um Geschenke zu runden Geburtstagen.

Rita Zöllner spielte früher selbst auch Tischtennis beim VTV, steht nun aber nicht mehr an der Platte. Es gab auch noch die eine oder andere weitere Frau im Verein. Doch bis auf Yanina Purschke blieb aus Verletzungsgründen oder wegen Wegzugs keine mehr übrig. „Ich würde mir wünschen, dass noch die eine oder andere Frau dazukommt. Interessierte können sich jederzeit an unseren Spartenleiter Lars Dornstedt wenden“, sagt Purschke.

Die Vegesacker bestreiten ihre Heimspiele in der kleinen Sporthalle an der Kerschensteinerstraße, die nur eine Umkleidekabine und einen Duschraum aufweist. Diese beanspruchen die Männer für sich. „Häufig werde ich dann von Spielerinnen des Gegners gefragt, wo man sich denn mal umziehen könne“, lässt Purschke wissen. Diese verweise dann meist auf die Abstellkammer. Selbst erscheint Yanina Purschke immer schon in Sportklamotten zu den Begegnungen für das zweite Team in der 1. Kreisklasse und muss die Halle verschwitzt wieder verlassen. Yanina Purschke erlernte bereits als kleines Mädchen den Tischtennissport an der heimischen Platte in Grohn.

„Mein Vater Klaus Duschek hat mir und meinem Bruder Mathias das Tischtennisspielen beigebracht“, informiert die 44-Jährige. Auch Cousin Sven Köglin, der später für den SV Grohn kickte, durfte nicht fehlen – dessen Familie bewohnte die andere Hälfte des elterlichen Doppelhauses. Die Tischtennisplatte stand stets unter dem Carport der Familie, sodass vor dem Spielen erst einmal das Auto weggefahren werden musste.

Klaus Duschek war viele Jahre stellvertretender Vorsitzender des SV Grohn und auch als Fußballer und Trainer in diesem Klub tätig. Der Tennisspieler hat sich auch einen Traum im dazu gekauften Teil des gemeinsamen Gartens verwirklicht, indem er einen Tennis-Rasenplatz anlegte. Dort werden noch heute meist familieninterne Turniere veranstaltet, wenn dies nicht gerade durch einen Corona-Lockdown verhindert wird. Schon so manch begabter Spieler biss sich aber an dem außergewöhnlichen Platz, deren Linien durch eingelassene Pflastersteine gebildet werden, die Zähne aus.

„Auf diesem Platz springt kein Ball so auf, wie man es von Sand- oder Hallenplätzen gewohnt ist. Das ist schon sehr abenteuerlich“, kommt Yanina Purschke auf das Ausscheiden so manches Favoriten zu sprechen. So habe auch sie selbst nicht gerade selten ihren Heimvorteil nutzen können. „Je älter wir aber werden, desto seltener werden die Turniere“, bedauert die Ehefrau von Kai Purschke, der früher seine Fußballstiefel auch für den SV Grohn schnürte.

Yanina Purschke kann aber ohnehin mehr mit Tischtennis als mit Tennis anfangen. Im Alter von zehn Jahren trat sie der Tischtennissparte des TV Grohn bei, wo sie von Herbert Bülter trainiert wurde. In der Pubertät verlor sie aber das Interesse an ihrem Sport und hörte im Jahre 1990 erst einmal auf. Erst ein knappes Vierteljahrhundert später sollte Yanina Purschke ihr Comeback beim Vegesacker TV feiern. Vegesacks Lars Dornstedt, ein Freund ihres Mannes Kai Purschke, war zu Besuch bei Familie Purschke und berichtete von seinen Tischtennis-Aktivitäten beim VTV. „Ich konnte gar nicht glauben, dass Lars Tischtennis spielen kann. Das wollte er mir dann mal zeigen“, so Yanina Purschke. Dies habe er dann in die Tat umgesetzt. Da die Vegesacker vor sieben Jahren ohnehin knapp besetzt waren, kam Yanina Purschke als Neuzugang wie gerufen.

Mittlerweile ist die Sparte aber sogar auf knapp 30 Spieler angewachsen. „Ich wurde sehr herzlich im Verein aufgenommen“, freut sich Purschke. Ihr Klubkollege Karl-Heinz Winkler organisierte ihr sogar zu ihrem 40. Geburtstag eine Trainingseinheit mit dem Trainer des Bundesligisten SV Werder Bremen, Cristian Tamas. „Das war schon eine Riesensache, dass eine solche Größe zu uns in die kleine Halle gekommen ist und eine halbe Stunde mit mir gespielt hat“, sagt die Friseurmeisterin, die nun endlich wieder ihrem Beruf nachgehen kann.

„Nur wenige Minuten, nachdem unsere Kanzlerin Angela Merkel die Öffnung der Friseursalons zum 1. März angekündigt hatte, klingelte bei mir das Telefon. Eine Kundin wollte einen Termin bei mir haben“, berichtet Yanina Purschke. In der Folgezeit habe das Telefon dann drei Stunden nicht mehr stillgestanden. In diesem Monat habe sie nun bereits keine Termine mehr frei. Sie könne auch jeden Tag 24 Stunden arbeiten, um die Wünsche aller Kunden zu bedienen.

„Es gibt aber auch noch etwas anderes als Haareschneiden. Ich habe schließlich auch noch eine Familie“, gibt die Mutter von Lilly (14) und Milla Purschke (12) zu bedenken. Auch etwa ein halbes Dutzend Teamkollegen lassen sich von Yanina Purschke die Haare in ihrem Salon „Hauptsache“ schneiden und freuen sich somit über die Wiedereröffnung des Salons. Purschke schneidet ihren Kunden nur nach vorheriger Terminabsprache die Haare.

Yanina Purschke empfindet es als ungerecht, dass sie während des Corona-Lockdowns keine finanzielle Unterstützung vom Staat erhielt, da sie als Eigentümerin des Salons keine laufenden Kosten wie Miete zahlen muss. „Ich habe gehört, dass Restaurantbesitzer schließlich auch 75 Prozent ihres Vorjahresumsatzes bekommen“, sagt Yanina Purschke. Sie beklagt die fehlende Lobby für ihren Beruf, der zu 90 Prozent von Frauen ausgeübt werde.

„Da wird wohl davon ausgegangen, dass der Mann schon genug Geld für die ganze Familie verdient. Tatsächlich ist es aber so, dass viele meiner Kolleginnen finanziell nicht mehr wussten, wo hinten und vorne ist“, so Purschke. Sie selbst habe Rücklagen vom Geschäftskonto verwendet. Ihre Kinder hätten aber von ihrer beruflichen Zwangspause profitiert. „Meine Töchter hatten es im Homeschooling bequem. Wenn sie die Wahl hätten, würden sie für immer den Unterricht zu Hause in Anspruch nehmen“, so Purschke. Sie selbst habe die gemeinsame Zeit aber auch genossen: „Meine Kinder sind zuckersüß. Lilly, meine Älteste, macht auch schon fast alles alleine.“

Dass diese Saison nicht gewertet wird, ist für den VTV II ein wenig schade. Schließlich befindet sich das Reserveteam auf einem Aufstiegsplatz in der 1. Kreisklasse Bremen. „Das ist natürlich schade. Aber wir müssen es nehmen, wie es kommt“, zeigt Yanina Purschke Verständnis für die Entscheidung des Verbandes.

Noch am 30. Oktober des vergangenen Jahres besiegte das zweite Team den SV Grambke-Oslebshausen im Derby mit 9:4. Dabei rang Yanina Purschke auch im Doppel an der Seite von Lars Dornstedt die SVGO-Akteure Thomas Zimmermann und Torsten Messer in fünf Sätzen nieder. „Ich spiele auch lieber Doppel, als Einzel“, sagt Purschke. Auf ihren gewohnten Partner Lars Dornstedt muss sie aber wohl künftig verzichten. Dieser möchte schließlich in die erste Mannschaft aufsteigen. „Das ist aber in Ordnung so. Lars spielt schließlich gerade den Ball seines Lebens“, urteilt Yanina Purschke. Dafür muss Lars Dornstedt dann aber in Zukunft auch auf den „Fahrservice“ seiner Doppelpartnerin verzichten. Mit ihrem VW-Bus bringt Yanina Purschke ihre Mannschaft schließlich in Nicht-Corona-Zeiten zu den Auswärtsspielen. „Auf der Rückfahrt im Bus trinken meine Kollegen dann das Sieger- oder das Verliererbier“, teilt Purschke mit.

Auch ihre Töchter Lilly und Milla Purschke haben bereits Blut in Sachen Tischtennis geleckt. Lehrmeister ist aber deren Großvater Klaus Duschek: „Wenn ich etwas sage, ist es bei den beiden auch etwas anderes, als wenn ihr Opa es sagt“, gibt die Friseurin zu bedenken. Klaus Duschek habe seinen Enkeltöchtern unter anderem ja auch das Fahrradfahren beigebracht.

Info

Zur Person

Yanina Purschke (44)

trat im Jahre 2014 der Tischtennisabteilung des Vegesacker TV bei. Dort läuft die Friseurmeisterin im zweiten Team meist als Nummer fünf in der 1. Kreisklasse Bremen auf. Yanina Purschke ist seit 15 Jahren mit dem Zeitungsredakteur Kai Purschke verheiratet, mit dem sie die beiden gemeinsamen Töchter Lilly (14) und Milla Purschke (12) hat. Vor acht Jahren machte sich Yanina Purschke mit ihrem Salon „Hauptsache“ selbständig. Mit dem zweiten VTV-Team arbeitete sich Purschke in wenigen Jahren aus der 3. bis in die 1. Kreisklasse Bremen vor und klopft nun bereits an die Tür zur 3. Kreisliga. Yanina Purschke wuchs an der Seite ihres Bruders Mathias Duschek in Grohn auf und ist die Tochter des früheren Vorstandsmitglieds des SV Grohn, Klaus Duschek. Ihre Tischtennis-Laufbahn begann Purschke beim TV Grohn. Erst nach einer mehr als 20-jährigen Pause schloss sie sich dem Vegesacker TV an. Sie weist derzeit einen Quartals-Tischtennis-Ranking (QTTR)-Wert von 1276 Punkten auf. KH

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