Kriminelle Großfamilien

Clankriminalität in Vegesack: Innensenator will mehr Ermittler

Nach tumultartigen Ausschreitungen nahe der Grohner Düne in dieser Woche, stellt sich die Frage, wie Bremen mit Clankriminalität in Vegesack umgeht.
16.07.2020, 09:43
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Clankriminalität in Vegesack: Innensenator will mehr Ermittler
Von Patricia Brandt

Eine Frau wird vom Auto mitgeschleift, ein Polizist bekommt einen Faustschlag ins Gesicht. Nach tumultartigen Ausschreitungen nahe der Grohner Düne in dieser Woche, stellt sich die Frage, wie Bremen mit Clankriminalität in Vegesack umgeht. Innensenator Ulrich Mäurer gegenüber der NORDDEUTSCHEN: „Perspektivisch sind zusätzliche Stellen auch für polizeiliche Ermittler in diesem Bereich notwendig.“

Wie viele Clanmitglieder gibt es in Bremen?

Aktuell werden nach Zahlen der Bremer Polizei 3700 Personen dem Bereich Clankriminalität zugerechnet. Allein 200 Mitglieder einer Großfamilie wohnen in der Grohner Düne. Davon gehen zumindest Fachleute in der Verwaltung aus. Die Polizei bestätigt die Angabe nicht: Sie erteilt keine Auskunft zu den Wohnorten von Clanmitgliedern. Außerdem: Wer zum „Kreis ethnisch abgeschotteter Subkulturen“ gezählt werde, verändere sich ständig. Das habe zum Beispiel mit Wegzügen zu tun.

Was wissen wir über die Clans in Vegesack?

Clans werden immer wieder in Verbindung mit Massenschlägereien im Umfeld der Grohner Düne oder mit Drogen-Razzien in der Betonburg in Polizeiberichten erwähnt. Erst vergangene Woche hatte es eine Drogen-Razzia in mehreren Wohnungen in Bremen-Nord, unter anderem in der Grohner Düne, und in Lemwerder gegeben. Von den rund zehn Beschuldigten kann nach den Worten von Staatsanwalt Frank Passade bisher eine Person einem Clan zugeordnet werden. Den Beschuldigten wird vorgeworfen, „sich zur Bande zusammengeschlossen zu haben und arbeitsteilig Drogen besorgt, gebunkert und verkauft zu haben. Bei der Razzia wurden laut Passade Bargeld in Höhe von 50 000 Euro gefunden und Betäubungsmittel. Auch ein Fahrzeug beschlagnahmten die Beamten.

Von den zehn mutmaßlichen Straftätern hat die Polizei einen 34-jährigen Mann in Untersuchungshaft genommen. Für ihn gab es laut Passade einen Haftbefehl. Diese Person gehöre jedoch keinem Clan an, betonte Passade. Allerdings käme es immer wieder zu Strafverfahren mit einem Bezug zu Clankriminalität gegen Beschuldigte, die in der Grohner Düne wohnen oder sich in deren Umfeld bewegen, so Passade. Wie oft sich das Gericht mit kriminellen Aktivitäten der Großfamilie beschäftigen müsse, werde statistisch nicht erfasst.

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Geht es bei Clankriminalität immer um Drogen?

„Die sogenannte Clankriminalität – oder vielmehr die Kriminalität durch kriminelle Mitglieder von Großfamilien – betrifft Straftaten in unterschiedlichen Phänomenbereichen“, sagt Polizeisprecherin Franka Haedke. Sie spricht von Eigentums-, Körperverletzungs- und Betrugsdelikten sowie Clanauseinandersetzungen.

Erst Anfang der Woche führte ein Streit unter fünf Frauen zu tumultartigen Szenen mit bis zu 40 Beteiligten. Bei den Tumulten wurde eine Frau von einem Auto mitgeschleift und ein Polizist verletzt. Zwei Schwerverletzte, Biss- und Kratzwunden, herausgerissene Haare: Die Beamten schrieben Strafanzeigen wegen gefährlicher Körperverletzung, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Verkehrsunfallflucht.

Bei derartigen Auseinandersetzungen kommt es regelmäßig auch zum Einsatz von Schuss- und Stichwaffen im öffentlichen Raum. „Insbesondere diese Tumultdelikte wirken sich negativ auf das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung aus und erfordern in der Regel einen hohen personellen Aufwand der Polizei“, sagt Franka Haedke. Auch in Grohn brauchte die Polizei Verstärkung. Dazu kommt das, was im Polizeijargon „Strukturkriminalität“ heißt: Banden- und Organisierte Kriminalität. „Im Wesentlichen“, so Franka Haedke, seien dies „die ‚Callcenter-Betrügereien – Falscher Polizeibeamter‘ und Rauschgiftdelikte. Bei dem Phänomen „Falscher Polizist“ geben sich Betrüger als Polizisten aus, um vor allem ältere Menschen um ihr Hab und Gut zu bringen.

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Wie gehen Polizei und Justiz gegen Clans vor?

„Die Polizei Bremen bekämpft diese kriminellen Strukturen konsequent“, heißt es aus der Polizeipressestelle. Bereits 2010 hat das Landeskriminalamt laut Innenressort eine „Informationssammelstelle ethnische Clans“ eingerichtet.

Kooperiert Bremen mit anderen im Kampf gegen Clankriminalität?

Ein Austausch mit anderen Bundesländern sowie dem Zoll, der Bundespolizei und dem BKA ist laut Polizei gegeben. Die Polizei nennt hier die Einrichtung der „Bund-Länder-Initiative zur Bekämpfung der Clankriminalität“ aus dem Sommer 2019. Zu den teilnehmenden Ländern zählen Berlin, Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Vor allem die Kooperation mit Niedersachsen will Innensenator Ulrich Mäurer weiter ausbauen. „Die Bremer Polizei beteiligt sich zudem an Forschungsprojekten, EU-Projekten und polizeilichen bundesweiten Netzwerken gegen Clankriminalität. Dahinter steht die Erkenntnis, dass man diesen professionell wie brutal agierenden Kriminellen nur den Boden entziehen kann, indem man sämtliche Informationen über sie zusammenführt und alle Kräfte bündelt. Ziel der Verfahren ist, an die Hintermänner ranzukommen und zudem ihr illegal erworbenes Vermögen einzuziehen“, erklärt Bremens Innensenator. Er erinnert daran, wie in Bremen 2018 nach monatelangen Ermittlungen Häuser beschlagnahmt, Privat- und Geschäftskonten gesperrt und hochwertige Autos im Wert von 1,8 Millionen Euro beschlagnahmt wurden. Mäurer: „Perspektivisch sind zusätzliche Stellen auch für polizeiliche Ermittler in diesem Bereich notwendig. Klar ist: Wir wollen sie dort treffen, wo es ihnen am meisten wehtut – beim Geld.“ Der Senator spielt auf die neuen Möglichkeiten des Staates zur „Vermögensabschöpfung“ an. Hier will die Justiz Geld und andere Werte sicherstellen, bei denen der Verdacht besteht, sie könnten auf kriminelle Art und Weise erlangt worden sein. Beim LKA gebe es hierzu einen eigenen Arbeitsbereich Zentrale Finanzermittlungen. Die Bremer Staatsanwaltschaft habe parallel dazu 7,5 zusätzliche Stellen eingerichtet. Laut Justizressortsprecher Matthias Koch sollen die Stellen ab sofort besetzt werden.

Wie erfolgreich ist die Polizeiarbeit gegen Clans?

Derzeit lasse die Personaldecke der Polizei Bremen „keine nachhaltige Bekämpfung der Clankriminalität“ zu, meint der Landesvorsitzende der Bremer Gewerkschaft, Lüder Fasche. „Wir werden bis 2023 nicht wesentlich mehr Polizeivollzugsbeamte bekommen, trotz aller Versprechungen vor der Wahl. Manchmal haben wir schon Last, in Bremen Nord überhaupt zwei Streifenwagen zu besetzen“, sagt Lüder Fasche unserer Zeitung. „Der Finanzhaushalt der Polizei ist dünn geblieben wie eh und je und erlaubt auch keine großen Sprünge in Bezug auf Modernisierung.“ Durch das hohe Engagement der Mitarbeitenden gelinge es der Polizei jedoch immer wieder, „Nadelstiche gegen Clans“ zu setzen. Lüder Fasche: „Vielleicht ist hierin der Grund zu sehen, dass bislang keine echten No-go-Areas entstanden sind. Noch nicht mal an der Grohner Düne.“

Wer mit Lüder Fasche spricht, bekommt einen Eindruck davon, wie schwierig es gerade in dieser Zeit für die Beamten ist, gegen Clans vorzugehen. „Derzeit ist zusätzlich verstärkt festzustellen, dass Clan-Angehörige polizeiliches Einschreiten sofort in Zusammenhang mit der allgemeinen Rassismus-Diskussion stellen. Der Entwurf des neuen Polizeigesetzes dürfte auch denen nicht völlig verborgen geblieben sein, sondern eher als Ermunterung dienen."

Wie reagiert das Sozialressort auf die Clankriminalität im Wohnkomplex Grohner Düne?

Quartiersmanager Christian Ganske kann und möchte sich gegenüber der Zeitung dazu nicht äußern, „da dies nicht meinen Arbeitsbereich betrifft“. Bernd Schneider, Sprecher des Sozialressorts: „Die soziale Arbeit mit Quartiersmanagement, dem Projekt Unterstützung im Quartier, der Ausstattung von Kita und Hort, aber auch mit dem Täter-Opfer-Ausgleich und mit Einzelfallhilfen durch das Jugendamt bezieht sich generell auf die Verbesserung der Sozialstruktur; sie unterscheidet nicht danach, ob Polizei und Staatsanwaltschaft die Menschen einer bestimmten Gruppierung zurechnen.“

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