Kulturschaffende sprechen über ihre sorgen

Stille auf den Bühnen

Auch in Bremen-Nord wird es wegen des Lockdowns im November still auf den Bühnen. Kulturschaffende sprechen über ihre Sorgen und Befürchtungen.
29.10.2020, 18:30
Lesedauer: 6 Min
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Von Gabriela Keller und Julia Ladebeck

Bremen-Nord. Künstler, DJs, Veranstalter und Kulturbetriebe sind stark vom erneuten Lockdown betroffen. Schon vor Monaten haben Kulturschaffende und Veranstalter auf ihre dramatische Lage angesichts des ersten Lockdowns hingewiesen. Jetzt müssen sie nach dem Beschluss der Bundesregierung und der Länderchefs vom Mittwoch dieser Woche erneut für wenigstens einen Monat alles absagen, was gerade erst vorsichtig wieder angeschoben worden ist. Hier ein Überblick, wie es den Betroffenen damit geht, welche Hoffnungen und Ängste sie haben. Fünf Branchenvertreter schildern ihre Lage.

Der Event-Manager

Für Patrick Fechner bedeutet der erneute Lockdown in erster Linie jede Menge zusätzliche Arbeit. Der Nordbremer betreibt die Agentur „The Emotional Zone“, die Events und Touren organisiert sowie zahlreiche Künstler und Veranstaltungsorte betreut. Nun muss Fechner sich zunächst um die Absage von 49 Konzerten kümmern, die alle im November stattfinden sollten. „Das ist ein riesiger administrativer Aufwand“, sagt er.

Er nennt Beispiele für die Arbeiten, die jetzt auf ihn zukommen: Die Erstattung von Ticketkosten muss organisiert werden oder Alternativen entwickelt, Gespräche mit den Locations und Künstlern stehen an, Veranstaltungen müssen abgesagt werden, unter anderem auf Facebook- und Internetseiten. Auch mit dem Ordnungsamt muss Fechner Kontakt aufnehmen. Dort will er klären, ob die Aufzeichnung des TV-Formats „Budder bei die Fische – Der Ter Veen Talk“ in der Ständigen Vertretung in der Böttcherstraße stattfinden darf. „Das ist eigentlich keine Veranstaltung, sondern eben eine TV-Aufzeichnung. Aber ich weiß nicht, wie das Ordnungsamt das sieht.“

Patrick Fechner gehört zu den Einzelunternehmern, die keine Fixkosten wie beispielsweise Miete nachweisen können und deshalb bisher keine finanzielle Unterstützung bekommen haben. „Ich hoffe natürlich, dass da jetzt etwas kommt an Förderung“, sagt er. Da er antizyklisch arbeitet, sind nicht alle seine Einnahmen weggebrochen. Er plant jetzt bereits Touren für 2022 und hat in den vergangenen Monaten Geld für Touren bekommen, die bereits gelaufen sind. Dennoch sind Honorare in erheblicher Höhe weggefallen. Die Einschätzung seiner persönlichen Situation ist klar: „Ich halte noch durch bis Mitte 2021. Aber wenn sich bis April oder Mai nicht abzeichnet, dass das Leben wieder normal laufen kann, macht es für mich keinen Sinn mehr. Dann muss ich mir etwas anderes suchen.“

Der Discjockey

Der Nordbremer DJ Christian Lass ist ebenfalls Einzelunternehmer und hat bisher auch keine finanzielle Hilfe bekommen. „Glücklicherweise habe ich noch einen anderen Job, aber 50 Prozent meines Einkommens sind weg“, sagt der 48-Jährige. Seine Einsätze als DJ waren in den vergangenen Monaten rar gesät, weil Hochzeiten und Feiern reihenweise abgesagt wurden. Hoffnung hatte er auf den November und den Dezember gelegt. „Im November war ich für eine Weihnachtsfeier gebucht und ich hatte gehofft, dass ich wieder im Loft auflegen kann“, sagt er.

Beides ist nun hinfällig und für den Dezember erwartet er „zu 99 Prozent“, dass ebenfalls alle Veranstaltungen abgesagt werden. Er sollte bei weiteren Weihnachtsfeiern und an Silvester auflegen. „Das Schlimmste ist, dass kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist“, findet der Nordbremer, der sich dem Bündnis „Alarmstufe rot“ angeschlossen und mit Kollegen demonstriert hat. „Wir sind mit Fahrrädern vom BLG-Forum in der Überseestadt bis zum Marktplatz gefahren, wo es eine Kundgebung gab. Dort habe ich Mitglieder unseres Senats vermisst. Es war niemand da, der sich unsere Forderungen angehört hat.“

Der Musiker

Der Nordbremer Musiker Matthias Monka hätte im kommenden Monat etwa sieben bis acht Gigs gehabt. Die fallen nun alle aus. An diesem Freitag hat er einen letzten Auftritt in Oldenburg, der noch stattfinden darf. Er hofft, dass Konzerte im Dezember stattfinden dürfen. „Ich denke, dass man alles dransetzen wird, dass in der Advents- und Weihnachtszeit nicht alles brachliegt.“ Er habe im Großen und Ganzen Verständnis für die Maßnahmen, „schließlich habe ich auch Respekt vor dem Virus“. Andererseits gebe es zahlreiche Gastronomen und Veranstaltungsorte, die sich penibel an die Vorschriften gehalten und viel Geld investiert haben, um die Hygienevorschriften einzuhalten. „Das ist schon hart, dass die jetzt wieder schließen müssen.“

Er selbst habe von der Corona-Soforthilfe profitiert, „dadurch und weil meine Frau einen festen Job hat, sind wir über die Sommermonate gekommen“. Nun werde es wieder eng. Auch Monka hofft auf erneute Unterstützung durch den Staat. „Das Problem ist, dass man sehr schwer an das Geld herankommt.“ Einen weiteren Vorschlag hat er, wie lokale Künstler und Musiker unterstützt werden könnten: „Die Radiosender könnten vor allem unbekannteren Künstlern eine Plattform bieten und ihre Lieder spielen. Dann würden sie Gema-Gebühren bekommen.“

Der Kulturbüro-Chef

Er sei enttäuscht über den neuen Lockdown, sagt Malte Prieser, Geschäftsführer des Kulturbüros Bremen-Nord. „Nach dem ersten Lockdown haben wir innerhalb kürzester Zeit für unsere drei Häuser ein Corona-konformes Programm auf die Beine gestellt, ein Hygienekonzept erarbeitet.“ Laufwege seien markiert, Hygienespender, Hinweis-Schilder und Schutzscheiben aufgestellt worden, Tische und Stühle seien nach den Abstandsvorgaben umgestellt worden. Die Erfahrungen der ersten Veranstaltungen im September und Oktober hätten gezeigt: „Alles hat gut geklappt. Umso größer ist unsere Enttäuschung, dass wir jetzt nicht weitermachen können.“

Der Kulturbüro-Geschäftsführer listet auf, was für den November alles abgesagt werden muss: eine geplante Ausstellung und Führungen im Museum Overbeck, zehn Konzerte und weitere Kulturveranstaltungen, Aktivitäten von einem Dutzend Gruppen im Bürgerhaus. Darunter der Kindercircus Tohuwabohu, „den wir gerade erst wieder hochgefahren hatten.“ Der Kulturbahnhof sei für zahlreiche Sitzungen vermietet gewesen, auch die müssen abgesagt werden. „Da kommt jetzt sehr viel Organisationsarbeit auf uns zu.“

Um die Zukunft der eigenen Häuser mache er sich keine Sorgen, sagt der Kulturbüro-Geschäftsführer. „Wir haben die finanzielle Unterstützung der Stadt weiterhin sicher. Ernsthaft Sorgen mache ich mir vielmehr um die vielen Künstler und Solo-Selbstständigen.“ Er befürchte, dass viele von ihnen den zweiten Lockdown nicht überstehen werden. Für den Dezember hat Prieser acht Veranstaltungen geplant. „Das sind alles Veranstaltungen, die wir nach Absprache mit den Künstlern unter Corona-Bedingungen durchführen können.“ Am Dezember-Programm will der Kulturbüro-Geschäftsführer auch erst einmal festhalten. Allerdings gab es am Tag nach der Bekanntgabe des Lockdowns laut Prieser auch schon eine Absage von Künstlerseite: „Die für den 19. und 20. Dezember geplanten Konzerte von Big Daddy Wilson wurden abgesagt. Die Hälfte der Band-Musiker kommen aus Italien, wo die Infektionszahlen besonders hoch sind.“

Der Veranstaltungstechniker

„Ein Desaster“, so sieht Tim Scholz das neuerliche Veranstaltungsverbot. „Ich würde dieses Jahr am liebsten aus dem Kalender streichen“, sagt der Inhaber der Firma Even-t-s Veranstaltungstechnik in Vegesack. Das Unternehmen liefert Veranstaltungstechnik für Messen, Firmenfeiern, Stadtfeste, auch größere Privatfeiern. Schon der erste Lockdown sei „ein Schlag ins Gesicht gewesen“, sagt der 33-Jährige. Viele Aufträge seien weggebrochen. „Mitte August kamen erstmals wieder Aufträge rein.“ Bis vor zwei Wochen. Da hat er gemerkt, wie nervös und verunsichert die Veranstaltungsbranche inzwischen ist. „Da wurde nochmals alles abgesagt. Das war schon sehr bitter.“ Drei größere Open-Air-Veranstaltungen in Norddeutschland standen für November noch im Auftragsbuch. „Die sind jetzt abgesagt worden.“ Für den Dezember habe er einige Anfragen für Weihnachtsmärkte. „Ich vermute aber, dass die Märkte auch ausfallen werden.“ Weihnachtsfeiern, Partys – „da wird in diesem Jahr noch sehr viel für unsere Branche wegfallen“, glaubt Tim Scholz.

Er rechne zum Ende des Jahres mit einem „dicken Minus“, sagt der Veranstaltungstechniker, der auch Betriebswirt ist. „Wir leben derzeit von unseren Ersparnissen.“ Von den von der Bundesregierung zugesagten finanziellen Hilfen könne er nicht profitieren. „Ich betreibe meine Firma im Nebenerwerb. Die Überbrückungshilfen gelten in diesem Fall nicht. Da gibt es eine Lücke.“

Anders als andere Kollegen, die schon aufgegeben hätten, will der Vegesacker trotzdem weitermachen, auch weiter investieren. „Mein Herz und meine Seele hängen an der Sache.“ Noch habe er Hoffnung, sagt Tim Scholz. Er sagt aber auch: „Irgendwann werde ich mir die Karten legen müssen, ob es noch vertretbar ist, mein Unternehmen aufrechterhalten zu können.“

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