Corona erschwert Arbeit Nordbremer Frauenhaus ist voll belegt

Kaum geeigneter Wohnraum, zu wenig Personal: Das Frauenhaus in Bremen-Nord ist voll belegt, und kann sich – trotz Angebot des Senats, zusätzliche Wohnungen anzumieten – auch nicht vergrößern.
08.04.2021, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Iris Messerschmidt

In Bremen sind die Frauenhäuser und Beratungsstellen derzeit sehr ausgelastet. Auch im Nordbremer Frauenhaus sind die acht zur Verfügung stehenden Zimmer voll belegt. Besonders in Anspruch genommen werden laut einer Pressemitteilung der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz seit der Corona-Pandemie zudem die telefonischen Beratungen. Frauensenatorin Claudia Bernhard (Linke): „Die häusliche Gewalt an Frauen verstärkt sich offensichtlich während der Corona-Pandemie. Im April 2020 konnten wir 30 zusätzliche Plätze in den Frauenhäusern in der Stadt Bremen zur Verfügung stellen. Auch im März dieses Jahres haben wir noch einmal aufgestockt.“

Ob tatsächlich die Pandemie die Ursache dafür ist, dass die Bremer Frauenhäuser derzeit besonders ausgelastet sind, kann Susanne Eilers vom Frauenhaus Bremen-Nord nicht sagen. „Abweisen müssen wir Frauen ständig, das war auch schon vor der Pandemie so. Die Frage, ob die Probleme nun wegen der Corona-Pandemie gekommen sind, die stellen wir den Frauen nicht. Ehrlich gesagt, ist das auch unwichtig.“ Wichtig sei, dass geholfen werden könne. Und das klappe eben nicht immer.

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Susanne Eilers, die als Vollzeitkraft zusammen mit einer in Teilzeit eingesetzten Kollegin das Frauenhaus in Bremen-Nord betreut, gibt ganz ehrlich zu, dass beide mit der Betreuung der Frauen, die in acht Zimmern untergebracht werden, ausgelastet sind. Im Haus selbst lasse sich nicht mehr Platz schaffen. „Der Senat hat uns angeboten, eine oder zwei weitere Wohnungen anzumieten. Das ist schön, lässt sich aber in der Realität so nicht umsetzen.“ Denn zum einen fehle das Personal, Mitarbeiter, die für die Frauen rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Darüber hinaus müssten solche Wohnungen in der Nähe sein. „Wir habe uns tatsächlich in dieser Hinsicht mal umgeschaut, die Wohnungen, die wir bräuchten, gibt es in der Nähe nicht.“

Zudem müsse ein eventueller Vermieter eine entsprechende Sicherheit in Bezug auf eine langfristige Vermietung bekommen. „Die können wir nicht geben, wir wissen ja nicht, was in einem Jahr, oder ein paar Monaten, oder nach der Pandemie ist“, macht Susanne Eilers deutlich. Und als drittes und wichtigstes Argument: „Solche Wohnungen wären sowieso lediglich eine Übergangslösung. Denn unseren Frauen können wir im Frauenhaus einen Schutz bieten. In Wohnungen außerhalb würde das durch den Personalschlüssel nicht gelingen. Also wäre solch eine Wohnung lediglich für eine Frau, die schon gefestigt ist, und sowieso auf der Suche nach einer eigenen Unterkunft ist“, macht Eilers deutlich.

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Überhaupt habe das Frauenhaus seit mehr als einem Jahr enorme Schwierigkeiten, bezahlbare Wohnungen für die Frauen aus dem Frauenhaus zu finden. „Eine Wohnung in Lüssum zu bekommen, ist meist kein Problem. Doch da wollen unsere Frauen nicht hin. Und die bevorzugten Gegenden in Lesum oder Vegesack, da ist derzeit kaum etwas zu machen.“ Die Vermittlung von Wohnungen für in Not geratene Frauen war nach den Worten der Sozialpädagogin schon im vergangenen Jahr schwieriger geworden. Davor habe ein Gespräch mit einem Wohnungsunternehmen relativ schnell zum Ziel geführt. „Aber mittlerweile muss der Kontakt in der Regel per E-Mail gesucht werden. Das sind Hürden, die unsere Frauen oft nicht nehmen können, schon durch fehlende Deutschkenntnisse.“ Zwar greife da das Duo des Frauenhauses helfend ein, werden geforderte Daten und Anschreiben auch über den Computer des Frauenhauses weitergeleitet. „Doch es hagelt Absagen, es gibt kaum noch bezahlbaren Wohnraum“, sagt Eilers.

„Wir üben auf unsere Frauen keinerlei Druck aus. Sie müssen nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt ausziehen“, betont Eilers. Das bedeute aber auch, dass die Zimmer für längere Zeit besetzt sind. Allerdings sei das Haus auch schon vor Corona gut belegt gewesen, die Zimmer wurden selten schnell frei, „und wenn, dann blieb kaum Zeit zur Renovierung, weil zwei Tage später schon die nächste Frau einzog“, so Eilers.

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Vermehrte telefonische Beratung, weil persönliche Kontakte nicht möglich sind, machen die Arbeit von Susanne Eilers und ihren Kolleginnen nicht einfacher: „Wo Sprache eine Barriere ist, halfen uns vor der Pandemie Hände und Füße beim persönlichen Treffen, oder eine Freundin der Betroffenen, die mitkam. Wer will schon vor Fremden seine schlimme Situation offen legen? Wenn dann ein Tränenausbruch erfolgte, half auch eine Umarmung. Das ist jetzt ungleich schwieriger, und das Schluchzen am Telefon, das bricht mir das Herz.“

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Zur Sache

Die Istanbul-Konvention

Frauensenatorin Claudia Bernhard (Linke) betont, dass es wichtig sei, weiterhin an der Umsetzung der Istanbul-Konvention zu arbeiten. Die Istanbul-Konvention verpflichtet die unterzeichnenden Mitgliedstaaten, offensiv gegen alle Formen von Gewalt vorzugehen. Umfasst sind damit alle Formen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Einen besonderen Fokus legt die Konvention auf häusliche Gewalt. Bernhard: „Auch wenn Bremen mit seinem Schutz- und Hilfesystem für Gewalt betroffene Frauen im Bundesvergleich bereits gut dasteht, sind die Frauenhäuser momentan voll belegt. Es ist daher wichtig, weiterhin zusammen mit unterschiedlichen Stellen und Fachpersonen am Landesaktionsplan zur Umsetzung der ,Istanbul-Konvention' intensiv zu arbeiten. Auch der Bremen-Fonds sollte genutzt werden, um sich im Bereich des Gewaltschutzes pandemiegerecht aufzustellen und Engpässe im Hilfe- und Unterstützungssystem zu überwinden.“

Die Istanbul-Konvention ist in Deutschland am 1. Februar 2018 in Kraft getreten. In der Nacht zum 20. März dieses Jahres ist die Türkei per Dekret aus der Istanbul-Konvention ausgetreten. Bernhard: „Die Nachricht, dass die Türkei die Istanbul-Konvention verlassen hat, ist im internationalen Kontext eine besorgniserregende Entwicklung. Wir müssen die Frauen, die dort jetzt für ihr Menschenrecht auf Gewaltfreiheit auf die Straße gehen, unterstützen und diesen Schritt auf der internationalen Bühne kritisieren.“ Für November 2021 sei deshalb geplant, den Bremer Aktionsplan „Istanbul-Konvention umsetzen – Frauen und Kinder vor Gewalt schützen“ einer breiten Bremer Öffentlichkeit vorzustellen.

Weitere Informationen zum Landesaktionsplan zur Umsetzung der Istanbul Konvention im Land Bremen finden sich unter www.bremen-sagt-nein.de.

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