Kartenkontor in Vegesack Corona trifft ihn dreifach

Er verkauft Tickets, organisiert Konzerte und macht selbst Musik: Martin Zemke. Der Vegesacker kennt die Veranstaltungsbranche aus allen Blickwinkeln. Corona trifft ihn deshalb dreifach.
15.07.2020, 09:53
Lesedauer: 4 Min
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Corona trifft ihn dreifach
Von Jean-Pierre Fellmer

Draußen scheint die Sonne auf den Vegesacker Hafen, die Tür zum Kartenkontor steht offen. Ein Mann im sommerlichen Hemd kommt in den Laden. „Moin, ich möchte zwei Karten zurückgeben.“ Martin Zemke hat das schon erwartet. Der Inhaber der Kartenverkaufstelle nimmt die Tickets entgegen, klärt den Kunden auf. Der hat Verständnis für die Situation, schnackt mit Zemke noch ein wenig und verabschiedet sich wieder.

Normalerweise verkauft Zemke in seinem Kartenkontor Tickets. Seit Corona gehen die Karten den Weg in die andere Richtung – das Tagesgeschäft ist derzeit die Rücknahme. „Im Juni haben wir nur etwa 25 Tickets verkauft.“ Dafür brauche er den Laden eigentlich nicht öffnen. „Aber die Kunden können auch nichts dafür“, sagt er. Ihnen möchte er weiterhin seinen Service anbieten. „Die Hotlines der Ticket-Dienstleister sind vollkommen überlastet.“ Deshalb ist er derzeit zumindest zu eingeschränkten Zeiten vor Ort.

Die Absagen der Veranstaltungen sind für den Kartenverkäufer ein Ärgernis. "Für die Veranstaltungsbranche potenziert sich das ins Unermessliche“, sagt er. Der Grund: Nicht für ein Konzert in der Stadthalle Bremen muss ein Nachholtermin gefunden werden – sondern alle Shows und Tourneen aller Künstler müssen verlegt werden. Logistisch ist das ein Desaster. Bei internationalen Tourneen müssen zudem mit Veranstaltern aus unterschiedlichen Ländern gesprochen werden, wo jeweils andere Verordnungen gelten. „Das macht das ganze sehr komplex, für den Kunden ist das manchmal nicht durchschaubar“, sagt er. Dennoch seien bis auf wenige Ausnahmen die Ticketverkäufer verständnisvoll.

Wenn Zemke von der aktuellen Situation erzählt, klingt er sachlich und ernüchtert. Vom 18. März bis zum 21. April hatte er komplett geschlossen, das jetzige Geschäft betrage ein bis zwei Prozent des üblichen Umsatzes. Ob die Lage existenziell bedrohlich sei? „Ja, für den gesamten selbstständigen Kulturbereich.“ Drei eigenständige Vorverkaufsstellen habe es bis vor Kurzem im Stadtgebiet gegeben. „Der Ticketshop im Weserpark hat nun vor ein paar Wochen dicht gemacht.“ Für den Kartenverkäufer kommt das Problem hinzu: Die Tickets für ins nächste Jahr verlegte Konzerte sind schon verkauft – eine Provision gibt es nur einmal. Zemke seufzt. „Pessimistisch betrachtet, wird es für dieses Jahr kein Weihnachtsgeschäft geben können.“ Zudem könne die Digitalisierung im Ticketverkauf dazu führen, dass mehr Menschen online ihre Karten kaufen. Auch das ist schlecht für Zemkes Geschäft.

Über private Kontakte ist er Ende der 90er-Jahren nach Bremen gekommen, hat hier Musik- und Kulturmanagement studiert. Aus einer Projektarbeit ist seine erste Agentur entstanden, mit der er Konzerte organisierte. Anfang 2005 kam ihm die Idee, auch Lizenzen für den Verkauf von Eintrittskarten zu erwerben. Verträge wurden aufgesetzt und nach Standorten gesucht. „In der Innenstadt war die Situation wegen der Mitbewerber etwas eng“, deshalb kam die Idee, nach Bremen-Nord zu gehen. Es festigten sich Kontakte zur internationalen Musikerszene.

Kultur ist für Zemke mehr als nur Broterwerb. Er kommt aus Herne in Westfalen, mit 14 Jahren hat er angefangen, Gitarre zu spielen. Musik hat er erst im Konfirmandenunterricht, später in diversen Soul- und Gospel-Bandprojekten gemacht. Er war Gasthörer an der Hochschule Tanz und Musik in Köln. Heute spielt er Bass bei der norwegisch-deutschen Band Depui und im Trio zusammen mit der schwedischen Sängerin Sofia Talvik und Regina Mudrich. Etwa 50 bis 60 Konzerte spiele er insgesamt im Jahr, schätzt er. Auch außerhalb von Bremen.

Formal ist Zemke Inhaber des Kartenkontors. „Regina Mudrich und ich teilen uns aber eigentlich die Arbeit“, sagt er. Mudrich ist Musikerin und Veranstaltungskauffrau, sie leitet die Agentur Artgenossen und verwaltet das Gewoelbe. „Ich helfe auch bei der Agentur und im Gewoelbe, die Arbeit ist eng verzahnt.“

Die Musik ist nicht nur Leidenschaft, sie ist neben der Arbeit in der Agentur und dem Kartenverkauf Teil des Einkommens. „Natürlich ist es toll, selbst auf der Bühne zu stehen“, sagt Zemke. „Oft ist die Arbeit aber auch eine nüchterne Angelegenheit: Es wird viel telefoniert, viel geschrieben, und es werden Verträge gemacht.“ Ein bestimmtes Maß an Professionalität gehöre dazu. Dennoch darf der Spaß an der Sache nicht fehlen – schließlich wollen die Konzertbesucher unterhalten werden. „Beides zusammenzuführen, das ist die Kunst an der Kunst.“

Konzerte konnte er während des Lockdowns nicht spielen. Damit das Gewoelbe nicht in Vergessenheit gerät, haben Mudrich und er sich aber einen kreativen Weg einfallen lassen, um in Erinnerung zu bleiben. Sie haben angefangen, kleine Kurzfilme zu drehen und diese auf der Facebook-Seite der Agentur Artgenossen (facebook.com/artgenossen.bremen) hochzugeladen. In einer Serie geht es um „das Geheimnis des alten Gewoelbes“, in der anderen um „00 Wilken“, die in Vegesack ermittelt. „Normalerweise hätten wir dafür keine Zeit, wenn es die Corona-Unterbrechung nicht gegeben hätte.“ Er und seine Kolleginnen seien keine erfahrenen Filmemacher. „Es geht vor allem darum, nicht in Vergessenheit zu geraten. Und es ist ja auch lustig,“ sagt Zemke, der eine gewisse Ähnlichkeit zu MisterX aus den 00-Wilken-Filmen aufweist.

Zemke kennt die Branche aus allen Blickwinkeln. Der Ticketverkauf, die organisierten Konzerte und die Auftritte als Musiker – Zemke brechen alle Stand- und Spielbeine durch Corona weg. Mittlerweile fänden zwar wieder Veranstaltungen statt, aber es können nur deutlich weniger Leute wegen der Hygienevorschriften in das Gewoelbe. „So viel Bier können 20 Leute gar nicht trinken, dass es sich lohnt“, sagt Zemke.

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