Ende des Traditionshotels

Strandlust schließt nach 122 Jahren

Insolvenzverwalter Christian Kaufmann und Pächter Philipp Thiekötter haben die Strandlust nicht retten können. Das wurde den 55 Mitarbeitern am Montag mitgeteilt. Sie erhalten nun ihre Kündigung.
01.09.2020, 06:30
Lesedauer: 3 Min
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Strandlust schließt nach 122 Jahren
Von Patricia Brandt

Das Leergut kommt hierhin, das Vollgut dorthin.“ Philipp Thiekötter koordiniert am Montagmorgen die Mitarbeiter zum letzten Mal. „Wir bauen schon ab.“ Das Personal räumt Zimmer und Küche des 1898 gegründeten Traditionshotels leer. Es ist der letzte Tag in der 122-jährigen Firmengeschichte. „Es geht heute zu Ende. Ich werde kein Chaos hinterlassen“, sagt Thiekötter.

Am Mittag sind die Vorhänge bereits vorgezogen, die Lobby mit den weißgoldenen Sitzmöbeln ist menschenleer. Da, wo früher Bilder hingen, sind nur die Haken: Die Künstlerin hat ihre Leihgabe abgeholt. Pächter Philipp Thiekötter steht mit den 55 festangestellten Mitarbeitern hinten bei der Veranda des Hotels. Während draußen die Fähren vorbeifahren, erfahren die Zimmermädchen, Spülfrauen und Hausmeister bei der für 12 Uhr einberufenen Betriebsversammlung, dass sie am nächsten Tag ihre Kündigung von Insolvenzverwalter Christian Kaufmann erhalten werden. „Es tut mir richtig weh. Die Strandlust war meine zweite Familie“, sagt Britta Hillmann.

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Die Nordbremerin hatte Mitte der Achtziger Jahre ihre Lehre im Hotel angefangen. Nachdem sie Jahre lang als Hausdame die Zimmermädchen eingeteilt und die Zimmer und Juniorsuiten kontrolliert hat, packt Britta Hillmann an diesem Tag im großen Saal Teller und Besteck in Kisten: Das Inventar des Hauses ist plötzlich zur Insolvenzmasse geworden. Eine Mitarbeiterin rollt einen großen Wäschewagen über das alte Parkett und stellt ihnen neben das Geschirr. Am Rand des Saals stehen Tische – zusammengeklappt.

Philipp Thiekötter hilft mal hier, mal dort. Seine Wangen sind gerötet. Die Betriebsversammlung sei „extrem emotional“ gewesen: „Viele haben geweint.“ Dass die Strandlust nach 122 Jahren endgültig schließt, sei ganz schlimm: „Schlimm für die Mitarbeiter, schlimm für mich, das ist für ganz Vegesack schlimm.“

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Bis zum Schluss gekämpft

Die Versammlung mit seinem Team, „dem besten überhaupt“, ist keine Stunde her. „Ich habe bis zum Schluss gekämpft“, betont Philipp Thiekötter. Jetzt muss er nur noch abwickeln, bis er am Folgetag den Schlüssel abgibt, ist noch viel zu tun. Während die Reinigungskräfte die Leih-Bettwäsche aus den Zimmern zu großen Containern bringen, die die Wäscherei später abholen soll, klärt er, was mit den Auszubildenden passiert. Der eine werfe das Handtuch. Er wolle die Lehre sofort abbrechen und etwas anderes lernen. Der andere ist mit 14 Jahren aus Nigeria geflüchtet. Der Pächter würde ihn gern in seinem Hotel Havenhaus weiter beschäftigen, das nur wenige Schritte von der Strandlust entfernt liegt.

Der letzte von rund zehn Hotelgästen checkt aus. Ein junger Mann, der kein deutsch spricht. An der Rezeption hilft Michelle Thiekötter, die Frau des Pächters, beim Umbuchen. 2006 hatte ihr Mann die Strandlust gepachtet. Viele schöne Erinnerungen hängen an dem Haus. Die Schönste sei die Taufe des Sohnes im Ochtumzimmer gewesen: „Pastor Ulrich Kleinert kam extra hierher.“

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Feste gehörten zur Strandlust wie die Fähren zur Weser. Doch das Hotel wurde im Zuge der Corona-Pandemie immer leerer. Von 70 Hochzeiten mit 100 Gästen sei eine übrig geblieben.

Ab März wurde das große Haus an der Weser von einer Storno-Welle überzogen: Privatfeiern, Firmenveranstaltungen, Zimmerbuchungen und Tischreservierungen – alles abgesagt. Mitte März ließ der Pächter das Restaurant schließen, Anfang April stellte er bekanntlich den Insolvenzantrag.

Kaufpreis und Renovierungskosten in Millionenhöhe

Dass der Rettungsversuch scheiterte, lag an den „Besonderheiten des Falls“, sagt Insolvenzverwalter Christian Kaufmann am Montagabend. Um die Pleite abzuwenden, hätte ein Investor den Kaufpreis und Renovierungskosten in Millionenhöhe aufbringen müssen. „Dann wäre es vielleicht gegangen. Aber die Eigentümer haben andere Pläne mit der Immobilie.“ Welche das sind, sagt Kaufmann nicht. Nach Informationen unserer Zeitung soll die Schaffung von Wohnraum zur Debatte stehen.

„Wir können keine Wirtschaftlichkeit darstellen“, sagt indes Pächter Philipp Thiekötter, "das Haus ist auf Großveranstaltungen ausgelegt.“ Allein das Oktoberfest, das in Vegesack mit Brezen, Bier und jeder Menge Gaudi gefeiert wurde, lockte zuletzt noch 2000 Besucher. Doch Großveranstaltungen, da ist sich Thiekötter sicher, werde es 2020 wegen der Pandemie nicht geben.

Wegen ihrer rauschenden Ballnächte war die Strandlust bekannt geworden: Seit den Sechzigern trafen sich in dem maritimen Hotel die Reiter und ihre Freunde zum Tanz. Reiterball, Jägerball, Turnerball: „Die Strandlust ist ein Ballhaus. Von Januar bis März hat hier früher jedes Wochenende ein Ball stattgefunden“, erinnert sich Thiekötter an bessere Tage. Diese Zeiten sind vorbei. Der Pächter hatte sich darauf eingerichtet und neue Highlights geschaffen: Am Freitag zum Beispiel sollte es Scampi mit Prosecco auf der Strandlust-Terrasse geben.

„Ich muss zu meinen Jungs“, sagt Philipp Thiekötter dann. Er darf den Schlüssel noch bis zum nächsten Morgen behalten: „Wir schaffen es nicht, alles heute fertig zu machen.“ Doch am heutigen Dienstag wird Christian Kaufmann das Insolvenzverfahren offiziell eröffnen. Er rechnet damit, dass die Abwicklung zwei Jahre dauern wird.

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