Das Spiel meines Lebens Auge in Auge mit Ex-Werder-Profi

Es war Pfingstmontag, als der Bremen-Ligist SG Aumund-Vegesack und der favorisierte FC Oberneuland auf dem Rasenplatz im Stadion an der Egon-Kähler-Straße aufeinander trafen.
11.12.2020, 14:26
Lesedauer: 6 Min
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Von Klaus Grunewald

Die fußballerischen Fertigkeiten von Onur Ayik hatte Björn Krämer im Februar 2010 als Zuschauer im Weserstadion bestaunt. Da gab der Flügelflitzer sein Debüt für den SV Werder Bremen im Bundesligamatch gegen Bayer 04 Leverkusen. Zu dem Zeitpunkt konnte Krämer allerdings nicht ahnen, dass er Ayik gut drei Jahre später auf dem Rasen gegenüberstehen würde. Als SAV-Verteidiger im Lotto-Pokalfinale gegen den FC Oberneuland.

Es sollte das Spiel seines Lebens werden, wie Björn Krämer rückblickend schwärmt – das die Nordbremer Kicker überraschend und deutlich 4:0 gewannen. Um anschließend bei der Siegesfeier im „Nautilus“ die Nacht zum Tage zu machen.

Es war es frühlingsfrischer Pfingstmontag, als der Bremen-Ligist SG Aumund-Vegesack und der favorisierte Zwangs-Absteiger aus der Regionalliga, FC Oberneuland, auf dem Rasenplatz im Stadion an der Egon-Kähler-Straße aufeinander trafen. In einem Pokalfinale, das unter höchst unterschiedlichen Vorzeichen stand.

Auf der einen Seite der spielstarke, aber von der Insolvenz bedrohte Regionalligist, der schon aus finanziellen Gründen unbedingt die erste DFB-Pokalrunde mit dem dazu gehörenden Geldregen erreichen wollte. Auf der anderen Seite der ambitionierte Bremen-Ligist, der lange das Meisterschaftsrennen offen gehalten und nun die Chance hatte, im DFB-Pokal auf den FC Bayern München zu treffen, wie SAV-Trainer Kristian Arambasic nach dem Schlusspfiff hoffte. Arambasic hatte die Vegesacker in der Saison 2012/13 zu einem spielerisch und taktisch starken Bremen-Liga-Team geformt.

„Wir haben unglaublich viele Übungseinheiten absolviert und auf dem Freimarkt die Herbstmeisterschaft gefeiert“, erinnert sich Björn Krämer, der seit nunmehr drei Jahren SAV-Trainer ist. Das Pokal-Endspiel sei aber auch deshalb erreicht worden, weil vom Abteilungsvorstand um Bernd Siems bis zu den Mannschaftsbetreuern alle ausnahmslos an einem Strang gezogen hätten.

Den letzten Pusch vor dem Anpfiff holte sich das Vegesacker Team schließlich im Hörsaal der Jacobs University bei einer 45-minütigen Videoanalyse des FC Oberneuland. Und dennoch war die Anspannung für den linken SAV-Verteidiger Björn Krämer enorm, als er auf dem Platz Onur Ayik gegenüberstand, dessen Schnelligkeit und Technik ihn drei Jahre zuvor im Weserstadion ja beeindruckt hatten. „Mir war klar, dass ich ihn in Situationen eins gegen eins kaum unter Kontrolle halten konnte“, sagt Björn Krämer. Aber die Abstimmung in der SAV-Abwehr vor allem mit den Innenverteidigern Denis Nukic und Nils Göcke habe auf Anhieb geklappt und deshalb auch Ayik nicht wie gewohnt ins Spiel kommen lassen.

Vegesacks Björn Krämer spricht von einem unfassbar spannenden Match, „in dem wir von der ersten Minute an hoch konzentriert, und mannschaftlich geschlossen auftraten.“ Und das noch heute wie ein Film vor seinem inneren Auge abläuft, wenn er an den 20. Mai 2013 denkt. An keine andere Begegnung könne er sich so detailliert erinnern, wie an das Pokalfinale gegen den FC Oberneuland, betont Björn Krämer.

An viele Spielszenen, in denen die Vegesacker Akteure dem Favoriten den Schneid abkauften und sich stets gegenseitig halfen, wenn der Spielfluss der technisch versierteren FC-Kicker unterbrochen werden musste. Um dann wieder Nadelstiche setzen zu können. Und natürlich erinnert sich Krämer an die Tore, bei denen der Kleinste auf dem Feld, Abdullah Basdas, die Hauptrolle spielte.

Der Favorit hatte zwar stark begonnen und mehr Ballbesitz gehabt, war aber noch zu keiner zwingenden Torchance gekommen, als Matthias Märtens den Ball in der 9. Minute nach einem Diagonalpass aufnahm, direkt auf FCO-Keeper Mandic zusteuerte und von ihm sowie FCO-Abwehrspieler Krogemann nur unzulänglich gestoppt werden konnte. Denn der Ball landete bei Basdas, der ihn aus 14 Metern zum 1:0 für die SAV ins verwaiste Tor schob.

Die SAV-Spieler jubelten, aber erwarteten nun auch machtvolle Antworten des Gegners. Die blieben in der ersten Halbzeit indes weitgehend aus, weil bei den Nordbremern alle Räder wie geplant ineinander griffen. Und als der FC Oberneuland in der zweiten Halbzeit endlich zu altbekannter Stärke zurückfinden wollte, sorgte erneut Abdullah Basdas für die kalte Dusche.

Nach einem Abspielfehler der Stadtbremer im Mittelfeld schnappte sich Basdas die Kugel und zirkelte den Ball in der 46. Minute aus 40 Metern in den linken oberen Winkel des FCO-Tores. Ein Tor des Monats und ein Schock für den Favoriten, von dem er sich nicht mehr erholen sollte.

Björn Krämer: „Es war unglaublich, aber durch diesen Glücksschuss von Abdullah lagen wir 2:0 vorn und merkten natürlich, dass sich beim FCO Zweifel einnisteten.“ Eine Erkenntnis, die den Nordbremern zusätzlich Auftrieb gab. Mohamed Hodzic damals: „Beim 2:0 habe ich Sicherheit gespürt“.

Und die nutzten die SAV zum nächsten Glanzpunkt des Spiels, der Björn Krämer ebenfalls unauslöschlich im Gedächtnis haften geblieben ist. In der 50. Spielminute jubelten die Vegesacker Fans, als Abwehrspezialist Denis Nukic mit einem artistischen Flugkopfball das 3:0 für die SG Aumund-Vegesack erzielt hatte.

Nun ließ sich die Mannschaft von Kristian Arambasic, heute Coach des wieder in die Regionalliga aufgestiegenen FC Oberneuland, nicht mehr von Siegerstraße drängen. Im Gegenteil: Nur eine Minute nach seiner Einwechslung für Matthias Märtens sorgte Ferdi Kök als Joker für den 4:0-Endstand und damit für den erstmaligen und bislang einzigen Einzug in den DFB-Pokal.

Die Vegesacker sorgten vor sieben Jahren für eine dicke Überraschung, weil „die Theorie in der Praxis aufgegangen war“, wie Kristian Arambasic es nach dem Abpfiff formulierte. Der gelernte Abwehrspieler Björn Krämer formuliert es so: „Wir haben extrem gut verteidigt und sind in der Offensive höchst effektiv gewesen.“ Ein exzellentes Zeugnis, das er auch als Trainer sicherlich so oft wie möglich ausstellen möchte.

Das Bremer Pokalfinale 2013 war für die Mannschaft der SG Aumund-Vegesack freilich noch längst nicht nach dem Schlusspfiff beendet. Nicht nur, weil die Fans freudetrunken das Spielfeld in Arsten stürmten. „Sondern auch, weil wir spürten, etwas Großartiges geleistet zu haben“, blickt Björn Krämer zurück. Anders formuliert: Vor 2000 Zuschauern hatte eine konzentriert aufspielende und taktisch glänzend eingestellte SAV den größten Fußball-Erfolg der Vereinsgeschichte erzielt. Entsprechend fielen die Kommentare der Spieler aus. Johannes Metschuck ging davon aus, zwei oder drei Nächte nicht schlafen zu können, Matthias Märtens sprach von dem verdienten Lohn für viel Investition und Denis Nukic sprach von „Wahnsinn, was wir gerissen haben“.

Der in der von Bernd Siems spontan gemieteten Gaststätte „Nautilus“ bis zum nächsten Morgen um 4.30 Uhr gefeiert wurde. Björn Krämer hatte zuvor bei seinem Arbeitgeber um einen freien Tag gebeten, der ihm gewährt wurde. Und noch immer spricht der Vegesacker Coach von einer „ungewöhnlichen Mannschaft“, die sich am Pfingstmontag des Jahres 2013 einen Fußballer-Traum erfüllt hatte.

Und deren Protagonisten in einer Chatgruppe weiterhin Kontakt halten. Der dazu beiträgt, das die Einmaligkeit des Fußballer-Ereignisses nicht in Vergessenheit gerät. Wobei Björn Krämer sich sicher ist, dass dieser Fall nie eintreten werde: „Jeder Zweikampf, jede erfolgreiche Aktion von uns im Pokalfinale gegen den FC Oberneuland bleibt mir im Gedächtnis haften.“

Info

Zur Person

Björn Krämer (39)

wohnt und lebt in Findorff und hat seine Fußballer-Laufbahn bei VfL 07 Bremen begonnen. Als Jugendlicher war er auch für die BTS Neustadt aktiv und wechselte 2001 erstmals von der Bezirkssportanlage an der Nürnberger Straße in Findorff zur SG Aumund-Vegesack, für die er dann fünf Jahre lang als linker Verteidiger, sowie im defensiven Mittelfeld auflief. Anschließend kehrte er zurück zum VfL 07 Bremen, um am 1. Juli 2010 erneut das SAV-Trikot überzustreifen. Dort übernahm der Mannschaftskapitän des Nordbremer Bremen-Ligisten am 1. Juli 2017 das Kommando als Cheftrainer. Krämer, beruflich als Logistiker in der Automobil-Branche tätig, ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen, fünf und ein Jahr alt. Auf die Frage nach seinem schönsten Hobby antwortet er: „Fußball“. In seiner Freizeit kickt er auch noch für die Ü32 und die U40 von Tura Bremen.

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Zur Sache

Der bejubelte Aufstieg oder ein tränenreicher Abstieg. Ein unvergessener Sieg, oder die bittere Niederlage in letzter Sekunde. In unserer neuen Serie „Spiel meines Lebens“ erinnern sich Sportlerinnen und Sportler an den größten Moment ihrer Laufbahn – ganz egal, ob positiv oder negativ.

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