Meine Woche

„Die beste Lehrerin, die ich je hatte“

Der Wecker klingelt um 7 Uhr. Wie immer fällt es mir schwer, mit dem ersten Klingeln aufzustehen. Doch immer noch voller Glücksgefühle vom Tennistraining, schaffe ich es – in den Tag zu starten.
19.05.2020, 15:29
Lesedauer: 5 Min
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Von Karsten Hollmann
„Die beste Lehrerin, die ich je hatte“

Verena Kostyra darf ihren flauschigen besten Freund "Cody" jederzeit „ausleihen“.

WK

Mittwoch, 13. Mai: Der Wecker klingelt um 7 Uhr. Wie immer fällt es mir schwer, mit dem ersten Klingeln aufzustehen. Doch immer noch voller Glücksgefühle vom gestrigen Tennistraining, nach einer gefühlt endlosen Ewigkeit, schaffe ich es – in den Tag zu starten. Ich habe tatsächlich einen leichten Muskelkater. Das ist aber ja auch kein Wunder, denn acht Wochen ohne meinen Lieblingssport lassen den Körper die sonst so gewohnten Bewegungsabläufe dann doch vergessen. Dementsprechend unvorbereitet sind meine Mannschaft und ich auch auf die Punktspielsaison, die nach jetzigem Stand am 14. Juni beginnen soll. Wie und in welcher Form ist uns dabei jedoch allen unklar. Ich bin ehrlich: Ein gutes Gefühl habe ich bei den bisher bekannt gegebenen Bedingungen leider nicht. Dennoch freue ich mich, endlich wieder mit meinen Mannschaftskolleginnen Bente Becker, Julia Thamm, Malin Kück und Lisa Niesmann den Platz unsicher machen zu können. Dabei geben wir unser Bestes, um uns trotz der langen Zeit fit für einen möglichen Saisonbeginn zu machen. Auch heute klingen mir die Worte unseres Trainers, Frank Henk, im Kopf nach: „Tennisspielen ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht“ – damit hat er absolut recht.


Donnerstag, 14. Mai: Eigentlich sollte ich jetzt voller Vorfreude auf die Urlaubsplanung für das Jahr 2020 blicken. Die Realität sieht leider ganz anders aus. So habe ich mich in Gedanken für dieses Jahr, bis auf eine kleine innerdeutsche Reise, von meinem langersehnten Traum-Urlaubsziel bereits verabschiedet. Geplant war eine Reise nach Toronto. In Kanada war ich bereits im Alter von fünf Jahren. Und in diesem Jahr sollte es endlich wieder so weit sein. Gemeinsam mit meinem Lebensgefährten wollte ich in einem kleinen Appartement, direkt am „Lake Ontario“ gelegen, einkehren, die Niagarafälle bestaunen, auf dem 553 Meter hohen „CN-Tower“ die Aussicht über Torontos Innenstadt genießen und schöne gemeinsame Stunden mit unseren dort ansässigen Freunden verbringen. Doch daraus wird nichts. Stattdessen fahren wir also am Nachmittag in ein schwedisches Einrichtungshaus und statten unser Wohnzimmer mit neuer Dekoration aus. Zum Glück habe ich in diesem Bereich das Sagen, sodass ich mich voll und ganz austoben kann. Und so blicke ich ein paar Stunden später zufrieden auf einen gemütlichen Wohn- und Essbereich mit Aussicht auf unseren Garten, denn hier werde ich wohl meine Sommerferien 2020 verbringen. Es gibt aber bestimmt Schlimmeres. Und ganz nebenbei: aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Vorfreude auf unsere Reise nach Toronto im Sommer 2021 ist doch auch etwas Schönes.


Freitag, 15. Mai: Heute vor genau einem Jahr war der wohl wichtigste Tag in meiner beruflichen Karriere, die Abschlussprüfung zum zweiten Staatsexamen in Form einer Lehrprobe. Nach sechseinhalb Jahren Studium und Ausbildung sollte ich mein berufliches Ziel endlich erreichen. Gerne erinnere ich mich an die Aufregung, Nervosität und ja, ich gebe es zu, die unbegründete Panik, zurück. Nun sitze ich, stolz wie Oskar, in meinem eigenen Klassenraum und warte auf meine Schüler, die ich endlich wieder in der Schule begrüßen darf. Gleich zu Beginn der Sprechstunde – unterrichten darf ich noch nicht – verdeutlicht mir ein Erstklässler mit folgender Aussage, warum ich den für mich perfekten Beruf gewählt habe: „Frau Kostyra, du bist die beste Lehrerin, die ich je hatte“. Dass ich auch seine erste Lehrerin bin, behalten wir an dieser Stelle mal für uns. Schritt für Schritt soll nun meinen Schülern der Weg in einen möglichst normalen Schulalltag geebnet werden. Doch das ist in Zeiten von Corona gar nicht so einfach, denn aufgrund von Home-Schooling sind die heterogenen Leistungsunterschiede teilweise noch größer geworden. Dabei kann man jedoch weder den Kindern noch Eltern einen Vorwurf machen. Viele bemühen sich, wo sie nur können. Aber schlussendlich fehlt den Schülern dann doch die Lehrperson, die sie unterstützt und ihnen den uneingeschränkten Zugang zu Bildung ermöglicht. „Unsere“ Kinder sind es, die in diesen Zeiten zu wahren Helden wurden. Denn sie trotzen mit ihrer unermüdlichen Lebensfreude und Energie jeder Einschränkung und machen eben das Beste aus der Situation.


Sonnabend, 16. Mai: Verantwortung für ein Tier zu übernehmen, bedeutet immer, eine Menge an Einschränkungen in Kauf zu nehmen. Dies bin ich aber seit meiner frühen Kindheit gewohnt, und natürlich sehne ich mich auch jetzt nach einem vierbeinigen Begleiter. Als ich im Juli des vergangenen Jahres „flügge“ wurde und aus meinem gut behüteten Elternhaus auszog, musste ich leider unseren Hund Cody zurücklassen. Das brachte meine Mutter, Doris Kostyra, nicht auch noch übers Herz, das einzige Kind und den Hund gehen zu lassen. Zum Glück darf ich mir meinen flauschigen besten Freund jederzeit „ausleihen“. So auch an diesem Vormittag. Mein Vater, Andreas Kostyra, kommt vorbei, um sichtlich erleichtert und in freudiger Erwartung, nicht drei Spaziergänge übernehmen zu müssen, Cody bei uns abzuladen. Ich freue mich auf mein „Hunde-Wochenende“. Meine Eltern genießen die hundefreie Zeit, während ich den Rest des Tages mit einem ausgiebigen Waldspaziergang verbringe. Am Abend besucht mich meine langjährige Freundin Karina Graf. Wir lassen bei einem Glas Wein und guten Gesprächen den Abend ausklingen.


Sonntag, 17. Mai: Regelmäßige Verabredungen mit meinen Eltern gehören seit meinem Auszug zum Pflichtprogramm. Nicht aber, weil sie es verlangen, sondern weil es uns allen guttut. So fahre ich am Morgen gemeinsam mit Cody und „bewaffnet“ mit frischen Brötchen zu ihnen. Sie warten natürlich schon mit einem reichlich gedeckten Frühstückstisch auf mich. Ich sehe ihnen auch an, dass sie sich freuen, mich zu sehen. Auch mir bedeuten solche Momente im Kreise meiner Familie besonders viel, denn ich kann nicht behaupten, dass mir der Auszug leichtfiel. Heute bin ich in meinem neuen Zuhause angekommen und fühle mich dort pudelwohl. Und auch die Beziehung zu meinen Eltern wurde durch meinen Schritt in die Selbstständigkeit noch intensiver. So unterhalten wir uns zwar auch über alltägliche Dinge. Aber wir genießen die gemeinsame Zeit nun auch auf eine andere Art und Weise.


Montag, 18. Mai: Die neue Woche beginnt mit einem schnellen Frühstück. In der Schule führt mich mein Weg zuerst zum Kopierer, denn trotz der ausgefallenen Unterrichtszeit lasse ich es mir nicht nehmen, mit meinen Kindern eine kleine Aufmerksamkeit für ihre Väter zu basteln. Während ich meinen Unterricht vorbereite, kreisen meine Gedanken um die anstehenden Punktspiele. Zu dieser Zeit hätten meine Mannschaft und ich schon mindestens an zwei Wochenenden gemeinsam für einen Punktspielerfolg auf dem roten Sand gekämpft. Ich bin mir aber jetzt weiterhin unsicher, wie ich die fehlende Matchpraxis bis zu unserem ersten Punktspiel aufholen kann. Ich nehme mir vor, am Nachmittag wieder ein kleines Home-Work-out zu absolvieren. Dabei baue ich immer wieder Übungen mit ein, die uns Frank Henk zur Verfügung gestellt hat. So konnten wir uns auch in der Zeit des Lockdowns mit tennisbezogenen Übungen fit halten, inklusive anschließendem Muskelkater.


Dienstag, 19. Mai: Da ich meine Schüler nur in kleinen Gruppen in die Schule einladen kann, muss ich die Inhalte oft wiederholen. So habe ich innerhalb der vergangenen Woche ein und dieselbe Geschichte bereits fünfmal vorlesen müssen. Die Hoffnung, dass die Kinder sich vielleicht unterschiedliche Geschichten aussuchen, wurde dabei leider nicht erfüllt. Auch heute ist es wieder die Geschichte von „Leo Löwe“. Am Nachmittag steht eine Online-Fortbildung mit dem gesamten Kollegium der Schule am Pürschweg an. Trotz der virtuellen Durchführung ist sie für uns alle effektiv und gewinnbringend. Den Tagesabschluss bildet das wöchentliche Mannschaftstraining, auf das ich mich endlich wieder regelmäßig freuen kann. Darüber bin ich sehr dankbar, denn schließlich dürfen nicht alle Sportarten in diesen Zeiten wieder ausgeübt werden. Hoffentlich ist das aber bald wieder der Fall.


Jelka Werner, die Sekretärin und Spielerin beim Bremer GC Lesmona, wird als Nächste über ihre Woche berichten.

Info

Zur Person

Verena Kostyra (26)

ist Mannschaftsführerin der Tennis-Damen des Beckedorfer TC II in der Bezirksliga. Die Grundschullehrerin und Sonderpädagogin fungiert auch als Jüngstenwartin des BTC, bei dem sie bereits seit acht Jahren Mitglied ist.

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