Interview

„Ein Ort mit ungemein schönen Facetten"

Thomas Pörschke ist seit 2001 Mitglied im Beirat Vegesack und hat dort inzwischen das Amt des stellvertretenden Beiratssprechers inne. Der Wahl-Vegesacker spricht mit uns über die Besonderheiten, die Menschen und das Image Vegesacks.
26.08.2016, 00:01
Lesedauer: 5 Min
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Von Annika Mumme

Thomas Pörschke, 53, ist seit 2001 Mitglied im Beirat Vegesack und hat dort inzwischen das Amt des stellvertretenden Beiratssprechers inne. Der gebürtige Gröpelinger und Wahl-Vegesacker spricht im Interview mit uns über die Besonderheiten, die Menschen und das Image Vegesacks.

Herr Pörschke, Sie sind Wahl-Vegesacker?

Thomas Pörschke: Ich bin – meine ich – seit Mitte, Ende der 90er-Jahre hier wohnhaft, an verschiedenen Stellen im alten Vegesack; immer in unmittelbarer Nähe zum Fluss, also der Weser. Es war immer ein Wunsch, hierher zurückzukehren: Einmal der Wunsch, nach Bremen zurückzukehren, weil ich zeitweilig in Niedersachsen gewohnt hatte, und dann ergab sich zufällig, dass eine sehr schöne Wohnung in der Halenbeckstraße frei wurde – in unmittelbarer Nähe des alten Ortsamtes. Da habe ich dann die Gelegenheit ergriffen und bin von diesem Ort Vegesack nie wieder losgekommen. Denn er hat ungemein schöne Facetten.

Welche sind das?

Die eine ist seine dörfliche Struktur. Man trifft, wenn man unterwegs ist – zumindest bei gutem Wetter – immer jemanden, den man kennt und mit dem sich ein gutes Gespräch lohnt. Man hat eine ausgesprochen gemischte Bevölkerung – es gibt hier Arm und Reich. Unterschiedliche Generationen an einem Ort und zugleich – was mich sehr beeindruckt – auch einen sehr traditionsreichen Stadtteil: da wäre der Walfang, der Schiffbau.

Wo halten Sie sich in Vegesack am liebsten auf?

Im Café Erlesenes, im KITO in der Alten Hafenstraße, eines der ältesten Häuser in Bremen. Hier dürfte das Mauerwerk zum Teil aus dem 18. Jahrhundert stammen – das kann man in der Giebelwand sehen, dort ist es in der Wand eingelassen. Dieses Gebäude selbst verkörpert dann auch schon Vegesacker Stadtgeschichte: einstmals ein Packhaus, dann umgenutzt zu vielfältigen kulturellen Zwecken. Soll heißen, dieser Ort atmet Atmosphäre. Ich habe das hier einmal lachend mein aufgeräumtes Wohnzimmer genannt.

Was sind das für Menschen, die in Vegesack leben?

Ich bin Zugereister und jetzt vorsichtig mit meiner Beschreibung der Alt-Vegesacker, sonst nimmt man mir vielleicht manche Formulierung noch übel. Es gibt einen schwierigen Vegesacker Zug, das ist der, dass man allzu oft in die Vergangenheit schaut und sie ein Stück weit bedauert. Mir kommt es vielmehr darauf an, herauszustellen: Was sind die positiven Faktoren dieses Ortes und wo liegen seine Potenziale? Und ich stelle fest, dass viele Leute, die zu meinem Freundes- und Bekanntenkreis gehören, Wahl-Vegesacker sind, die von auswärts kamen und diesen Ort lieben gelernt haben.

Was macht aus Sicht dieser Menschen den Stadtteil so besonders?

Das Kleinstädtische, die Nähe zum Wasser und die unmittelbare Möglichkeit, mit vielen Menschen in Kontakt zu treten und mit ihnen zusammen etwas zu organisieren und zu unternehmen.

Sie bekleiden gleich mehrere Ehrenämter. Was verbindet Sie noch mit Vegesack, abgesehen vom Beirat?

Ich habe 1990 beim Arbeiter-Samariter-Bund in Bremen-Nord angefangen; mit der Betreuung von Flüchtlingen – und zwar als Beruf. Vorausgegangen war eine mehrjährige ehrenamtliche Tätigkeit in genau dem Bereich. Das heißt, ich schaue da auf eine berufliche Praxis von gut 30 Jahren zurück. Und bin im letzten Jahr auf Zeit übergewechselt in das Sozialressort, um dort die Unterbringung von Flüchtlingen in Bremen mit zu koordinieren. Das ist so der berufliche Werdegang, der ist scheinbar recht einfach, aber er hat zu vielerlei Begegnungen mit Leuten aus Kriegs- und Krisengebieten geführt. Wie gesagt, 30 Jahre Tätigkeit in diesem Feld. Und was eben zu meiner Vegesacker Biografie noch dazu gehört, ist selbstverständlich auch: Ich bin seit 2001 Mitglied im Vegesacker Beirat; inzwischen stellvertretender Beiratssprecher, Sprecher meiner Fraktion (die Grünen; Anm. d. Red.) und im KITO der Vorsitzende et cetera. Also viele Funktionen, die mich mit dem Ort verbinden, weil ich immer gesagt habe: Da wo man gerne lebt, soll man sich verantwortungsvoll einbringen und versuchen, etwas mitzugestalten.

Auf dem ehemaligen Vulkangelände ist eine sogenannte „Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und Flüchtlinge“ (ZASt) entstanden. Wie hat das den Stadtteil verändert?

Die erste, und ich sage auch mal einzige Veränderung, die ich mitbekomme, ist die, dass die Zahl der Fahrgäste in der S-Bahn steigt; dass viele Leute mit Taschen und Koffern unterwegs sind, die eben nicht aus Vegesack stammen, sondern aus anderen Ländern dieser Welt kommen, und die sich offensichtlich auf dem Weg zur ZASt oder von da zurück befinden. Ansonsten sind mir persönlich – persönlich muss ich betonen – bis jetzt keine negativen Auffälligkeiten bekannt.

Was genau geschieht hier in dieser ZASt?

Dort werden die Leute aufgenommen, registriert, dort wird entschieden, ob sie in Bremen bleiben oder ob sie eventuell in andere Städte und Gemeinden umverteilt werden. Das heißt, das ist nicht der Ort, wo die Menschen – auch wenn sie in Bremen bleiben dürfen – ihren endgültigen Platz finden werden.

Welche baulichen Maßnahmen wurden ergriffen?

Es sind vielfältige Gemeinschaftseinrichtungen geschaffen worden. Es mussten neue Versorgungsbereiche, Bereiche für die Registrierung entstehen und teilweise recht einfache, aber doch ansprechend gebaute, kabinenartige Zimmer hergestellt werden – wohlgemerkt sind diese nicht vergleichbar mit einer normalen Wohnung. In solchen Einrichtungen gibt es nicht die Privatsphäre einer eigenen abgeschlossenen Wohnung. Aber die Bedingungen sind weitaus besser als die, die wir bisher in provisorischen Quartieren hatten.

Entstehen durch die geplanten Sanierungen in der Grohner Düne auch neue Perspektiven für die Menschen, die den Komplex bewohnen?

Ohne Engagement der Eigentümer wird es nicht gehen. Und man kann das jetzt einfach beantworten, mit dem Grundgesetz: Eigentum verpflichtet. In der Vergangenheit kamen die Wohnungsbaugesellschaften ihren Verpflichtungen nicht nach. Und wenn sie das jetzt ändern wollen und tun wollen, ist das zu begrüßen. Entscheidend ist aber auch, dass die Bewohner der Grohner Düne selber noch aktiver werden – auch wenn viele von ihnen schon aktiv sind. Entscheidend ist auch, in einem kritischen Gespräch zu bleiben – über Fehler, die dort passieren.

Was hatte das Haven Höövt für Auswirkungen auf die Einkaufspassage?

Das Haven Höövt war damals sehr umstritten und mit vielerlei Befürchtungen belegt, die nicht eingetreten sind. Trotzdem war das Haus in seiner Ausrichtung und seinen Ausmaßen eine Fehlplanung, die es zu korrigieren gilt. Etliche Leute fürchteten damals, dass zukünftig das ganze Vegesacker Leben sich dort – unmittelbar an der Lesum-Mündung – konzentrieren würde, und dass die Fußgängerzone an Wirtschaftskraft und Ausstrahlung verlieren würde. Es gab da eine zeitweilige Krisensituation, inzwischen hat sich die Fußgängerzone längst wieder gefangen und der Leerstand ist im Haven Höövt.

Was geschieht weiter mit dem Komplex?

Die Ideen, die jetzt diskutiert werden, finde ich richtig – zu sagen, wir verwandeln einen Teil der alten Fläche in Wohnraum.

Das Vegesacker Image ist nicht das Beste. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Ich glaube, dass sich Bremen-Nord insgesamt häufig unter Wert verkauft und dass man auch gucken muss, welche Tonlage man gegenüber der Politik in der „Stadt“ anschlägt. Man darf nicht immer nur auftreten mit dem Hinweis, was hier alles nicht funktioniert, denn dann findet man auch kein Gehör. Man muss über das sprechen, was dieser Ort zu bieten hat. Leute, die sich hier länger aufgehalten haben, wissen aber,
glaube ich, von den Stärken.

Warum musste das Spicarium, die interaktive Ausstellung unter anderem zu den Themen Schiffbau und Schifffahrt, schließen?

Dafür gibt es viele Gründe, die man aber nicht den Betreibern anlasten kann. Es hätte mehr Leuten bekannt sein müssen – viele wussten nicht von dem Spicarium. Und ein Problem war, – das hat ja auch mit dem Etat zu tun – dieses Angebot durch ein kluges Marketing weit über Bremen hinaus bekannt zu machen. Selbst viele Einheimische wussten nicht vom Spicarium.

Haben Sie einen Herzenswunsch, wenn Sie in die Zukunft blicken?

Hier noch sehr lange und gesund leben zu können. Und die Schönheit hier mit lieben Leuten zu teilen.

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