Fußball

Wiedersehen ohne Handschlag oder Umarmung

Der Bremen-Ligist SG Aumund-Vegesack hat seinen Trainingsbetrieb nach der Corona-bedingten Zwangspause wieder aufgenommen. Trainer Björn Krämer bat sein Personal zur ersten Einheit.
10.05.2020, 14:48
Lesedauer: 4 Min
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Von Jens Pillnick
Wiedersehen ohne Handschlag oder Umarmung

Gesprächskreis mit SAV-Fußball-Boss Bernd Siems (links), Trainer Björn Krämer und Co-Trainer Issam El-Madhoun in der Mitte. Die eingehaltenen Abstandsregeln sind nicht zu übersehen.

Jens Pillnick

Sonnabend, 9. Mai, 12.40 Uhr, Vegesacker Stadion. Björn Krämer platziert Pylonen auf dem frisch gemähten Rasen. Klingt nach Trainer-Alltag. Ist es aber nicht. Denn der 38-Jährige ist gerade dabei, das erste Training des Fußball-Bremen-Ligisten SG Aumund-Vegesack nach der Lockerung der Corona-Beschränkungen vorzubereiten.

Seit Donnerstag ist unter freiem Himmel wieder Training in unbegrenzter Personenzahl gestattet, sofern der Mindestabstand eingehalten wird und jedem Teilnehmer zehn Quadratmeter Bewegungsraum garantiert sind. Bei einem Fußballfeld mit den laut DFB kleinst möglichen Maßen von 90 mal 45 Metern (also 4050 Quadratmeter) kein Problem. Die Vegesacker sind eine der ersten Mannschaften im Land Bremen, die wieder in den gemeinschaftlichen Trainingsbetrieb einsteigen, ab heute werden die anderen nach und nach folgen.

Mitte März hatte Björn Krämer seine Spieler letztmalig zum gemeinsamen Training versammelt, danach fanden die Zusammenkünfte nur noch virtuell statt. Rund zwei Monate hatten sich die Mannschaftsverantwortlichen und Spieler also nicht persönlich gesehen. Die Wiedersehensfreude ist an diesem Sonnabend spürbar, die Begrüßung findet Corona-bedingt mit einem Lächeln und nicht mit einem Handschlag oder einer Umarmung statt. Die Spieler trudeln zum vereinbarten Zeitpunkt um 13 Uhr ein, meist jeder für sich allein, denn auch Fahrgemeinschaften sind untersagt. Und die Kabine als Treffpunkt scheidet ebenfalls aus, die Trakte sind verschlossen, lediglich eine Toilette darf benutzt werden.

„Man freut sich, seine Mitspieler wiederzusehen. Der Kontakt und das Miteinander tut unheimlich gut“, sagt SAV-Defensivmann Marius Bosse. „Zwei Monate nur laufen und Kraftausdauer trainieren sind endlich vorbei. Wir wollen den Ball am Fuß haben“, strahlt Lennart Kettner und ergänzt: „Das Wichtigste ist, die Jungs endlich wiederzusehen.“ Auch wenn die Freude im Moment des ersten Trainings überwiegt, ist die Ungewissheit über den weiteren Saisonverlauf natürlich nicht verflogen. Wird die Saison fortgesetzt oder nicht? Diese Frage ist allgegenwärtig. Sowohl Marius Bosse, als auch Lennart Kettner sprechen sich diesbezüglich für einen Abbruch aus. Kettner ist dafür, dass es keine Absteiger gibt, aber Aufsteiger. Ihn würde es freuen, wenn die Bremen-Liga auf 18 Teams aufgestockt würde und damit vier Partien mehr auf dem Programm stünden.

„Ein Abbruch mit Wertung wäre für die Planung einfacher, als wenn man die Saison einfriert“, plädiert auch SAV-Trainer Björn Krämer für klare Verhältnisse und sieht dies auch als allgemeinen Tenor: „Ich habe gehört, dass 98 Prozent der Vereine für einen Abbruch sind.“ Ein aktuelles Meinungsbild dürfte es an diesem Mittwoch geben, dann hat der Bremer Fußball-Verband die Vereine erneut zur Videokonferenz eingeladen. Da der Ausgang aber noch offen ist, werde laut Krämer jetzt trainiert und von Woche zu Woche geschaut, wie sich die Lage entwickelt – von Verbandsseite, wie auch hinsichtlich der Corona-Regelungen. Immer wieder müsse man sich darüber unterhalten, was in der jeweiligen Situation das Beste sei.

„Spielformen zu machen ist schwierig, aber ich habe eine Wettkampfform ohne Kontakt vorgesehen“, sagt Björn Krämer, für den die Vorbereitung des ersten Trainings unter Einhaltung der Corona-Regeln kein Alltagsgeschäft war. Bei dieser Wettkampfform ginge es darum, Lücken zu finden und am Passspiel zu arbeiten. Gearbeitet wird in den kommenden Wochen, in denen sonnabends und dienstags trainiert werden soll, zudem an der Technik. Torschusstraining steht an diesem Tag übrigens nicht auf dem Programm, dafür fehlt schlichtweg ein Torhüter. Wofür Björn Krämer Verständns zeigt, schließlich sei das erste Training kurzfristig angesetzt worden. Immerhin 13 Spieler hatten ihr Mitwirken einrichten können.

Wenig Verständnis zeigt der SAV-Coach indes dafür, dass nicht alle ihre sportlichen Hausaufgaben erfüllt hätten. Andere hätten hingegen bei ihm um Trainingsmaterial gebeten und beispielsweise im Garten die eine oder andere Übung absolviert. Für einen nicht anwesenden Spieler gibt es Konsequenzen. Im wegen des Mindestabstandes ungewöhnlich großen Kreis teilt Björn Krämer mit, dass Poorya Torabi nicht mehr zum Kader gehöre.

Sicher auch mit dem Negativbeispiel des Bundesliga-Spielers Salomon Kalou von Hertha BSC im Hinterkopf verweist Björn Krämer in dieser Runde noch einmal in aller Deutlichkeit darauf, dass es die Kontakt- und Hygieneregeln unbedingt einzuhalten gelte. Danach richtet auch noch SAV-Fußball-Chef Bernd Siems ein paar Sätze an die Spieler. „Achtet auf die Kontaktvermeidung“, lautet eine der Hauptaussagen. Dann geht es endlich los. Björn Krämer gibt den verbalen Startschuss: „Das, was ihr am meisten vermisst habt, ist der Ball. Schnappt euch zu zweit einen, verteilt euch über den Platz und spielt Pässe über zehn, zwölf Meter.“

Während das erste Mannschaftstraining in Zeiten von Beschränkungen wegen der Corona-Pandemie allmählich Tempo aufnimmt, erinnert Bernd Siems am Spielfeldrand an alte Zeiten, in denen Egon Zube auf dem Trainerstuhl bei der SAV gesessen und nach seiner Verpflichtung vor dem Abstieg bewahrt habe. Auch wenn Zube nur zweieinhalb Jahre bei der SAV war, hätte sich laut Siems eine große Verbundenheit und eine langjährige Freundschaft entwickelt.

Besonders die Reaktion von Egon Zube, der bei der SAV den gefürchteten Cooper-Test einführte, auf seine Entlassung durch den damaligen Abteilungsleiter Jan Niemann beeindruckte Bernd Siems: „Egon ist drei Monate später dem Förderkreis beigetreten.“ Am Sonntag machte sich eine SAV-Delegation um Bernd Siems nun auf den Weg nach Bremerhaven, um am Grab des kurz vor seinem 81. Geburtstags verstorbenen Egon Zube einen Kranz niederzulegen.

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