Gerätturnen trotz Corona

Das Pferd auf Omas altem Teppich

Pablo Broszio trainiert im Büro seines Vaters und Trainers für seinen Traum von Olympia
27.04.2020, 15:21
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Sabine Lange
Das Pferd auf Omas altem Teppich

Das Büro des Vaters als Trainingsstätte. Pablo Broszio kann trotz der Corona-Einschränkungen auf seine großen Ziele hintrainieren.

FOTOS: Christian Kosak

Aumund. Ein Barren und Ringe in der Garage, ein Pferd auf Omas altem Teppich, direkt vor dem Schreibtisch im Büro des Vaters. So sieht die provisorische Trainingsstätte von Pablo Broszio aus. Bremen-Nords erfolgreichster Gerätturner vom TV Grohn lässt sich von der Corona-Zwangspause nicht bremsen, weiterhin auf große sportliche Ziele wie die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2024 in Paris und an den Panamerikanischen Meisterschaften 2022 in Panama hinzuarbeiten. Sein Vater und Coach Jan Broszio unterstützt ihn dabei mit Leidenschaft.

Als im März die Sportstättenschließungen in Bremen angekündigt wurden, war Eile geboten. „Uns war klar, dass wir jetzt schnell handeln müssen“, berichtet Jan Broszio. Unterstützung erhielt das Vater-Sohn-Gespann dabei vom TV Grohn, der den sperrigen Barren, das Pauschenpferd und jede Menge Matten zur Verfügung stellte. Genügend Platz zum Üben an den Geräten bietet das familieneigene Gebäude der Broszios an der Aumunder Feldstraße. Allein das Büro ist mit 180 Quadratmetern Größe fast so geräumig wie die Vereinshalle des TV Grohn.

„Ein bisschen verrückt ist das schon“, gesteht Jan Broszio ein, der in seiner Firma für Energietechnik und Solaranlagen nun auch seinen Sohn trainiert. „So komfortabel hatte ich es noch nie. Hier habe ich, anders als in der Sporthalle, meinen bequemen Drehstuhl und kann zwischendurch auch mal auf den Rechner schauen“, verrät er lachend.

„Nach Absprache mit unserem Gerätewart Karl-Heinz Brunßen haben wir die schweren Turngeräte gemeinsam zum Transport in einen Lkw verladen. Ich bewundere es, dass Pablo trotz der Einschränkungen durch die Corona-Krise weiterkommen will“, erklärt Wolfgang Koschuch, der Trainer und für das Gerätturnen männlich Zuständige beim TV Grohn.

Ungewöhnliche Wege, um auf internationaler Bühne turnen zu können, geht Pablo Broszio mit Unterstützung seiner Familie schon seit längerer Zeit. Weil es für den 17-Jährigen wegen der großen Konkurrenz in Deutschland kaum möglich ist, den Sprung in den Nationalkader zu schaffen, wählten die Broszios den Umweg über Panama, einem Land, in dem Turnen eine elitäre Randsportart ist. Von dort stammt Pablos Mutter Michele. Der 17-Jährige, der inzwischen die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt, bewarb sich für die panamaische Jugendnationalmannschaft und gehört mittlerweile zum Kader. 2019 wurde er in Panama Mehrkampf-Vizemeister mit nur einem Zehntel Rückstand auf den Sieger.

Einen Rückschlag erlitt die gerade begonnene internationale Laufbahn, als sich Pablo Broszio im September des vergangenen Jahres beim Training einen Meniskusriss einhandelte. „Das hat mich noch ehrgeiziger gemacht. Durch die Verletzungspause wurde mir bewusst, welch hohen Stellenwert der Sport für mich hat“, verrät Pablo Broszio. Ins Wasser gefallen ist nach dem Unfall und einer Knie-Operation der geplante Auftritt bei den südamerikanischen Meisterschaften für Panama im Oktober. „Wir sind dann als Zuschauer nach Kolumbien geflogen, denn es war bereits alles gebucht“, erzählt Jan Broszio.

„Für mich war das trotzdem eine wertvolle Erfahrung. Das sportliche Niveau, besonders bei den Brasilianern und auch bei den Turnern aus Kolumbien, war sehr hoch. Da hätte ich nur an den Ringen mithalten können. Ich arbeite daran, mich so zu verbessern, dass ich in den nächsten zwei bis drei Jahren oben ein Wörtchen mitreden kann“, gibt sich der Gymnasiast zielstrebig.

Jetzt bereitet er sich aber erst einmal auf die deutschen Jugendmeisterschaften vor. Wann die stattfinden werden, ist noch ungewiss. Vorher steht noch die Qualifikation über die niedersächsischen Einzelmeisterschaften im Sechskampf der Altersklasse 17/18 auf dem Programm. Dort tritt Pablo Broszio für den TSV Buchholz 08 an.

Der Schwerpunkt im Training liegt derzeit auf dem Seitpferd. „Das ist mein schwächstes Gerät. Da übe jetzt ich jeden Tag. Momentan habe ich die Möglichkeit aufzuholen, mehr zu tun als die Konkurrenz in Südamerika. Denn auch dort sind die Trainingsstätten geschlossen wie bei uns in Deutschland“, erklärt Pablo Broszio. Dass das Üben im Privatgebäude ein Privileg ist, dessen sind sich Vater und Sohn bewusst.

Etliche sportliche Aktivitäten, wie das tägliche Joggen oder das Online-Training, managt Pablo Broszio eigenständig. Doch beim Arbeiten an den Geräten ist „Coach Papa“ immer dabei. Das tückische Seitpferd auf Omas Teppich lieben die beiden nicht so sehr. „Das Pferd ist ein hinterhältiges Gerät. Es war auch mein Hassgerät“, verrät Jan Broszio, der früher selbst aktiver Turner war.

Schwierig beim Hometraining sei es manchmal, die nötige Motivation aufzubringen. Es fehle bei den eingeschränkten Möglichkeiten die Abwechslung. „In der Hinsicht muss ich als Trainer oft mehr arbeiten als sonst üblich“, berichtet Jan Broszio. Das bestätigt auch sein Filius: „Ich vermisse das gemeinsame Training im Verein. Dort feuern wir uns gegenseitig an.“

Neben Pauschenpferd, Barren und seinem Lieblingsgerät Ringe, kann Pablo Broszio die drei weiteren Disziplinen eines Sechskampfes, Boden, Reck und Sprung, in den Weiten des Ingenieurbüros nicht üben. Wohl aber Basisvoraussetzungen für den Leistungssport. Dabei hilft dem Turner des TV Grohn ein Mann aus Miami dreimal in der Woche mit einem drei- bis vierstündigen Onlinetraining. „Ziel dabei ist es, Kraft und Technik weiterzuentwickeln“, erklärt Pablo Broszio. Yin Alvarez, den Olympia-erfahrenen Coach aus den Vereinigten Staaten, hatte der Vegesacker persönlich kennengelernt, als er zusammen mit zwei weiteren Mitgliedern der panamaischen Jugendnationalmannschaft Anfang Februar dieses Jahres ein Trainingslager in Florida absolvierte. Dort wurde er ungleich härter gefordert als derzeit bei seinem Vater im Büro: „Ich habe noch nie solche Schmerzen gefühlt wie bei diesem Trainingslager“, gesteht der 17-Jährige.

Wie sein Trainingsalltag als Leistungsturner aussieht und persönliche Gedanken, teilt Pablo Broszio neuerdings als Youtuber mit. „Das ist auch für Nichtsportler interessant“, findet der Vegesacker. Schon nach kurzer Zeit wurden seine Beiträge 600-mal angeklickt.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+