Meine Woche

Woher kommen am Silvesterabend eigentlich die ganzen Knaller?

Ulrich Temme (59) ist Trainer beim Vegesacker Ruderverein. Er wohnt und arbeitet in Bremerhaven und übernahm im September 2019 das Training in Vegesack.
06.01.2021, 10:50
Lesedauer: 6 Min
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Von Karsten Hollmann

Mittwoch, 30. Dezember: Und es gibt wieder einen grauen Tag an der Küste. Das Aufstehen fällt am Morgen allerdings weniger schwer, da ich seit Montagabend nach der Spätschicht weiß, dass ich in diesem Jahr nicht mehr arbeiten muss. Irgendwie schön zu wissen, dass außer ein paar Besorgungen und einem Termin um kurz vor 11 Uhr für heute nichts mehr auf der To-do-Liste steht. Mittags ist im Vegesacker Ruderverein noch ein Training für unsere jugendlichen Leistungssportler angesetzt. Auf meiner täglichen Fahrt zum Training habe ich dann immer genügend Zeit, mir grundsätzlich ein paar Gedanken zum bevorstehenden Training auf dem Wasser zu machen. Wir Ruderer können uns ja noch glücklich schätzen, unseren Sport an der frischen Luft ausüben zu dürfen. Aber es muss eben auch alles coronakonform ablaufen – im Einer oder im Zweier. Ich bin immer wieder erstaunt und überrascht, wie es unsere jungen Sportler schaffen, sich den schwierigen Begleitumständen zu unterwerfen. Dass sie nie den Mut verlieren, sich Ziele setzen und definieren, sich positiv auf ein hoffentlich besseres Sportjahr 2021 gezielt und strukturiert vorbereiten. Nicht wissend, ob sich die Situation im neuen Jahr wirklich grundlegend verbessert. Auf der Heimfahrt nach Bremerhaven ziehe ich dann ein positives Fazit im Hinblick auf ein gutes Training. Nach zwei Stunden im Motorboot brauche ich erst einmal eine gewisse Zeit, um wieder warm zu werden.

Donnerstag, 31. Dezember: Eigentlich sind solche Tage ja schön, grau und regnerisch. Der letzte Tag im Jahr passt zur Situation. Man braucht sich durch die ganzen Corona-Beschränkungen keine Gedanken zu machen, wie sich der vor einem liegende Tag entwickeln wird. Bleiben wir also die meiste Zeit des Tages zu Hause und versuchen, die sich ergebende Zeit sinnvoll zu nutzen. Es ist immer irgendwelcher Papierkram zu erledigen. Man könnte sich auch noch mal in den eigenen vier Wänden nützlich machen. Da sich meine Gruppe zum abschließenden Training in diesem Jahr im Bootshaus treffen wird, habe ich die Möglichkeit, noch einmal frische Luft im Motorboot zu tanken. Ich wünsche mir für meine Sportler eigentlich nur eins: Dass sie im neuen Jahr endlich wieder Wettkämpfe besuchen dürfen. Sie sollen die Gelegenheit erhalten, sich mit anderen Sportlern zu messen, sich vielleicht auch belohnen zu können für die Schinderei das ganze Jahr über. Auch sind meine Gedanken bei meiner Mutter, die sich seit Anfang November im Krankenhaus befindet. Ich verbringe den Silvesterabend allein ohne Knallerei. Wo haben die Leute eigentlich trotz des Verkaufsverbots die ganzen Knaller herbekommen? Sind es Restbestände? Ich persönlich habe für diese Sachen seit Jahrzehnten kein Geld mehr ausgegeben.

Freitag, 1. Januar: Ich verbringe einen schönen Freitag und habe auch keinen Kater vom Vorabend. Meine Vorsätze für das neue Jahr beziehen sich in erster Linie auf die Corona-Pandemie. Die Hauptsache wird sein, dass wir diese irgendwie über- beziehungsweise bestehen. Wichtig ist dabei in erster Linie, dass durch die Impfungen Menschenleben gerettet werden. Morgen geht es wieder los mit der Arbeit. Ich habe Spätschicht am Sonnabend und am Sonntag. Mal schauen, was Maersk-Line uns wieder alles zur Abfertigung an die Bremerhavener Kaje schickt.

Sonnabend, 2. Januar: Ich fahre zuerst zum Training nach Vegesack und dann zur Arbeit zurück nach Bremerhaven. Ich erlebe einen ausgefüllten Tag. Das Training ist super gut, die Kids sind alle gut drauf. Ich freue mich auf morgen. Sonntags werden im Winter immer Belastungen gefahren. Für morgen stehen zweimal 20 Minuten mit sich ändernden Schlagzahlen auf dem Programm. Auf der Arbeit absolviere ich meine erste Schicht im neuen Jahr. Im Oktober 1999 habe ich beim North-Sea-Terminal Bremerhaven (NTB) als Diplom-Wirtschaftsingenieur im Operations-Bereich angefangen. Um 13.40 Uhr löse ich meine Kollegin aus der Frühschicht ab. Wir müssen im Büro eine Maske tragen, haben uns aber daran gewöhnt. Es ist gut, dass es bei uns in der Firma erst zwei Corona-Verdachtsfälle gegeben hat, wir also im Großen und Ganzen verschont wurden. Ich muss das Containerschiff „Santa Barbara“ für Sonntagmorgen vorbereiten. Dabei sind rund 1100 Container gemäß Stau-Vorgaben in das Schiff zu verplanen. Das ist bis 21.45 Uhr aber nicht das Problem. Der Kollege in der Nachtschicht möchte ja auch seine Ruhe haben. Gegen 18 Uhr muss ich dann doch mal das Handy bemühen. Ich schaue nach, wie Werder Bremen in der Fußball-Bundesliga gegen Union Berlin gespielt hat. Verdammt, obwohl ich als gebürtiger Osnabrücker seit Jahr und Tag den Lila-Weißen die Treue halte, muss das nicht sein – 0:2 gegen Union. Ich kann Werders Trainer Florian Kohfeldt verstehen. Das war gar nichts. Ich muss da immer an Ex-Trainer Thomas Schaaf denken, der irgendwann, glaube ich, mal gesagt hat, dass der, der gewinnen will, immer ein Tor mehr schießen muss als der Gegner. Ich wünsche mir, dass es nicht wieder die Relegation wird, die ja auch der HSV zweimal in Folge absolvieren musste.

Sonntag, 3. Januar: Am Morgen stehen die Belastungen für meine Ruderer auf dem Plan. Die Wasserverhältnisse auf der Lesum sind eigentlich recht gut. Nur haben wir sehr stark mit dem ablaufenden Wasser zu kämpfen. Richtung Burger Brücke geht es gegen die Strömung doch relativ langsam voran. Auf dem ersten Rückweg übernehme ich meine beiden großen Jungs, Ole Grünert und Jan Schlegel, beide knapp über zwei Meter groß, im Zweier ohne Steuermann. Die ersten 20 Minuten stehen ihnen ins Gesicht geschrieben. Wie heißt es doch so schön bei Wilhelm Busch, und der zweite Teil folgt sogleich. Sie schieben das Boot an und arbeiten konzentriert. Und auf einmal, also etwa drei Minuten vor Ende der Belastung, fängt das Boot an zu laufen. Für den Außenstehenden ist dies schwer zu beschreiben. Aber als Trainer sieht man das, wenn beide Sportler auf einmal trotz der Anstrengung anfangen zu grinsen, das Boot dann förmlich übers Wasser fliegt. Ich erkenne glückliche Gesichter bei Jan und Ole. Ist hier ein Knoten geplatzt? Auch bei den anderen Sportlern scheint es gut gelaufen zu sein. Schließlich herrscht eine gelöste Stimmung vor dem Bootshaus beim Säubern der Boote. Wir haben unser Tagesziel erreicht. Bei der Arbeit muss ich an Ole und Jan denken. Das war Rudern heute Morgen. Zwar nicht in Vollendung, aber es kam dem Optimalen sehr nahe. Ich erinnere mich zurück an meine Anfänge auf dem Osnabrücker Stichkanal, an das monotone Motorengeräusch des Motorbootes hinter unserem Boot. Unser damaliger Vereinstrainer Ralf Holtmeyer, der jetzige Chef-Bundestrainer des Deutschen Ruderverbandes, saß im Motorboot und grinste die ganze Zeit. Es gab monotone Ansagen alle 500 Meter. Wir erreichten Zeiten von 2:01 bis 2:04 Minuten. Verdammt, wie schnell wir damals waren. Ein Highlight, das jeder Sportler für sich selbst in der einen oder anderen Form erlebt. Deshalb macht es so viel Spaß, mit seinen Sportlern solche Momente zu erleben. Deshalb wird man Trainer, weil man etwas selbst Erlebtes weitergeben kann. Ole und Jan hatten ihr Dé­jà-vu heute Morgen. Ich freue mich für beide – es sind super Jungs. Ich bin echt stolz. Darüber hinaus freue ich mich über den überraschenden 2:1-Sieg meines VfL Osnabrück in der 2. Fußball-Bundesliga beim Spitzenreiter Holstein Kiel. Vor allem das Freistoßtor zum 2:0 von Sebastian Kerk war schon richtig spitze. Das hätte ich selbst nicht besser machen können.

Montag, 4. Januar: An meinem freien Tag habe ich coronakonform zum Frühstück mit zwei Personen aus zwei Haushalten eingeladen. Die Regeln werden dabei natürlich strikt eingehalten. Ich frage mich, ob am Abend meine Fischtown Pinguins in der Eishockey-Bundesliga DEL spielen. Meine Internet-Recherche ergibt, dass sie erst am Mittwochabend zu Hause gegen Wolfsburg antreten. Neben dem Rudern ist in den vergangenen Jahren das Eishockey als Nummer zwei und an dritter Stelle der Fußball zu meiner Favoriten im Bereich Sport-Support avanciert. Seit meinem Studium in Bremerhaven gehe ich regelmäßig zu den Heimspielen der Fischtown Pinguins. Die Schnelligkeit dieses Sports nimmt einen immer wieder aufs Neue mit. Dass „wir“ es in den vergangenen Jahren immer geschafft haben, die Play-offs zu erreichen, macht einen schon ein wenig stolz.

Dienstag, 5. Januar: An meinem 59. Geburtstag beschenke ich meine Sportler mit einer Rudereinheit. Ich bin mal gespannt, was sich meine Schützlinge so für mich als Überraschung ausgedacht haben.

Philipp Spieker, der Kicker des B-Junioren-Regionalligisten JFV Bremen, wird als Nächster über seine Woche berichten.

Info

Zur Person

Ulrich Temme (59)

ist Trainer beim Vegesacker Ruderverein. Er wohnt und arbeitet in Bremerhaven und übernahm im September 2019 das Training in Vegesack. Der Diplom-Wirtschaftsingenieur für Transportwesen und Logistik ist nicht verheiratet oder liiert.

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