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Ausstellung über Uni-Areal geplant

Die Geschichte des Standorts der Jacobs University ist wechselvoll. Mit seinen Studenten arbeitet der Historiker Rüdiger Ritter sie auf. Ziel ist der Aufbau einer Ausstellung. Nun werden Zeitzeugen gesucht.
25.03.2021, 09:00
Lesedauer: 3 Min
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Ausstellung über Uni-Areal geplant
Von Julia Ladebeck
Ausstellung über Uni-Areal geplant

Rüdiger Ritter arbeitet die Geschichte des Standorts der Jacobs University gemeinsam mit seinen Studenten auf.

Christian Kosak

Grohn. Unterkunft eines Flakregiments im nationalsozialistischen Deutschland, Lager für sogenannte Displaced Persons, Bundeswehrkaserne und schließlich Universitätsgelände: Die Geschichte des Standorts der Jacobs University in Grohn ist wechselvoll. Gemeinsam mit seinen Studentinnen und Studenten arbeitet der Historiker und Lehrbeauftragte Rüdiger Ritter sie derzeit auf. Ziel ist der Aufbau einer Ausstellung. Weil es inhaltlich nicht nur um die Baugeschichte, sondern auch um die Beziehung der Grohner Bürger zu dem Areal gehen soll, werden jetzt Zeitzeugen gesucht.

„Wir wollen auch die Verbindung zu den Nachbarinnen und Nachbarn in der jeweiligen Phase dokumentieren“, erläutert Ritter. Der Historiker bietet in diesem und im kommenden Semester jeweils eine Lehrveranstaltung zur Geschichte des Standortes an. Im Zuge der Veranstaltungen beschäftigen die Studentinnen und Studenten sich mit der Vergangenheit des 34 Hektar großes Areals, forschen zu verschiedenen Aspekten und bereiten die Einrichtung eines hybriden Nachbarschaftsmuseums auf dem Uni-Gelände vor.

Das Vorhaben ist Teil des Community Impact Projects, eines integralen Bestandteils des Studiums an der Jacobs University (wir berichteten). Im Zuge des Projekts setzen die Studenten ihr Fachwissen zugunsten der Gesellschaft und des Stadtteils ein und sammeln gleichzeitig praktische Erfahrungen. Es wurde von Jakob Fruchtmann, Soziologe an der Jacobs University, initiiert. Unterstützt wird es von der Jacobs Foundation und der Wolfgang-Ritter-Stiftung. Eine Ausstellung, in der es um die Geschichte des Areals und die Beziehungen der Menschen zur jeweiligen Nutzung geht, davon ist Ritter überzeugt, ist sowohl für die Universität als auch für die Bremer Bürgerinnen und Bürger sinnvoll und von Interesse.

Genügend Stoff für spannende Geschichten bietet der Standort der heutigen Jacobs University, sagt Ritter. So habe es dort in der Nachkriegszeit beispielsweise einen regen Schwarzhandel zwischen den Bewohnern des Lagers und den Nachbarn gegeben. Im „Camp Grohn“, wie es damals hieß, lebten bis zu 5000 Displaced Persons – ehemalige Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter oder KZ-Insassen des NS-Regimes, die hier auf ihre Auswanderung oder Rückführung in ihre Heimatländer warteten. Das Camp, betrieben von einer Unterorganisation der Vereinten Nationen, war laut Ritter eines der größten seiner Art in den westlichen Besatzungszonen.

Errichtet wurden die Backsteingebäude Mitte der 1930er-Jahre. 1938 zogen die ersten Soldaten des Flakregiments 26 ein, die Norddeutschland vor den Luftangriffen der Alliierten schützen sollten. „Einer der prominentesten Soldaten war Helmut Schmidt. In seiner Rede zur Gründung der Universität erinnerte der ehemalige Bundeskanzler an diese Zeit“, so Ritter. Auf die Wehrmacht folgten 1945 für kurze Zeit die Amerikaner, auf die Flüchtlinge die Soldaten der Bundeswehr, die den Standort 1955 übernahm und als Kaserne nutzten. Und 2001 schließlich zogen die ersten Studentinnen und Studenten in die Gebäude ein, die zuvor entsprechend umgebaut worden waren.

Schon seit 2015 beschäftigen sich Studentinnen und Studenten in Lehrveranstaltungen des fächerübergreifenden Studienangebots „General Studies“ von Rüdiger Ritter mit der Geschichte des Areals. Dass sie ganz konkret auf eine Ausstellung hinarbeiten, ist jedoch neu. „Wir haben schon einiges an Material zusammengetragen. Aber es würde mich freuen, wenn wir durch die Unterstützung von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen noch stärker die Verzahnungen und Querverbindungen mit dem umliegenden Ort aufzeigen können“, sagt Ritter. Der Historiker hofft darauf, dass ehemalige oder jetzige Nachbarn vielleicht Fotografien, Dokumente oder Tagebucheintragungen aus der Vergangenheit besitzen und für die Ausstellung zur Verfügung stellen.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten gezielte Rechercheaufträge zu ganz verschiedenen Projekten. Einige erstellen beispielsweise Infopunkte in Form von digitalen Stolpersteinen – per Smartphone abrufbare Informationen zu einzelnen Gebäuden, Gebäudeteilen oder auch Ereignissen. „Das kann zum Beispiel ein Augenzeugenbericht von einer ehemaligen Displaced Person sein“, meint Ritter. Kontakte zu ehemaligen Bewohnern des „Camp Grohn“, die heute in den USA leben, gibt es bereits. Auch ein Lageplan der Gebäude mit Angaben ihrer Nutzung von den 1930er-Jahren bis jetzt ist geplant.

Die spätere Ausstellung wird virtuelle und analoge Elemente kombinieren. Neben der digitalen Aufarbeitung ist eine permanente Ausstellung geplant, die im Dezember 2021 in einem Raum auf dem Campus der Jacobs University eröffnet werden soll. Wie sie aussehen soll, ist noch völlig offen: „Das entsprechende Konzept werden die Studentinnen und Studenten im Laufe der Lehrveranstaltung selbst entwickeln“, erklärt Ritter.

Info

Zur Sache

Für das Nachbarschaftsmuseum

Zeitzeugen und Material gesucht: Der Historiker Rüdiger Ritter hofft darauf, dass ehemalige oder jetzige Nachbarn des heutigen Jacobs-University-Geländes Fotografien, Dokumente oder Tagebucheintragungen aus der Vergangenheit besitzen und für die Ausstellung zur Verfügung stellen. Rüdiger Ritter ist erreichbar unter der Telefonnummer 01 52 / 27 56 49 16 und per E-Mail unter RRitter@gmx.de.

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