Millionenprojekt in Vegesack Hartmannstift wird Baustelle

Auf dieses Projekt warten die Vegesacker Beiratsfraktionen seit mehr als einem Jahrzehnt: Das Hartmannstift wird zur Baustelle – und das Gelände zum Quartier. So hat es jetzt die Politik entschieden.
13.01.2021, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Hartmannstift wird Baustelle
Von Christian Weth

Erst war es Krankenhaus, später Behördensitz, dann Flüchtlingsunterkunft – und jetzt wird das Hartmannstift Baustelle. Die Deputation hat am Dienstag gemacht, worauf Investor Thorsten Nagel und seine Partner gehofft haben: ihren Plan für gut befunden, der aus dem früheren Klinikgelände ein Wohnquartier mit einer Tagesstätte für Kinder und einer für Senioren macht. Es ist ein Großprojekt, auf das die Vegesacker Beiratsfraktionen seit Längerem warten – unterm Strich seit mehr als einem Jahrzehnt.

Immer wieder gab es Interessenten, immer wieder Kaufangebote, immer wieder Absagen. Bis 2018 ging das so. Ein Jahr später stellte Nagel erstmals vor, was er und andere mit den Gebäuden und dem Grundstück Ecke Gerhard-Rohlfs- und Schulkenstraße vorhaben. Es sind zwei Firmen, die den Zuschlag für das ein Hektar große Gelände bekommen haben – Nagels Ingenieursgesellschaft Procon und die ELB Grundstücksverwaltung, die zur Lürssen-Gruppe gehört. Ihr Verbündeter bei dem Vorhaben ist die Gewoba. Dass Bremens größte Wohnungsbaugesellschaft mitmacht, kommt nicht von ungefähr. Sie übernimmt den geförderten Wohnraum des Quartiers.

Alles soll weg, was nicht original ist

Als die Partner das Projekt das erste Mal vorstellten, zeigten sie mehrere Entwürfe von Architekten: hier das Grundstück von oben, dort ein Gebäude von der Seite. Jetzt gibt es neue Ansichten. Sie sollen deutlich machen, wie das Hartmannstift mal aussah – und wie es künftig aussehen soll. Nagel sagt, dass der historische Backsteinbau nahezu wieder so sein wird, wie er ursprünglich war. Alles soll weg, was nicht original ist: der Anbau rechts, der Anbau links, die Treppen am Eingang, die Dachterrasse, eine Etage. Der Investor spricht von Verletzungen des Gebäudes und davon, dass sie nicht kaschiert werden sollen, weil sie seiner Meinung nach zu einem 133 Jahre alten Haus dazugehören.

Der Abriss der Anbauten wird das Erste sein, was die Arbeiter angehen sollen. Nagel geht davon aus, dass im Mai, spätestens im Juni damit begonnen wird, alles abzutragen, was im Lauf der Jahre an Erweiterungstrakten dazugekommen ist. Er und seine Partner wollen Platz schaffen – allerdings nicht, damit das Stiftsgebäude ein frei stehendes Stiftsgebäude wird, sondern für einen anderen Neubau neben dem Altbau. Der Gebäudeteil links vom Hartmannstift wird durch einen mehrgeschossigen Komplex ersetzt, der quasi zweigeteilt ist: unten eine Tagesstätte für Senioren, oben Wohnungen. Nach seiner Rechnung kommt die Pflegeeinrichtung auf rund 400 Quadratmeter.

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Der Neubau soll das Hartmannstift flankieren – genauso wie ein zweites mehrgeschossiges Gebäude auf der rechten Seite. Auch das soll unterschiedlich genutzt werden. Auch das sieht oben Wohnungen und unten eine Tagesstätte vor. Nur ist die eben für Kinder. Vier Gruppen soll es geben und rund 90 Plätze. Nagel sagt, dass die Kita von Anfang an eingeplant war. Und dass der Bedarf mit der Bildungsbehörde frühzeitig abgesprochen worden ist. In keinem anderen Nordbremer Stadtteil fehlen mehr Betreuungsangebote als in Vegesack. Es ist deshalb nicht das erste Projekt, bei dem ein Investor den Bau von Wohnungen mit dem Bau eines Kindergartens kombiniert.

Und nicht das Einzige, das sich für verschiedene Nutzer öffnet: Nach dem Plan der Projektentwickler soll der Zaun, der das Grundstück von der Grünanlage entlang der Schulkenstraße abgrenzt, weggerissen werden. Nagel will beim Park einen Spielplatz für Kinder und einen Treff für Jugendliche anlegen. Aus dem Quartier soll ihm zufolge ein Quartier für alle werden. Deshalb sind auch mehrere Zugänge geplant: Wer von der Gerhard-Rohlfs- zur Albrecht-Roth-Straße will, soll künftig quer über das Gelände gehen können. Und umgekehrt. Auf einer Freifläche haben die Architekten mehrere Bänke unter Bäumen eingezeichnet. Sie sollen für die neue Mitte des Wohnprojekts stehen.

70 Wohnungen in sieben Gebäuden

Ursprünglich hat das Konzept für das frühere Krankenhausgelände mal anders ausgesehen. Auch Handwerksbetriebe und Geschäfte sollte es geben. Jetzt geht es – abgesehen von den beiden Tagesstätten – ausschließlich ums Wohnen. Rund 70 Einheiten in sechs Neubauten plus Hartmannstift sind geplant. Vier der Gebäude übernimmt die Gewoba. Die Wohnungen, die von ihr verwaltet werden, messen mal 45, mal 90 Quadratmeter. Das ist auch die Zahl, die Nagel als Einheitsgröße für die Wohnungen im umgebauten Hartmannstift nennt. Neun soll es geben, verteilt aufs Souterrain und die beiden Etagen darüber. Im Dachgeschoss wird nicht gewohnt. Das sollen die Bewohner als Abstellraum nutzen können.

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Wie die Etagen des Altbaus im Detail aufgeteilt werden sollen, steht noch nicht fest. Aber anderes: Zum Beispiel, dass der Eingang zum Hartmannstift ebenerdig wird. Zum Beispiel, dass manche Fassadenfenster breiter und höher werden als die Fronttür. Zum Beispiel, dass die Wohnungen nicht bloß über das Treppenhaus zu erreichen sind, sondern auch mit einem Fahrstuhl. Nagel sagt, dass der Aufzug sein muss, damit es im früheren Klinik- und späteren Bauamtsgebäude fortan nicht mehr gibt, was es bislang immer gab: Barrieren. Die Wohnungen, sagt er, sollen schließlich für jeden sein. Für jeden, der zur Miete wohnen will. Zu kaufen ist keine.

Das gilt auch für die Wohnungen in den drei Gebäuden, in denen der Quadratmeterpreis nicht staatlich subventioniert wird. Hinter dem Hartmannstift wollen Grundstücksverwalter ELB und Projektentwickler Procon vor allem Zwei- bis Drei-Zimmer-Appartements anbieten, die mal 65, mal 75 Quadratmeter groß sind. Zwei der Häuser nahe der Albrecht-Roth-Straße stehen auf einer Tiefgarage, in der ein Großteil der Bewohner parken soll. Mit ihrem Bau wollen die Investoren beginnen, sobald der Abriss der Anbauten am Hartmannstift beendet ist. Nagel hofft, dass der Quartiersbau in diesem Jahr beginnt und 2024 abgeschlossen ist. Das Investitionsvolumen beziffern die Projektpartner auf rund 20 Millionen Euro.

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