Hotel Strandlust Vegesack

Mit einer Träne im Knopfloch

Nach 122 Jahren hat die Strandlust in Vegesack ihre Türen geschlossen. Das tritt nicht nur die Menschen in Vegesack, sondern auch viele andere Menschen aus der Region. Anlass für einen wehmütiger Blick zurück.
06.09.2020, 16:59
Lesedauer: 3 Min
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Von Michael Brandt und Silke Hellwig

Auch wenn die eigentliche Blütezeit ein paar Jahre zurückliegen mag – dass diese Institution nach mehr als 120 Jahren schließen könnte, war im Grunde undenkbar. Dass es doch so weit gekommen ist, kann entsprechend niemanden aus Bremen und der Region kalt lassen. Mit einer Träne im Knopfloch verfolgt man den Schlussakt des Traditionshauses: Das Personal hat auf- und ausgeräumt. Die letzten Gäste sind abgereist, die Lichter ausgeknipst. Die gläserne Eingangstür öffnet sich nicht mehr den Besuchern.

Das Hotel Strandlust Vegesack: Schon allein der Name hat Klang. Heute heißen Tagungshotels ProArte oder 24/7 oder INNSiDE. Dagegen ist der Name Strandlust, einst ergänzt durch „Etablissement“, ein Versprechen aus der Vergangenheit. Aus der Zeit, in der die Kleidungordnung „casual“ nur zu Hause galt und man sich in den Sonntagsstaat warf, um auf der Sonnenterrasse des Hotels zu kaffeesieren. Sehen und gesehen werden, für die Dame zum Butterkuchen mit Schmand ein Likörchen, für den Herrn am Abend eine Lüttje Lage. Der liebenswert-altmodische Name stand Modernität nie im Weg: Die Strandlust war kein plüschiges Haus mit schwerem Samt, Silber und Kronleuchtern in jedem Raum. Es ging mit der Zeit.

Dennoch war das Haus nie ein ProArte und wollte es nie sein. Die Strandlust war eine feste Adresse der gehobenen Hotellerie und Gastronomie – für Vegesacker, für Bremen-Norder und Ausflügler von irgendwoher, für Familienfeiern, Klassentreffen und Verwandtenbesuche. Am Wochenende ging man dort schick essen oder zum Nachmittagskaffee, beobachtete, wie die Fähre Autos übersetzt, und schlenderte anschließend die Weser-Promenade entlang.

Schon die Lage ist exzellent, direkt am Wasser, rechts vom Fähranleger, das Haus etwas zurückgesetzt hinter dem Parkplatz. Die wichtigen Gäste – darunter insbesondere regionale und nationale Spitzenpolitiker, aber auch die Könige von Tonga und Thailand – wurden mit dem Wagen bis unters von zwei Säulen getragene Dach vor die Tür gefahren. Die anderen krochen derweil mit ihren Autos auf dem großen, aber meist komplett belegten Parkplatz herum, in der Hoffnung, doch noch einen freien Fleck zu finden.

Der Ort ist – mindestens für Bremen-Nord – stets ein Dreh- und Angelpunkt gewesen, von Beginn (1898) an. Hier haben sich Friseure aus der gesamten Bundesrepublik getroffen, um neue Trends zu präsentieren. Hier haben Kinderchöre aus Norddeutschland im Wettstreit geträllert um eine Trophäe, die „Rolands Gürtelschloss“ hieß. Hier gab es einen Kellner, der Sektflaschen mit dem Säbel köpfen konnte. Reiter, Schützen und Ruderer haben in der Strandlust ihre Feste gefeiert. Und bei den Feiern ist nicht selten die 1000-Gäste-Marke geknackt worden. Dann stauten sich die Autos die Straße Zur Vegesacker Fähre entlang.

Unzählige Parteitage fanden in den Sälen statt, die Bundeskanzlerin sprach hier zu Bremens Christdemokraten. Der SPD-Unterbezirk Bremen-Nord tagte regelmäßig, ebenso wie eine Reihe von Vereinen und Verbänden. Die Strandlust war Adresse für Bälle und rauschende Feste, Jahreshauptversammlungen, Skat- und Bridgeturniere, Lesungen, für Konzerte, Empfänge, Versammlungen und Treffen aller Art. Für die Wochen vor Weihnachten war schon Monate zuvor kein Raum mehr zu bekommen. Oben trafen sich kleinere Gruppen zum Gänse­essen an langen Tischen mit gestärkten blütenweißen Tischdecken, und im großen Saal drehte sich die Discokugel, dort tanzten Kollegen mit Kollegen oder Kunden.

Das alles ist Vergangenheit. Ein letztes Aufbäumen gab es in den vergangenen Jahren, als die Strandlust den Trend mitmachte und zum Oktoberfest einlud. Da haben Hanseaten tatsächlich die Lederhose angezogen und im noblen Hotel auf den Tischen getanzt – zu Blasmusik!

Die Veranda der Strandlust war eigentlich keine, eher ein geschlossener Raum, praktisch der kleine Saal. Sie war mit ihrer durchgehenden Fensterfront der beste Platz, um auf die Weser zu gucken, wenn es draußen zu regnerisch oder zu kalt war. Draußen zogen am Abend beleuchtete Schiffe vorbei, drinnen wurde Politik gemacht. An den Tischen der Veranda wurden Weichen für den Stadtteil gestellt und Projekte präsentiert. Investor Frank Albrecht präsentierte hier einst das Haven Höövt. Hier wurden Pläne für den Sedanplatz diskutiert und nachts um drei Verabredungen quer über alle Parteigrenzen hinweg getroffen.

Das Haus muss ein Ort der Begegnung bleiben. Das ist die Formel, auf die sich alle Reaktionen zur Schließung bringen lassen. Das war die Strandlust: ein Ort, an dem sich Menschen begegnet sind. Mit Blick auf die Weser Kuchen essen und Bier trinken, das kann man in der Region an zahlreichen Orten. Aber zu sagen, „Wir gehen in die Strandlust“, das war etwas Besonderes. Es wird fehlen.

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