Interview mit Sebastin Lehmann

„Ich mache mich auch über mich lustig“

Sebastian Lehmann ist Lesebühnenautor, Poetry-Slammer und Kleinkünstler. Vor seinem Auftritt am 13. April im Kito Vegesack spricht er im Interview über seltsame Elternlogik und überfürsorgliche Mütter.
12.04.2019, 18:04
Lesedauer: 4 Min
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Von Alexander Bösch
„Ich mache mich auch über mich lustig“

Sebastian Lehmann tritt mit seinem Programm "Elternzeit" am 13. April im Kito in Vegesack auf.

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Beim Titel Ihres Programms „Elternzeit“ könnte man denken, Sie sprechen auf humorvolle Weise über die Situation junger Eltern ...

Sebastian Lehmann: Ein bisschen war das auch die Idee, für Irritationen zu sorgen, mit dem Wort zu spielen. Ich beschäftige mich auch teilweise damit, wie es wohl sein könnte, wenn ich Vater würde – auch wenn das gerade nicht ansteht.

Hauptsächlich geht es aber um unfreiwillig komische Telefonate mit Ihren Eltern, die Sie aufleben lassen und die als erfolgreiche Radiopodcasts beim RBB und im Südwestfunk laufen. Schreiben Sie immer alles genau mit?

Ich mache mir tatsächlich hinterher oft Notizen. Vor allem, wenn es mal wieder komische Sprüche oder Ansichten zu hören gab. Manchmal sagt meine Mutter zwar: „Das verwendest du jetzt aber bitte nicht!“ Aber das mache ich dann natürlich trotzdem. (lacht)

Ihr Vater sagt über Ihr Dasein als Künstler angeblich „Was? Die Leute zahlen, um dich zu sehen? Wir haben viel gezahlt, damit wir dich nicht mehr sehen müssen!“ Falls Sie aus der Kirche austreten, will man Sie enterben, mit den Weihnachtsgeschenken wird bereits im August angefangen, Ihre Mutter will schon mal den Apfelkuchen „instagrammen“...

Das ist natürlich ein bisschen der Spaß, dass man nie genau weiß, was tatsächlich gesagt wurde und wo ich übertrieben oder zugespitzt habe. Wenn ich mir in den Finger geschnitten habe und dann im erinnerten Gespräch bei einer im Oberschenkel gelandeten Kettensäge lande, ist wohl jedem klar, dass da die Fantasie mit mir durchgeht. Was die überzogene Sorge meiner Mutter angeht, als ich mir in den Finger geschnitten hatte – da habe ich keinen Deut übertrieben!

Im 2018 erschienenen „Mit deinem Bruder hatten wir ja Glück“ haben Sie diese Telefonate in Buchform veröffentlicht. Der fast gleich alte Comedian Bastian Bielendorfer hatte kurz zuvor ebenfalls zwei Bücher über Telefonate mit seinen Eltern herausgebracht. Haben Sie sich abgesprochen?

Das ist mir erst kurz vor Erscheinen des Buchs aufgefallen. Auf der Bühne sind diese Gespräche bei mir ja schon seit 2015 ein Thema und es gibt meine Podcasts auf Radio Eins vom RBB und SWF 3 schon seit Längerem. Aber diese Elterngespräche sind ein Thema, das viele umtreibt, das höre ich oft im Bekanntenkreis und verwende manchmal auch einiges davon.

Waren Ihre Eltern begeistert davon, dass ihre Telefonate – wenn auch satirisch überhöht – Gegenstand von Radio-Comedy, Büchern und Bühnenprogrammen und damit öffentlich bekannt wurden?

Das haben sie eigentlich gut verkraftet; zumal ich immer darauf achte, dass ich mich über mich selbst genauso lustig mache. Mit meinem Künstlerberuf können Sie als eher konservativ geprägte Badener natürlich nicht viel anfangen. Da ist ihnen mein Bruder mit seinem „anständigen“ Beruf weniger suspekt. (lacht)

Sie bauen in den Elterngesprächen mitten in eher trivialen Themen gern überraschende Wendungen ein wie von „überfürsorglichen Post 68er-Eltern, die ihre Kinder nie in die freie Entscheidungsfähigkeit entlassen können“. Schlagen hier Ihre 17 Semester Philosophie zu Buche?

Diese Sätze lasse ich aber meist mich selbst sagen! Man setzt sich im Philosophiestudium natürlich mit dem Begriff der Logik auseinander. Es gibt aber eine ganz spezielle Elternlogik, gegen die kommt man mit der schlauesten Philosophie nicht an. (lacht)

Vor „Elternzeit“ hatten Sie einen Podcast zum Thema Jugendkulturen. An welche Verirrungen erinnern Sie sich?

Beim Skaten stand ich nur auf die XL-Klamotten, über die man immer stolperte. In einem Death-Metal-Club war ich auch mal, aber das war nicht mein Ding. Omas schwarzen Mantel habe ich dann doch nicht getragen und einen Hamster haben wir auch nicht geopfert, wie ich im Programm erzähle (lacht). Oft ging es nur um bestimmte Posen.

Haben Sie die angesagten Trends erst als Erwachsener von der ironischen Seite her betrachtet?

Ein paar Jahre Abstand sind wohl notwendig. Man will sich ja mit 16 unbedingt abgrenzen von den Eltern und alles anders machen. Das ist ja auch in Ordnung, wenn man dann ganz in einer Sache aufgeht. Auch wenn man mit etwas Anstand vielleicht merkt, dass die Eltern mit ihren Ansichten nicht immer unrecht hatten.

Sie haben einige Zeit Poetry-Slams organisiert und auch daran teilgenommen. Warum ist dieses Genre in den letzten Jahren von einer Randerscheinung zum massentauglichen Phänomen geworden?

Poetry-Slam ist ja kein Genre, sondern eher eine besondere Präsentationsform. Erlaubt ist da fast alles, ob tief greifende Lyrik, ein kleines Theaterstück oder ein Kurztext. Insofern ist das abwechslungsreicher als ein klassisches Stand-up, das ja meist nach demselben Muster funktioniert.

Spielt auch der gewisse Seelenstriptease eine Rolle, den man vom Vortragenden erwartet? Einige Teilnehmer stehen ja zum ersten Mal auf der Bühne.

Dass man nie genau wissen kann, inwieweit das Vorgetragene autobiografisch ist und tatsächlich mit dem Poetry-Slammer zu tun hat, spielt sicher auch mit. Nur weil man die Ich-Form verwendet, heißt es ja nicht, dass der Text selbst erlebt sein muss.

Hatten Sie auch schon mit Leuten im Publikum zu tun, die negative Kommentare dazwischengerufen haben?

Eigentlich sind die Leute in der Slamszene sehr nett. Es gibt auch einen Kodex „Respect the Poet!“, dem sich meist alle beugen. Was man anhand der Benotungen merkt, ist aber, ob ein Text mehr oder doch eher weniger gut ankommt.

Geht es im Programm „Elternzeit“ ausschließlich um Telefonate mit Ihren Eltern?

Nein, es wird auch um die „Jugendkulturen“ gehen, und ich trage einige Popgedichte vor. Da rezitiere ich zum Beispiel Texte von Scooter im Stil des Expressionismus.

Das Interview führte Alexander Bösch.

Info

Zur Person

Sebastian Lehmann

wurde 1982 in Freiburg im Breisgau geboren und studierte 17 Semester Philosophie in Berlin. Der Kabarettist veröffentlichte 2013 seinen Debütroman „Genau mein Beuteschema“. Auf Radio Eins (RBB) und auf SWF 3 laufen seine Radiopodcasts „Elternzeit“.

Info

Zur Sache

Auftritt im Kito

In seinem Radiopodcast „Elternzeit“ rezitiert der Wahlberliner Sebastian Lehmann genussvoll Telefonate mit seinen Eltern im beschaulichen Freiburg. Wenn der 37-jährige Autor und Poetry-Slammer am Sonnabend, 13. April, um 20 Uhr im Kito auftritt (Eintritt 15 Euro), stehen auch Betrachtungen über skurrile Jugendkulturen und Popgedichte auf dem Programm.

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