Mangel an Psychiater

Kinder stehen unter Druck

Kinderärzte beobachten während der Pandemie mehr seelische Nöte bei Kindern und Jugendlichen. Der Vegesacker Facharzt Christian Wagner beklagt einen Mangel an Psychiatern und setzt auf Impfung der Zielgruppe.
12.04.2021, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Imke Molkewehrum

Traurige, wütende oder mutlose Kinder und Jugendliche sind eine fatale Begleiterscheinung der Pandemie. Gestresste Eltern, beengte Räume, Freunde und Großeltern auf Distanz und nicht zuletzt die Angst vor Corona zermürben auch kleine Menschen. „Deshalb waren wir immer in der Praxis und haben fast keinen Urlaub gemacht“, sagt der Vegesacker Kinder- und Jugendarzt Christian Wagner.

Direkte Arzt-Patienten-Kontakte seien weitestgehend vermieden worden. Stattdessen waren während des ersten Lockdowns vor einem Jahr Telefon- und Videosprechstunden sowie Beratungen am geöffneten Fenster absoluter Standard für den 49-jährigen Obmann der Nordbremer Kinderärzte und seine Kollegin Katja Brand. Und die Mediziner haben auch mal auf eigene Initiative bei den Eltern ihrer Patienten angerufen, um sich nach dem Befinden zu erkundigen.

Dank optimierter Hygiene- und Abstandsregeln sei der Alltag wieder eingekehrt, freut sich Wagner. „Etwa seit Juni 2020 haben wir genug FFP2-Masken, Desinfektionsmittel und Schutzkittel und normalere Sprechstunden.“ Auch die standardisierten Gesundheitsuntersuchungen für Kleinkinder - also die U1 bis U9 - laufen wieder planmäßig. Zu den U2-Terminen zwischen dem dritten und zehnten Lebenstag seien in den letzten Monaten sogar mehr Neugeborene in der Praxis gewesen, sagt Wagner und nennt den Grund: „Wegen der Pandemie sind mehr Babys ambulant in Kliniken und in Geburtshäusern zur Welt gekommen.“

Einige Eltern größerer Kinder bevorzugen weiterhin die Telefon- oder Video-Sprechstunden. Ruhiger sei es in der Praxis aber auch, weil die üblichen Infektionskrankheiten dank der Abstands- und Hygieneregeln fast ausgeblieben sind, so Wagner. Das gelte nicht nur für die Grippewelle, sondern auch für andere Virus-Krankheiten wie Brechdurchfall, Husten oder Fieber. „Im Januar und Februar 2021 haben wir hier sehr viel weniger kranke Kinder gehabt“, sagt er. Auch das Maskentragen, die Lockdowns und der Distanz-Unterricht hätten dazu beigetragen.

Die Kehrseite der Medaille sei die psychische Verfassung der Kinder und Jugendlichen. „Es gibt jetzt deutlich mehr Ängste, Trauer und Depressionen. Beeindruckend ist, dass gerade Jugendliche manchmal selbst um Hilfe bitten“, sagt Christian Wagner. Mangelnde soziale Kontakte, exzessiver Medienkonsum, aber auch Bewegungsmangel seien mögliche Ursachen für die Not der jungen Menschen, weiß der Mediziner. „Das Gewicht geht tendenziell nach oben, weil die meisten Kinder und Jugendlichen kaum Sport machen und nicht mal mehr mit dem Rad zur Schule fahren.“

Wagner: „Bei kleinen Kinder fallen seelische Nöte oft auf, wenn sie plötzlich andere Verhaltensweisen an den Tag legen, schlecht schlafen, viel weinen oder im plötzlich nicht mehr in die Schule oder Kita wollen.“ Normal sei, dass Kinder auf ihre Eltern, Großeltern und Freunde vertrauen. Verstörende Erlebnisse, entnervte, erschöpfte Mütter und Väter, womöglich noch der Tod eines Angehörigen könnten daher Verhaltensauffälligkeiten schüren. „Selbst ganz kleine Kinder kriegen viel mit. Einen Infekt kann ich mit Antibiotika behandeln, für die Psyche brauche ich andere Experten“, betont Christian Wagner und ist überzeugt, dass sich die seelischen Folgen der Pandemie und des Lockdowns zu einem von vielen neuen Forschungsgebieten entwickeln werden. Dramatisch sei, dass es schon jetzt zu wenig Kinder- und Jugendpsychiater gebe. „Die werden schon immer dringend benötigt. Und nun steigt der Bedarf noch weiter.“ Das gelte auch für Kinderärzte.

Damit das Leben möglichst schnell wieder in normale Bahnen kommt, setzt Christian Wagner auf die Impfungen: „Auch Kinder und Jugendliche sollten bei Verfügbarkeit und erfolgter Zulassung für ihr Alter möglichst schnell geimpft werden, damit sie ihren normalen Alltag wieder leben können.“

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