Lieferengpässe nur in einigen Branchen Not macht Mechaniker erfinderisch

Weltweit sind diverse Produkte und Artikel aufgrund von Lieferengpässen derzeit Mangelware. Auch Einzelhändler beklagen den Notstand und lassen sich etwas einfallen. Andere verzeichnen bis dato keine Probleme.
29.11.2021, 16:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Imke Molkewehrum/mol

Bremen-Nord. Lockdown, Kurzarbeit, Containermangel, Hafenblockaden, zu wenige Frachter und Lastwagen-Fahrer. Viele Gründe, ein Effekt: Waren fehlen. Timo Paduch, Inhaber vom "Fahrradhaus A.O. Meyer" in Blumenthal holt tief Luft: "Seit sieben Jahren mache ich den Laden und kenne die Branche, aber so etwas habe ich noch nie erlebt." Die Lieferschwierigkeiten für Ersatzteile hätten ihm wirklich Probleme bereitet. "Wir haben unsere Order wie üblich abgegeben, aber es ist nicht ausreichend geliefert worden. Deshalb können wir nicht alle Reparaturen ausführen. Aber man wird erfinderisch", betont der Zweiradmechaniker.

Fahrrad-Nachfrage weltweit gestiegen

So habe er neue Räder auseinander gebaut, um an Ersatzteile zu kommen. Und mancher Kunde habe auf eigene Faust im Internet nach Ersatz für Verschleißteile gesucht, beispielsweise nach Ritzeln von Shimano. Wegen des Mangels an Einzelteilen hätten auch die Produzenten ihre Fahrräder nicht ausliefern können. Gerade seien Fahrräder angekommen, die er schon im September bestellt habe, sagt Paduch. Und ein Ende der Krise sei nicht in Sicht, zumal die Nachfrage nach Fahrrädern weltweit gestiegen sei.

Torsten Grünewald, Referent Geschäftsbereich International der Handelskammer Bremen nennt als zentralen Grund für die Lieferengpässe die rigide 'Null-Covid-Strategie' in der 1,4 Milliarden Einwohner zählenden Volksrepublik China. "Das war bisher immer top getimed", aber wegen des Personalmangels in den Häfen würden die Container vor Ort nicht gelöscht und neu beladen. Es gebe aber auf allen Ebenen – bei Rohstoffen, Kraftfahrern oder Containern – "Störfaktoren, die sich mindestens noch bis Mitte nächsten Jahres ziehen", prophezeit Grünewald. 

Dramatische Lage bei Kinderkleidung

Die Engpässe machen auch Levka Muratidis zu schaffen. Die 53-Jährige leitet die Modegeschäfte "Coallù" und "Cinderella" in Vegesack. Im Damenbereich seien zwar alle Waren wie geordert geliefert worden, weil die kleinen Hersteller in Europa ansässig seien. Bei Kinderkleidung – beispielsweise von Steiff – sei die Lage dagegen dramatisch. "Die Teddys klappen, aber bei der in Asien gefertigten Kleidung haben wir gerade einen Riesen-Storno gekriegt", so Muratidis. "Wir müssen jetzt Ware von anderen Labels ziehen und sehen, wie wir die Regale füllen." Vor Corona sei es kein Problem gewesen, fehlende Größen nachzubestellen, aber angesichts drohender Lockdowns hätten die Produzenten offenbar Angst, gegebenenfalls auf der Ware sitzen zu bleiben. 

Mit Produzenten in Frankreich, Italien oder Holland klappe es aktuell ganz gut, die beiden Läden zu bestücken. "Die haben außerdem vernünftige Arbeitsbedingungen." Das sei offensichtlich auch den Kunden mittlerweile wichtig. Muratidis geht davon aus, dass die Kunden lieber ein hochwertiges Teil "statt zehn von einem Billiglabel" kauften. Nach dem Internetboom seien die Kunden außerdem dankbar für eine analoge Beratung im stationären Handel. "Sorgen bereitet uns aber die 2-G-Plus-Regel", betont die Geschäftsfrau. "2 G würde gehen, aber wenn wir Ausweise und zusätzlich Tests kontrollieren sollen, können wir nur dichtmachen."

Regeln zum Einkaufen gewünscht

Karsten Nowack, bei der Bremer Handelskammer Leiter für den Geschäftsbereich Einzelhandel, kennt das Dilemma. Aktuell stünden nicht die Lieferengpässe, sondern die coronabedingte Sorge um das Weihnachtsgeschäft im Fokus der Einzelhändler. "Hier ist die Verunsicherung stark", sagt der 53-Jährige. Bremen stehe noch gut da, aber es gelte Regeln aufzustellen, die es den Kunden ermöglichen, auch weiterhin gut einzukaufen." Nowack: "Das ist die Aufgabe der kommenden Tage." 

Die Kunden seien durch den üblicherweise breitaufgestellten Handel verwöhnt. Und womöglich sei aktuell nicht jeder Artikel sofort verfügbar, aber die Auswahl sei groß genug und die Kunden könnten ja auch Gutscheine verschenken. "Wir müssen ja keinen Verzicht üben. Das kriegt man irgendwie hin. Und irgendwann werden sich die Lieferfristen wieder einpendeln", prognostiziert Nowack. 

Bücher zurzeit noch lieferbar

"Bei uns ist zur Zeit tatsächlich alles noch lieferbar", sagt Frauke Lankenau, Inhaberin der Buchhandlung "Seitenweise" in Lesum. Sie gehe davon aus, dass die großen Verlage mit Blick auf Corona höhere Auflagen geordert haben. "Das können sich die kleinen Verlage natürlich nicht leisten. Insofern kann es hier sein, dass einzelne Buchtitel nicht nachgeliefert werden können", vermutet Lankenau. Einige Kunden hätten daher schon für Weihnachten eingekauft. "Die haben Angst vor Engpässen." 

Zur Sache

Nahtstelle zwischen Staat und Wirtschaft

Die Handelskammer Bremen - IHK für Bremen und Bremerhaven ist die gesetzlich verankerte Selbstverwaltungsorganisation der gewerblichen Wirtschaft in Bremen und Bremerhaven. Mehr als 52.000 Unternehmen sind hier Mitglied. Der Staat hat zugunsten dieser Selbstverwaltung Aufgaben an die Handelskammer übertragen. Sie steht damit an der Nahtstelle zwischen Staat und Wirtschaft. Die Handelskammer handelt unabhängig von der öffentlichen Verwaltung und selbstständig innerhalb ihrer Aufgabengebiete. Sie entstand 2015 aus der Fusion der Handelskammer Bremen und der Industrie- und Handelskammer Bremerhaven und hat ihren Standort im Schütting am Markt. Präses der Handelskammer Bremen ist seit Januar 2019 Janina Marahrens-Hashagen. 

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