Ein Meinungsbild vom Klassenerhalt

Große Erleichterung auch bei den Nordbremern

Auch die Nordbremer freuen sich über den Klassenerhalt des Fußball-Bundesligisten SV Werder Bremen.
08.07.2020, 16:20
Lesedauer: 7 Min
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Von Olaf Schnell
Große Erleichterung auch bei den Nordbremern

Nach dem Schlusspfiff in Heidenheim war der Jubel bei den Spielern des Fußball-Bundesligisten SV Werder Bremen um Trainer Florian Kohfeldt (rechts) sehr groß.

fotos: Rudel/gumzmedia/nordphoto

Geschafft – aber in der Schlussphase mit ganz viel Gänsehaut-Atmosphäre. Nach zwei Punkteteilungen (Hinspiel: 0:0/Rückspiel: 2:2) sicherte sich der SV Werder Bremen aufgrund der mehr erzielten Auswärtstreffer noch mit dem letzten Atemzug den Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga. Gegen einen sehr starken Zweitliga-Drittplatzierten 1. FC Heidenheim halfen den Werderanern letztlich viel Dusel (Eigentor des Ex-Werderaners Norman Theuerkauf) und dieses Mal viel Willensstärke, um den zweiten Abstieg der Vereinsgeschichte zu verhindern. Was sagen die Nordbremer zu Werders Rettung?

Patrick Bartelt (Faustball-Damentrainer Lemwerder TV): Nach Werders Klassenerhalt fühle ich mich schon deutlich besser. Das ist so, als wenn ein Stein vom Herzen fällt. Das Rückspiel von Werder in Heidenheim war aus Sicht der Bremer schon ein Durcheinander. Das war schon wie ‚das schaukeln wir irgendwie ins Ziel‘ bis ‚ach du Scheiße‘, das Herz springt gleich aus der Brust. Vor allem in den letzten Minuten war das Spannung pur. Als wenn meine Faustball-Frauen bei den Aufstiegsspielen sind, und das dann noch vergurken. Hat Werder aber nicht, weil man mit dem Eigentor gleich zu Beginn auch etwas Glück hatte. Auf diese 1:0-Führung konnten sie dann ein bisschen aufbauen. Am Ende hatten sie einfach mehr Schwein, denn richtig gekonnt war das alles nicht. Man muss ja auch mal überlegen, da spielt der Drittletzte der ersten Bundesliga gegen den Drittplatzierten der zweiten Liga. Werder hat ja nicht umsonst hier gespielt, weil sie die gesamte Saison sehr schlecht waren. Das haben sie jetzt auch wieder in Heidenheim gezeigt. Werder hatte in den ersten 15 Minuten gleich vier Chancen und kann nicht das 2:0 machen. Auf jeden Fall sollte der Trainer Florian Kohlfeldt bleiben. Ich würde mir aber wünschen, dass er gerade den jüngeren Spielern eine Chance gibt. Und dann muss man gucken, wer von den Spielern im Kader bleibt. Auf jeden Fall sollten sie Fin Bartels halten.

Thomas Bienert (Ex-Tischtennis-Damentrainer SG Marßel): Ich freue mich, dass Werder es geschafft hat. Leider ist es bei der ganzen Kiste aber so eng geworden, weil der SVW im Hinspiel es versäumte, alles klar zu machen – wo Heidenheim aber verdammt gut war. Im zweiten Spiel war Werder deutlich besser, auch aggressiver – das hat mir sehr gut gefallen. Gegen Spielende haben die Bremer aber ein bisschen nachgelassen. Vielleicht war auch die Kraft raus. Aber das kann eigentlich nicht zählen, weil die Heidenheimer genauso viel gelaufen sind. Von der Leistung her war Werder insgesamt aber die bessere Mannschaft. Das Hauptproblem der vergangenen Saison war die Verletzungsmisere zu Beginn. Da haben sie zum Teil ja noch nicht einmal die Ersatzbank voll bekommen. Dann klappt es nicht, weil man ständig neue Spieler einbauen muss – vor allem in der Abwehr. Das war ja neben den eigenen Standards das Hauptproblem bei Werder. Das hört sich jetzt zwar blöd an, aber für mich hat Max Kruse beim SVW an allen Ecken und Enden gefehlt. Die Mannschaft braucht einfach einen kreativen Kopf. Davy Klaassen kann das einigermaßen und Milot Rashica hat andere Qualitäten. Aber das wird in der nächsten Saison bei Werder wohl leider nicht mehr der Fall sein, weil ich davon ausgehe, dass Rashica den Verein leider verlässt. Schade ist, dass Claudio Pizarro im letzten Spiel nicht mehr zum Einsatz kam. Vielleicht sollte er seinen Vertrag bei Werder doch noch einmal verlängern. Allein, was er den jungen Spielern weitergeben kann, ist doch so wichtig.

Ulli Temme (Trainer Vegesacker Ruderverein): Ich habe in Sachen Werder ein angenehmes Gefühl. Sie sollen aber nur nicht, wie einst der HSV, immer gegen den Abstieg spielen – sondern sich in Richtung Mittelfeld orientieren und mal vom Verletzungspech verschont bleiben. Und dass sie wieder bei Spieler-Einkäufen ein glücklicheres Händchen haben. Dass vielleicht so ein Rädchen ins andere greift. Und dass einige ältere Spieler den Weg frei machen für die jüngeren. Am Trainer Florian Kohlfeldt würde ich festhalten, weil ich ihn für einen guten halte. Er konnte in dieser Situation eben nicht alles richtig machen. Er war ja auch selbstkritisch, dass vielleicht das eine oder andere nicht ganz glücklich gelaufen ist. Der Mann ist ausbaufähig und hat auf jeden Fall Potenzial, weil er ja auch rhetorisch gut ist. Sein Lernprozess ist noch nicht abgeschlossen. Wichtig ist, dass Werder in der nächsten Saison wieder stabiler wird. Mit den Großen braucht man sich nicht zu messen, aber so Nadelstiche gegen den Tabellenvierten, - fünften und -sechsten setzen, sollte auf alle Fälle möglich sein. So könnte man mit diesen Teilerfolgen wieder eine Kompaktheit erreichen. Dass man dann auch sagen kann – alle Mannschaften, die ins Weserstadion kommen, haben schon mal vorher auf gut Deutsch einen kleinen Ködel in der Hose.

Holger Franz (Vizepräsident Bremer Fußball-Verband und SAV-Pressesprecher): Das Daumendrücken hat sich letztlich gelohnt. Mir ist ein Riesenstein vom Herzen gefallen, dass Werder die Klasse doch gehalten hat. Es sah ja lange nicht danach aus. Es ist für mich sehr wichtig, dass der SVW dringeblieben ist, für die Bremer Wirtschaft, für die Kneipen und letztlich natürlich auch für den Bremer Amateur-Fußball – für den der Bremer Fußball-Verband zuständig ist. Da gibt es ja immer Dinge, wo Werder mit reinspielt. Jetzt müssen die SVW-Verantwortlichen aus dieser Saison die entsprechenden Schlüsse ziehen. Sie müssen in Klausur gehen und gucken, woran es gehapert hat. Denn das war in dieser Saison sehr, sehr eng. Und dann muss man sehen, ob es personelle Entscheidungen gibt. Aber da sind bei Werder mit Frank Baumann, Marco Bode, Florian Kohlfeldt und dem Präsidenten Dr. Hubertus Hess-Grunewald ja Profis am Werk, die das im Griff haben. Aber woran hat es gelegen? Ich lese immer verletzte Spieler – aber unterm Strich hat Werder keinen bundesligareifen Fußball gespielt. Von den Namen war das besser als früher. Jetzt muss man das Ganze erst einmal ein paar Tage sacken lassen, denn das ist schon wirklich ein neues Wunder von der Weser. Und dann muss man auch mal in Sachen Spieler in die zweite Liga gucken. Vielleicht gibt es ja auch eine Rückkehr von Max Kruse. Ich würde mich darüber sehr freuen, wenn man den für ein, zwei Jahre binden kann.

Henning Schomann (Handball-Trainer HSG Schwanewede/Neuenkirchen): Das Spiel gegen Heidenheim habe ich mir zu Hause gemeinsam mit der zweiten HSG-Handball-Herrenmannschaft angesehen. Insgesamt war das für Werder eine ganz schwere Saison. Ich glaube, das Team hat selten eine Saison gehabt, wo so viel Verletzungspech mit reinspielte. Und es sind bei ihnen so viele unglückliche Dinge passiert. Am Anfang der Saison hat man ja noch wirklich sehr gut Fußball gespielt, den Ball gut laufen gelassen hat, aber trotzdem die Spiele nicht gewonnen hat. Ich glaube leider, dass dadurch so eine Negativkette eingesetzt hat, dass man nicht mehr daran geglaubt hat, was man da gemacht hat. Am Ende der Reise gab es zum Glück aber noch ein glimpfliches Ende mit dem 2:2 gegen Heidenheim. Dadurch hat man sich noch irgendwie ins Ziel gerettet. Vielmehr Positives ist aus der Saison leider nicht rausziehbar. Florian Kohlfeldt ist prinzipiell kein schlechter Trainer. Der passt schon zu Werder, ist für mich aber die ärmste Sau, die da rumläuft. Er hat immer seinen Kopf hingehalten, egal, was seine Spieler auf dem Platz für Mist fabriziert haben. Kohlfeldt hat alles versucht zu erklären und ich glaube, es ist für ihn auch sauschwer gewesen. Werder muss ja auch sehen, dass sie mit den finanziellen Möglichkeiten vernünftig vorankommen. Prinzipiell fand ich den Kader nicht schlecht. Aber es haben halt‘ leider nicht so ein paar Rädchen ineinandergegriffen, wie man sich das so vorgestellt hat. Ich glaube auch, dass Werder in Nachbetrachtung sich doch eingestehen muss, dass der Abgang von Max Kruse nicht zu kompensieren gewesen ist. Nicht mal vom Scoren und den Toren her, sondern er hat die Werder-Spiele drum herum einfach besser gemacht. Ich glaube auch, dass dieser Charakter, den er mitgebracht hat – unbedingt Spiele gewinnen zu wollen. Und auch die Organisation, die er mit reingebracht hat, die vielleicht auch etwas verkannt wurde. Max Kruse ist ja wieder auf dem Markt – mit einem guten Kruse ist Werder mit Sicherheit eine bessere Mannschaft. Aber wenn das schon im vergangenen Jahr nicht bezahlbar gewesen ist, dann ist die Frage, ob das in der nächsten Saison überhaupt finanzierbar ist.

Sören Seidel (Ex-Werder-Profi und JFV-A-Junioren-Trainer): Zum Glück, nicht nur wegen des Vereins, sondern auch wegen der Stadt, hat es Werder geschafft. Das war in den vergangenen Wochen ganz schön nervenaufreibend. Auffällig waren für mich die vielen Verletzungen. Ich kann als Außenstehender natürlich nicht sagen, warum, wieso und weshalb? Ob es nun am Training, medizinischer Abteilung, schlechte Luft, zu viel Regen oder Wind aus Osten lag? Leihspieler ist auch immer ein sensibles Thema. Durch Corona wird das aus finanziellen Gründen vielleicht noch mehr werden, aber zu viele Leihspieler ist nicht gerade förderlich für einen Kader. Da war es natürlich zum Schluss vom Vorteil, wenn man über einen sehr langen Zeitraum den kompletten Kader so weit wie möglich zusammenhat. Und keine Frage, Werder hat in der Saison zu wenig Heimspiele gewonnen. Das Weserstadion sollte eine Festung sein. Großartig waren natürlich wieder die Fans. Auch bei den Geisterspielen haben sie sich vorbildlich verhalten. Da hat man sich auch eine Zeit lang Sorgen gemacht, und dafür sind die Fans im Nachhinein dafür belohnt worden, dass sie sich so an die Regeln gehalten haben. In Zukunft kann definitiv Niklas Füllkrug helfen – mit seiner Präzenz. Er ist so ein positiv Verrückter. Das hat er in den kurzen Segmenten, wo er gespielt hat, bereits angedeutet. Ich drücke ihm nun die Daumen, dass er gesund bleibt. Und dann hoffe ich natürlich auch, dass es möglichst bald wieder mit den Zuschauern in den Stadien weitergeht. Und Werder braucht in Zukunft einfach Typen, dass man auf jeden Fall wieder mehr Heimspiele gewinnt.

Inge Mahler (Prellball-Trainerin MTV Eiche Schönebeck): Werder hat nicht das gebracht, was sie eigentlich können. Bei Florian Kohlfeldt bin ich der Meinung, dass er mit dem jetzigen Kader nicht mehr weiterkommt. Er ist ein Guter und hat sehr viel versucht, etwas zu bewegen. Aber der letzte Kick fehlte bei Werder. Sie haben gezeigt, dass sie es können. Aber besonders die beiden letzten Spiele gegen Heidenheim waren nicht das Pralle gewesen. Vielleicht könnte man mit neuem, frischen Blut mehr erreichen. Aber mit dem Stammpersonal kommt man nicht mehr weiter. Wichtig ist, dass jetzt neue junge Spieler dazustoßen. Claudio Pizarro hat viel für Werder Bremen gemacht, ist ein wahnsinnig toller Spieler, aber für jeden Akteur ist irgendwann mal Schluss.

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