Trotz Corona-Lockerungen

Kneipen in Bremen-Nord kämpfen ums Überleben

Sie dürfen zwar wieder öffnen, nur lohnt es sich nicht für sie. Viele kleine Kneipen kämpfen derzeit trotz Lockerungen ums Überleben. Vor allem die Pacht und die Hygienevorschriften machen ihnen zu schaffen.
18.07.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Kneipen in Bremen-Nord kämpfen ums Überleben
Von Jean-Pierre Fellmer
Kneipen in Bremen-Nord kämpfen ums Überleben

Udo Schmidt-Winkelmann darf wegen der Hygienevorschriften statt 80 nur 20 Gäste in seine Kneipe Horizont lassen.

Fotos: Christian Kosak

Udo Schmidt-Winkelmann darf seine Kneipe wieder öffnen. Nur lohnt sich das für ihn nicht. Seit der Rückkehr der Bundesliga aus der Corona-Pause steht er wieder im Horizont an der Alten Hafenstraße hinter dem Tresen – zuerst nur an Spieltagen, seit Anfang Juli auch wieder regulär. Nur darf er wegen der Hygienevorschriften statt 80 nur 20 Leute in sein Lokal lassen. „Im Endeffekt ist das eine Hommage an Werder Bremen“, sagt Schmidt-Winkelmann. Lohnen tue sich das nicht.

Wie Schmidt-Winkelmann geht es vielen Kneipeninhabern nicht nur in Bremen-Nord, sondern überall in Deutschland. Erst mussten sie ihre Lokale für mehrere Wochen schließen, jetzt dürfen sie nur unter Auflagen öffnen. „Es ist ein Kampf vom letzten bis zum nächsten Ersten des Monats“, sagt Schmidt-Winkelmann. Er habe zwar Soforthilfen angefragt und auch erhalten, wenn auch nicht in beantragter Höhe. Mit dem Geld habe er allerdings nur die Pacht und die Nebenkosten bezahlen können.

So ging es auch Heiko Grebesich, Inhaber des Fährhauses am Utkiek. Mit der Soforthilfe habe er die laufenden Kosten decken können, seinen Lebensunterhalt habe er aus Ersparnissen finanziert. Das beantragte Geld für die Große Freiheit sei erst spät überwiesen worden, auf die Hilfen für das Fährhaus wartet er heute noch. Die wirtschaftliche Lage sei insgesamt „ernst, aber nicht hoffnungslos“, sagt Grebesich. Die Gastronomie im Außenbereich laufe derzeit ganz gut – wenn auch noch nicht wie früher, sagt der Wirt. „Die Leute sind zurückhaltend, selbst bei gutem Wetter.“ Die Sommermonate liefen insgesamt besser, sagt er. Sorgen macht er sich allerdings, wenn er an den Herbst denkt.

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Laut dem Verband des Gastgewerbes Dehoga ist der Umsatz in der gesamten Branche im April um 76 Prozent im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen. Kneipen trifft es dabei noch härter als Hotels oder Restaurants, ihr Umsatz ist in den meisten Fällen komplett weggebrochen – trotz laufender Kosten. „Die Situation für kleine Kneipen ist sehr schwierig“, sagt Nathalie Rübsteck, Geschäftsführerin des Dehoga-Betriebsverbands Stade. „Mittlerweile dürfen wieder mehr Leute an einen Tisch, die Gäste sind aber insgesamt vorsichtig.“ Vor allem die kleinen Lokale lebten von der Nähe zueinander, die derzeit nicht möglich sei.

Der Verband bemängelt die Form der Corona-Wirtschaftshilfen: „Wir haben uns eine andere Form der Überbrückungshilfen gewünscht, die sich nicht an den Fixkosten, sondern am Umsatz orientieren.“ Reichten die Hilfen für den Lebensunterhalt nicht aus, dann verweise die Regierung auf die Grundsicherung – sprich Hartz Vier. „Das ist für den Verband unerträglich“, sagt Rübsteck.

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Auch wie während der Pandemie mit Pachten verfahren wird, kritisiert der Dehoga-Verband, der meint: Die Last sollte nicht alleine auf den Schultern der Pächter liegen. Die Pacht unterscheidet sich per Gesetz von der Miete: Der Eigentümer überlässt dem Pächter sein Land oder im Falle der Kneipen eine Immobilie, um dort zu wirtschaften – also zum Verkauf von Getränken etwa. Der Vegesacker Wirt Schmidt-Winkelmann argumentiert, dass ihm das durch den Lockdown nicht möglich gewesen sei – wodurch der Vertragsgegenstand des Wirtschaftens nicht erfüllt werden konnte. Dementsprechend sollte der Verpächter die Pacht zumindest reduzieren müssen, findet Schmidt-Winkelmann. Juristin Rübsteck von der Dehoga findet die Argumentation schlüssig: „Es laufen derzeit Musterverfahren, bei denen es genau darum geht. Der Dehoga-Bundesverband unterstützt die Verfahren.“ Noch habe es kein Urteil gegeben, auch weil die Verpächter im Prozess laut Rübsteck oft nachgeben und sich auf eine Reduzierung der Pacht einigen.

Die Kritik an den Corona-Hilfen und den fehlenden Lebensunterhaltungskosten teilt Kai Stührenberg, Sprecher der Bremer Wirtschaftssenatorin. „Wir haben diese als Bestandteil der Sofort- und Überbrückungshilfen beim Bund eingefordert“, sagt er. Um mittelständischen Unternehmen und Selbstständigen zu helfen, hat die Bundesregierung ein weiteres Hilfsprogramm über insgesamt 25 Milliarden Euro beschlossen. Es sollen Überbrückungshilfen für Betriebskosten bis zu einem Betrag von 150 000 Euro gezahlt werden. „Es wäre sinnvoll gewesen, die Lebensunterhaltungskosten in die Hilfspakete einzubauen", so Stührenberg. Aufstocken dürften die Länder die Hilfen nicht, sagt der Sprecher. „Für die Gastronomie ist es eine ganz harte Zeit.“ Die Liquiditätshilfen seien sicher nicht optimal, dennoch stünde für die Wirte ein Portfolio an Möglichkeiten bereit. Ein Darlehen sei zwar eine Belastung, könne aber dennoch helfen. Wirtschaftssenatorin Kristina Voigt habe Verpächter und Mieter dazu aufgerufen, den Gastronomen entgegenzukommen – etwa durch Stundung oder eine Minderung der Pacht.

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Auch in Burglesum und in Blumenthal geht es den Kneipen alles andere als gut. Birgit Steinbusch, Inhaberin der Kneipe Zum Biber in Grambke, klagt ebenfalls über zu wenig Gäste. Vor allem ist sie aber von der Dehoga enttäuscht. „18 Jahre war ich dort Mitglied, nun habe ich gekündigt.“ Der Verband lasse die kleinen Gastronomen im Stich. Sie habe sich Informationsmaterial oder Hilfe bei der Antragsstellung der Soforthilfen gewünscht. Über ihren Verpächter hingegen ist sie glücklich, er habe ihr im Mai und Juni die Pacht erlassen.

Gleich drei Kneipen unterhält Karlheinz Begerow – das Laternchen in Lüssum, das Vereinsheim SG Marßel und das Bootshaus im Grohner Hafen. Die Außenbereiche laufen den Umständen entsprechend gut, sagt er, dennoch sei es ein Minusgeschäft. Corona-Hilfe habe er nur für das Bootshaus bekommen, das Vereinsheim habe er erst kürzlich übernommen und das Laternchen ist sein Eigentum. Beim Bootshaus sei ihm der Verpächter bislang nicht entgegen gekommen.

Noch kann Horizont-Inhaber Schmidt-Winkelmann sich über Wasser halten. Die Reserven seien allerdings aufgebraucht. Wenn es noch drei Monate so weiter geht, dann „ist es Zappenduster“, sagt er.

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