Personalnot in den Heimen

Pflegekräfte aus dem Ausland

Immer mehr Senioreneinrichtungen integrieren Mitarbeiter aus anderen Ländern in ihre Teams. Zum Beispiel beschäftigt das Unternehmen „Mein Zuhause“ Mitarbeiter, die von den Philippinen stammen.
15.04.2019, 18:21
Lesedauer: 6 Min
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Pflegekräfte aus dem Ausland
Von Julia Ladebeck
Pflegekräfte aus dem Ausland

Bewohnerin Marianne Dremel (links) ist mit den neuen Pflegekräften Ericson Peria Medina (zweiter von rechts) und Ingrid Santiago Ortega zufrieden. Thorben Lodders hat seinen Kollegen von den Philippinen in den ersten Wochen unterstützt.

Christian Kosak

Krankenhäuser, ambulante Pflegedienste und Seniorenheime haben massive Probleme, Mitarbeiter zu finden. Es fehlt an Fachkräften. Die Folge: Viele Stellen sind unbesetzt, die Arbeitsbelastung für die bestehenden Teams steigt stetig an. Immer mehr Einrichtungen setzen daher auf Pflegekräfte aus dem Ausland. So beschäftigen beispielsweise die Betreiber der Senioreneinrichtungen „Mein Zuhause“ seit rund zwei Jahren Mitarbeiter, die von den Philippinen stammen. Auch in den Häusern der Bremer Heimstiftung arbeiten zahlreiche Fachkräfte, die ihre Ausbildung im Ausland gemacht haben.

Von den Einrichtungen ist viel Engagement gefragt. Sie unterstützen ihre Angestellten dabei, die Hürden wie Sprachbarrieren und die Berufsanerkennung zu überwinden. Im Februar haben vier philippinische Fachkräfte ihren Dienst in der Senioreneinrichtung „Mein Zuhause“ in Lesum angetreten. Mitte März hatte Einrichtungsleiterin Beate Detzkeit eine gute Nachricht für ihre neuen Mitarbeiter. „Heute ist eine E-Mail mit Ihren Urkunden gekommen“, verkündete sie den zwei Frauen und zwei Männern. Zwar waren es immer noch nicht die Originale. Doch die Freude über die offizielle „Erlaubnis zur Führung der Berufsbezeichnung Gesundheits- und Krankenpfleger“ war trotzdem groß.

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Horst Koltrowitz ist Geschäftsführer der „Mein Zuhause GmbH“, die drei Häuser in Stotel, Vegesack und Lesum betreibt. „Es sind schlichtweg kaum qualifizierte Pflegekräfte auf dem Markt“, sagt er. „Wir mussten unbedingt Lösungen finden, um unsere Häuser weiter betreiben zu können.“

In den vergangenen zwei bis drei Jahren hat sich die Situation noch einmal verschärft, ist sein Eindruck. „Als wir 2014 unser Haus an der Zollstraße in Vegesack eröffnet haben, hatten wir noch nicht solche Probleme.“ Die Alternative zu Mitarbeitern aus dem Ausland seien Leiharbeitskräfte, sagt der Geschäftsführer. „Das ist für ein kleines Unternehmen wie unseres aber viel zu teuer.“ Hinzu komme, dass das Unternehmen langfristig mit seinen Pflegekräften zusammenarbeiten möchte.

Bewusste Entscheidung für Mitarbeiter von den Philippinen

Für Mitarbeiter von den Philippinen haben sich Horst Koltrowitz und Joachim Pusch, Einrichtungsleiter in Stotel und im Unternehmen für Mitarbeiter aus dem Ausland zuständig, ganz bewusst entschieden. „Die Menschen sind sehr dienstleistungsorientiert, empathisch und freundlich“, ist ihre Erfahrung. „Dazu kommt, dass sie auf den Philippinen hervorragend universitär ausgebildet werden.“ Nach guten Erfahrungen mit sechs philippinischen Pflegefachkräften in Vegesack, die vor etwa zwei Jahren nach Deutschland gekommen sind, hat das Unternehmen das Programm jetzt auch in Stotel und in Lesum mit fünf beziehungsweise vier Fachkräften umgesetzt. Alle haben unbefristete Arbeitsverträge bekommen.

Das Unternehmen will den neuen Mitarbeitern das Ankommen in der neuen Heimat möglichst angenehm machen. „Wir haben extra Wohnungen angemietet, voll möbliert und ausgestattet – bis hin zur Bettwäsche“, sagt Joachim Pusch. Zur Einarbeitung haben alle philippinischen Mitarbeiter einen Mentor an die Seite bekommen. „In den ersten vier Wochen haben die Teams zusammen in einer Schicht gearbeitet“, erzählt Beate Detzkeit. Zusätzlich haben Mitarbeiter die neuen Kollegen nach Feierabend mit der neuen Umgebung vertraut gemacht. „Sie haben ihnen zum Beispiel Supermärkte gezeigt und sind mit ihnen Bus und Bahn gefahren“, zählt Detzkeit auf.

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Es sei wichtig, so die Einrichtungsleiterin, ein offenes Ohr für die Anliegen der neuen Kollegen zu haben. „Wir ersetzen ihnen hier schließlich auch ein bisschen die Familie.“ Ein Team bilden Wohnbereichsleiterin Steffi Kruse und Jonathan de los Santos Potencio. Ziemlich schnell hat der 30-Jährige nach seiner Ankunft in Deutschland festgestellt, dass sich die Arbeit der Pflegekräfte auf den Philippinen von der in Deutschland unterscheidet. „Auf den Philippinen machen wir mehr medizinische Versorgung und weniger Grundpflege. Daran mussten wir uns alle gewöhnen.“ Offenbar ist ihm die Umstellung geglückt. Steffi Kruse jedenfalls ist sehr zufrieden mit der Arbeit ihres Kollegen. „Es klappt alles gut, auch sprachlich gibt es kaum Probleme.“

Das bestätigt auch Thorben Lodders, der als Mentor den 32-jährigen Ericson Peria Medina eingearbeitet hat. Lediglich bei regionstypischen Wörtern wie „Moin“ und norddeutschen Redewendungen komme es hin und wieder zu Irritationen, hat Lodders beobachtet. Auch von den Bewohnern bekommen sie durchweg positives Feedback. Marianne Dremel, die seit dem Sommer vergangenen Jahres in der Lesumer Einrichtung wohnt, lobt: „Sie sind alle sehr nett. Und ich bin immer für ein offenes Wort. Wenn etwas nicht stimmt, sollte man die Dinge lieber gleich offen ansprechen.“ Dazu hatte die Seniorin bisher aber keinen Anlass.

Die Möglichkeit Geld sparen zu können

Warum er und seine Kollegen zum Arbeiten nach Deutschland gekommen sind, erzählt Ericson Peria Medina: „Auf den Philippinen verdienen wir sehr viel weniger Geld. Hier können wir sparen.“ Einzig an das Wetter in Deutschland haben sie sich noch nicht gewöhnt, sagt Ingrid Santiago Ortega. „Es regnet hier immer“, findet die 28-Jährige, die an Temperaturen um 30 Grad und viel Sonnenschein gewöhnt ist. Ihr Visum für Deutschland gilt für zwei Jahre. „Wir möchten aber gerne länger hierbleiben und arbeiten“, sagt Ericson Peria Medina.

Neben den Pflegefachkräften von den Philippinen beschäftigt das Unternehmen auch Mitarbeiter mit polnischen, russischen, italienischen, vietnamesischen, iranischen und türkischen Wurzeln. „Es ist gut, wenn wir multikulturell aufgestellt sind“, findet Einrichtungsleiterin Beate Detzkeit. „Da wir auch viele Bewohner mit ausländischen Wurzeln haben, ist das wichtig, um adäquat pflegen zu können. Durch Kollegen, die die Muttersprache der Bewohner sprechen, bekommen wir beispielsweise leichter Informationen über deren Biografie.“

Die Bremer Heimstiftung beschäftigt ebenfalls ausländische Pflegefachkräfte. Neun Mitarbeiter, die ihre Ausbildung im Ausland gemacht haben, sind derzeit in der Anerkennung zur Pflegefachkraft und machen parallel einen Sprachkurs an der Volkshochschule. Sie kommen aus Polen, Indien, Ghana, Bosnien-Herzegowina und Russland, zählt Sprecherin Sandra Wagner auf. Weitere Bewerbungen aus Polen und Bulgarien seien in der Bearbeitung.

Unter anderem setzt die Bremer Heimstiftung auch auf „Triple Win“, ein Projekt der Bundesagentur für Arbeit und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Im Zuge des Programms werden Bewerber aus Serbien, Bosnien-Herzegowina und von den Philippinen ausgewählt und auf ihren Einsatz in Deutschland vorbereitet.

Parallel Deutsch lernen und einen Anerkennungskurs mit Prüfung abschließen

„Das Programm haben bereits zwei Mitarbeiterinnen der Bremer Heimstiftung erfolgreich absolviert. Sie arbeiten inzwischen als anerkannte Pflegefachkräfte im Stiftungsdorf Hollergrund und im Stiftungsdorf Fichtenhof“, so Sandra Wagner. Fünf weitere Mitarbeiterinnen von den Philippinen, aus Bosnien und Serbien befinden sich derzeit im Anerkennungsprozess. Kristina Ristic ist aus Serbien nach Deutschland gekommen und arbeitet jetzt im Fichtenhof in Schönebeck. Die ersten Monate nach ihrer Ankunft waren anstrengend. Sie musste einen Anerkennungskurs in der Gesundheits- und Krankenpflege mit einer Prüfung abschließen, Deutsch lernen und parallel arbeiten.

Unterstützung hat sie von ihrem Arbeitgeber und ihren Kollegen, unter anderem durch Lernpaten, bekommen. Patrycja Kniejska, die das Projekt "Triple Win" bei der Heimstiftung betreut, sagt: „Wir wollen, dass sich die Teilnehmer wohl bei uns fühlen und bleiben. Denn mit ihnen gewinnen wir gute Pflegekräfte für unsere Häuser." Die Heimstiftung hilft den ausländischen Mitarbeitern deshalb beispielsweise bei der Suche nach einer Wohnung, bietet Unterstützung bei Behördengängen, bei der Kontoeröffnung und bei Kontakten zur Krankenkasse. Auch die Teilnahme an Sprachkursen wird von der Heimstiftung gefördert, die sich darüber hinaus in der Organisation des sprachgestützten Fachunterrichts „Altenpflege“ engagiert.

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Regelmäßiger Austausch, Reflexion und Gruppenaktivitäten wie Ausflüge gehören laut Sandra Wagner ebenfalls zu den Integrationsbemühungen der Heimstiftung. Kristina Ristic ergänzt jetzt das internationale Team im Stiftungsdorf Fichtenhof, in dem auch Mitarbeiter aus Brasilien, Spanien und der Türkei arbeiten.

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Zur Sache

Die Zahlen

Zur Abmilderung des Fachkräftemangels setzt die Pflegebranche zunehmend auf ausländische Arbeitskräfte. Pflegetätigkeiten in Deutschland sind einerseits für EU-Ausländer interessant geworden. Aber auch aus dem außereuropäischen Ausland kommen immer mehr Fachkräfte ins Land. Die aktuellsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit beschreiben den Zustand im Juni 2018.

Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten insgesamt 62 548 Pflegefachkräfte aus dem Ausland in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen, davon 40 344 in Krankenhäusern und 22 204 in Pflegeheimen. Die Zahlen beziehen sich auf sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Im Land Bremen waren es zu diesem Zeitpunkt 379 ausländische Pflegefachkräfte in Krankenhäusern und 171 Pflegefachkräfte in Seniorenheimen – ebenfalls sozialversicherungspflichtig Beschäftigte.

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