Schulschiff Deutschland Salutschüsse zum Abschied

Luftballons, Fahnen, maritime Musik und Bollerschüsse: als das Schulschiff Deutschland aus der Lesummündung gezogen wurde, hatten sich zahlreiche Schaulustige eingefunden, die auf ihre Weise Abschied feierten.
26.08.2021, 13:19
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Salutschüsse zum Abschied
Von Iris Messerschmidt

Als der Mitarbeiter auf dem Schlepper VB Blexen sich weit nach vorn beugt, um das Stahlseil im dicken Schekel zu befestigen, da ist gerade das sogenannte akademische Viertel vorbei. 6.15 Uhr – die geplante Abfahrtszeit der "Schulschiff Deutschland". 6.30 Uhr hängt besagter Schekel an der Segelschiffkette am Bug und der Schlepper-Mitarbeiter sichert die Festmachschraube. "Ich werde es vermissen, vom Bahnhof Vegesack aus die drei Masten zu sehen. Aber durch die Bebauung sieht man ja 'eh nicht mehr so viel", raunt ein Zuschauer seinem Kollegen zu. Wieder blicken zahlreiche Schaulustige aufs Geschehen in der Lesummündung. Sie müssen sich gedulden, noch gut eine weitere halbe Stunde geht ins Land, bis alle "Leinen los" sind und die "Schulschiff Deutschland" ablegt, beziehungsweise von ihrem alten Liegeplatz gezogen wird.

"Es gibt noch eine Überraschung." Eine halbe Stunde vor der geplanten Abfahrt gibt Dieter Koch diesen Hinweis. Der Mann aus Hannover ist "Reservist der Bundesmarine", genauso wie sein Freund Norbert Kunert aus Vegesack. Beide haben sich in Marine-Uniform am Ufer positioniert. Neben ihnen hallt lautstark Musik der Gruppe Santiano aus der Konserve – seemännische Motive der deutschen Band aus dem Norden Schleswig-Holsteins. "Wir sind der Schulschiff Deutschland einen vernünftigen Abschied schuldig", erzählt Dieter Koch auf Nachfrage. Schließlich habe das Segelschulschiff 25 Jahre an diesem Platz gelegen.

Dieter Koch und Norbert Kunert sind von der Richtigkeit eines solchen seemännischen Abschiedes felsenfest überzeugt, "wir müssen doch maritime Traditionen aufrecht erhalten. Früher waren in dieser Gegend mal überall Matrosen zu sehen, haben Kameraden ihre Kameraden verabschiedet", sagt Dieter Koch und blickt zurück auf Heringslogger, den Vegesacker Hafen als Heimathafen vieler Matrosen und der Fischereigesellschaft sowie viele – "teilweise immer noch" – vorhandene Werften. "Matrosen in entsprechender Kleidung sieht man an Land heute kaum noch", so Koch.

Dieter Koch gesteht, "ja, vermutlich ist die ,Schulschiff Deutschland' in Bremerhaven gut aufgehoben, weil sie an ihrem neuen Platz von vielen Menschen mehr wahrgenommen wird". Er ist allerdings mit der "Art und Weise" wie Politik und Institutionen mit der Frage, Verlegung oder nicht, umgegangen seien, überhaupt nicht einverstanden. "Das Herz tut mir jetzt schon ein bisschen weh", gesteht auch sein Freund Norbert Kunert. Allerdings richten sich seine Gedanken eher in die Zukunft und an den künftigen Liegeplatz des einstigen Segelschulschiffes in Bremerhaven. "Wenn man bedenkt, wie die dort mit der ,Seute Deern' umgegangen sind. Wollen mal nur hoffen, dass dieses Los die ,Schulschiff Deutschland' nicht ereilt."

Die Dunkelheit weicht allmählich der Dämmerung und immer mehr Menschen zieht es an den langjährigen Liegeplatz des ehemaligen Segelschulschiffes. Bewegung kommt in die Menge, als ein Fahrradfahrer unter anhaltendem Klingeln in die Pedale tritt und sich nicht gerade langsam den Weg vorbei am Schiff durch die Menschenmenge bahnt – geradewegs auf einen Polizisten zu. Auch die Ordnungshüter sind an diesem Morgen mit mehreren Frauen und Männern vor Ort. Die Polizistenhand hebt sich, der Fahrradfahrer hält an und steigt ab. Die eingehende Ermahnung des Beamten geht im Stimmengemurmel unter, doch der Fahrradfahrer scheint ein Einsehen – zumindest schiebt er anschließend sein Gefährt.

Derweil halten Inka Mühlbrandt, ihre Freundinnen und Brigitte Schneider seit längerer Zeit und mit viel Geduld ein langes Band hoch. Daran sind unter anderem Luftballons befestigt. "Mein Vater Fritz Mühlbrandt ist seit langen Jahren Wachgänger auf der ,Schulschiff Deutschland', hat letzte Nacht mit seinen Kameraden an Bord übernachtet und ist seit drei Uhr heute früh schon wieder wach, um alles vorzubereiten", erzählt Inka Mühlbrandt. Dass sie mit ihren Freundinnen zum Abschied des Schiffes gekommen sei, "versteht sich von selbst". Inka Mühlbrandt, die Empfänge für Trauungen auf der "Schulschiff Deutschland" mit betreute, wäre selbst gern mitgefahren. "Leider habe ich gleich einen wichtigen Termin." Doch Empfänge für Trauungen an Bord wird es laut Inka Mühlbrandt auch in Bremerhaven geben, "dann bin ich dabei", sagt sie.

"Vor 14 Tagen haben wir die ,Schulschiff Deutschland' hier in Vegesack an der Lesummündung besucht. So zum Abschied, eine Besichtigung. Das war ein schöner Tag", schwärmt Brigitte Schneider und bekommt ein lautstarkes "Ja, das war toll" von ihrer Gruppe als Zustimmung. Der Abschied von der "Schulschiff Deutschland" nimmt sie ein wenig mit. "Entschuldigung, jetzt habe ich doch eine Träne im Auge", gesteht sie und wischt diese weg. "Mein Mann war bei der Marine, wie oft ich da einem Schiff nachgewunken habe", erinnert sich Brigitte Schneider und ist sichtlich gerührt.

Plötzlich ertönen von mehreren Seiten Rufe, "Schiff ahoi", "das ist das letzte Tau", – und langsam setzt sich die "Schulschiff Deutschland" in Bewegung. Es wird laut – Salutschüsse – eine weitere Überraschung von maritimen Fans. Vorbei geht es, an Segel- und Motorbooten, die ein Geleit geben, raus aus der Lesum, rauf auf die Weser, vorbei an der Signalstation, dem Vegesacker Stadtgarten, der Gorch Fock – wieder wird mit dem Signalhorn gegrüßt – und einige der zahlreichen Schaulustigen winken. An der "Gläsernen Werft", in Höhe der "Regina", hält auch Vegesacks Ortsamtsleiter Heiko Dornstedt per Fotoapparat das Geschehen fest.

Schnell ziehen die Schlepper die "Schulschiff Deutschland" weiter. Als um 7.30 Uhr die Sonne über dem Bunker Valentin für glitzerndes Weserwasser sorgt, kommt die kleine Schiffsparade an der Weserkurve vorm Kraftwerk Farge in Sicht. Vereinzelt Blitzlichter – wenige Menschen stehen am Ufer. Am Bunker Valentin ist es "nur noch" das Paar, das dort mit dem Hund spazieren geht und die Aussichtsplattform für ein spontanes Fotomotiv nutzt. Und während die "Schulschiff Deutschland" samt Entourage die Huntezufahrt passiert und hinter der nächsten Weserbiegung in Richtung Bremerhaven entschwindet, schiebt sich eine dichte Wolke vor die noch kurz zuvor strahlende Sonne – ab da belebt nur noch der Schrei der Wildgänse die Kulisse.

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