Streit um Hochhaus in Vegesack

Schulschiff-Verein droht mit Verlegung

Proteste gegen das geplante neungeschossige Hochhaus am Vegesacker Hafen gibt es viele. Wie die Position des Deutschen Schulschiff-Vereins dazu ist, erklärt Claus Jäger im Interview.
12.03.2020, 10:27
Lesedauer: 4 Min
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Schulschiff-Verein droht mit Verlegung
Von Aljoscha-Marcello Dohme
Schulschiff-Verein droht mit Verlegung

„Schulschiff Deutschland“ – maritimes Kulturdenkmal.

Christian Kosak
Herr Jäger, warum wäre ein Hochhaus am Vegesacker Hafen ein Problem für das „Schulschiff Deutschland“?

Claus Jäger: „Schulschiff Deutschland“ ist ein maritimes Denkmal von nationaler Bedeutung. Der alte Werftspeicher ist für Bremens maritime Geschichte unglaublich bedeutend genauso wie der alte Hafen auch. Wir haben hier im Stadtteil herausragende maritime Denkmäler. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal von Vegesack. In dieser Konzentration gibt es das in Bremen nirgendwo. Die Nähe zu diesen Denkmälern wird von dem Investor für seine Renditeerwartung genutzt, er nennt sein Einkaufscenter 'Kontor zum alten Speicher'.

Und selbstverständlich ist der Standort des Schulschiffes auch ein Vorteil für die Wohnbebauung. Dann müsste es selbstverständlich sein, dass er bei der Gestaltung diese Denkmäler nicht verzwergt, was ja geschieht, sondern dass er sie in ihrer Wirkung weiterhin wirken lässt. Dieses Hochhaus wird das dominierende Gebäude an diesem Standort sein. Wie ein Standort auf Zuschauer wirkt, das wird sehr nachhaltig durch dieses Haus bestimmt. Dieses Hochhaus beherrscht die Denkmäler. Und es müsste andersherum sein, die Denkmäler müssten diesen Standort prägen. Das ist die totale Veränderung der Gewichte.

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Sollte das Hochhaus mit seinen neun Etagen kommen, welchen Schluss würde der Verein des „Schulschiff Deutschland“ daraus ziehen?

Die Geschäftsgrundlage für die Entscheidung des Deutschen Schulschiffvereins, das Schiff dauerhaft in Vegesack festzumachen, war das Vorhandensein vom alten Hafen und dem Werftspeicher. Diese Konzentration bedeutender maritimer Denkmäler, die war ausschlaggebend. Die war auch ausschlaggebend dafür, dass wir hier eigenes Geld investiert haben. Der Schulschiff-Verein hat sich an diesen Standort nicht nur emotional und ideell, sondern auch finanziell engagiert.

Wir hatten in der Parkstraße ein sehr schönes Bremer Haus, das verkauft wurde. Den Erlös haben wir in das Haus in Vegesack gesteckt, etwa 800.000 D-Mark. Die restlichen zwei Drittel, die wir für den Neubau brauchten, sind über Zuschüsse der Stadt gekommen. Wenn das Hochhaus kommt, ist diese Geschäftsgrundlage entfallen. Dann müssen wir sehen, und wir werden danach sehen, wo können wir dauerhaft einen Standort finden, der uns wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten bietet?

Was heißt das?

Wir haben gegenwärtig schon die Situation, dass die Kosten, die wir für die Unterhaltung des Schulschiffes brauchen, das sind im Jahr etwa 260 000 Euro, dass wir die durch eigene Aktivitäten an Bord nicht voll erwirtschaften können. Die Möglichkeiten, hier die Einnahmen zu erzielen, sind schon jetzt sehr, sehr schwierig. Weil wir das verbessern wollen, gibt es die Maritime Arbeitsgemeinschaft. Wir versuchen zusammen, die Attraktivität zu steigern und mehr Einnahmen zu erzielen. Diese Bemühungen werden durch das Hochhaus und die Veränderungen, die dieses Hochhaus für den Standort bringt, torpediert.

Gibt es deshalb konkrete Überlegungen, das „Schulschiff Deutschland“ an einen anderen Standort zu verlegen?

Der Deutsche Schulschiff-Verein hat kein Interesse daran, hier wegzugehen. Aber es kann natürlich sein, und das ist unser aller Sorge, dass die Situation sich so nachhaltig verändert, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt. Wir hatten vor Jahren schon einmal ein sehr verlockendes Angebot aus Bremerhaven. Bremerhaven ist als Standort auch nicht ganz abwegig, denn das Schiff wurde auf der Tecklenborg-Werft in Geestemünde gebaut.

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Warum haben Sie das Angebot dann ausgeschlagen?

Wir haben das damals abgelehnt, weil wir sagten, wir liegen in Vegesack richtig. Bremisches Steuergeld ist in diesen Standort gegangen. Wenn Bremerhaven da was macht, dann kostet das ein zweites Mal bremisches Steuergeld. Die Ablehnung des sehr attraktiven Angebotes aus Bremerhaven war eine Entscheidung für Vegesack. Es gehört sich, das anzuerkennen. Diese Anerkennung vermisse ich beim Beirat total.

Also wäre Bremerhaven durchaus ein Standort für das „Schulschiff Deutschland“, sollte das Hochhaus gebaut werden?

Das weiß ich nicht. Wir dienen uns da nicht an. Ich möchte da auch keine Gespräche führen. Ich war bislang der Meinung und hoffe, dass ich darin nicht enttäuscht werde, dass die Argumente gegen diese Planung so überzeugend sind, dass jeder vernünftige Mensch sagt, ja, das stimmt. Das war bislang meine Vorgehensweise und daran halte ich noch fest. Sollte sich aber herausstellen, dass das nicht möglich ist, dann ist die Situation für uns eine völlig andere und dann werden wir damit umgehen.

Was muss nun konkret passieren, damit das „Schulschiff Deutschland“ definitiv in Vegesack bleibt?

Die Verantwortlichen müssen nur die Vorgaben, die der städtebauliche Wettbewerb vorgesehen hat, nämlich Viergeschossigkeit, punktuell fünf, umsetzen. Wir sind in einem Verfahrensstand, wo das absolut möglich ist. Der Bebauungsplan liegt aus. Man könnte jetzt sagen, wir erkennen die Argumente an und der Bebauungsplan wird entsprechend auf maximal fünf Geschosse angepasst. Nach der Auslegung, die vergangenen Freitag abgelaufen ist, geht das zurück an die Baudeputation. Dann kann die Deputation selbstverständlich sagen, wir ändern das.

Nach einem wahrscheinlichen Szenario klingt das aber nicht.

Die alte Burgdammer Dorfschule ist ein gutes Beispiel, dass so etwas möglich ist. Da hatte der Beirat für Abriss votiert und auch die Deputation sowie der damalige Bürgermeister Sieling sagten, das Haus muss weichen. Durch eine Petition sowie die öffentliche Meinung ist es gelungen, eine Veränderung der Auffassung zu erreichen. Das kann man hier genauso machen.

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Wie kann das funktionieren?

Es gibt eine Initiative, die sich des Themas angenommen hat. Diese Initiative unterstütze ich nachhaltig. Die Initiative wird die Bürger Vegesacks und Bremen-Nords und alle, die daran interessiert sind, vor die Frage stellen, wollt ihr, dass sich dieses maritime Ensemble mit Schulschiff Deutschland an dem Standort weiterentwickeln kann, oder wollt ihr, dass hier ein Hochhaus hinkommt? Die Menschen müssen sich entscheiden, Hochhaus oder maritimer Standort mit Schulschiff Deutschland, das ist die Gretchenfrage. Vor die werden die Bürger gestellt und ich hoffe sehr, dass sie sich richtig entscheiden.

Bausenatorin Maike Schaefer erachtet diese Proteste allerdings für zu spät.

Dass wir uns nicht rechtzeitig gemeldet haben, ist falsch. Diese Anschuldigung weise ich zurück. Ich habe mich von Anfang an geäußert, nicht heimlich, sondern öffentlich. So kann Frau Schaefer ihre Verantwortung nicht von sich schieben.

Das Interview führte Aljoscha-Marcello Dohme.

Info

Zur Person

Claus Jäger ist seit 24 Jahren Vorsitzender des Deutschen Schulschiff-Vereins. Zwischen 1991 und 1995 war der Jurist und FDP-Politiker Wirtschaftssenator in Bremen. Jäger wuchs in Lesum auf.

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