Fußball Halbzeit-Ansprache mit Kult-Charakter

Steffen Dieckermann gewinnt mit TuS Komet Arsten III nach 0:4-Rückstand mit 6:4 gegen Eintracht Aumund II
07.02.2021, 13:46
Lesedauer: 4 Min
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Von Jens Pillnick

Bremen-Nord. Diese Wahl überrascht. Sie ist kurios. Sie ist komisch. Sie ist anders. Steffen Dieckermann, der stundenlang von den Geschehnissen in seinen Bremen-Liga-Spielen für den TV Eiche Horn, TSV Lesum-Burgdamm, FC Oberneuland, SC Weyhe und Habenhauser FV erzählen kann, hat die Partie SV Eintracht Aumund II gegen TuS Komet Arsten III ausgewählt. Eine Begegnung aus der Fußball-Kreisliga C, in der zehn Tore fielen. Die ersten vier für Aumund, die weiteren sechs für die Südbremer. Aber hinter der Wahl zum „Spiel meines Lebens“ steckt viel mehr als der Spielverlauf, der von einem 0:4-Rückstand zum 6:4-Endstand führte.

Die Reise in die Vergangenheit beginnt im Sommer 2009. Steffen Dieckermann hatte seine Herren-Karriere gerade mit einem Jahr als Co-Trainer von Bernd Otto beim Habenhauser FV ausklingen lassen und wollte eigentlich in die Ü32 von Werder Bremen wechseln. Eigentlich. Doch dann hieß es: „Do you remember?“ Alte Freunde, mit denen Dieckermann früher gemeinsam gekickt hatte, erinnerten an ein Versprechen, das er mit 21 Jahren gegeben hatte. Demnach wollte man nach Karriereende wieder gemeinsam spielen.

Ein Mann ein Wort. Steffen Dieckermann schloss sich dem TuS Komet Arsten III an. „Ich habe mir das deutlich gruseliger vorgestellt. Die ganze Liga war super, super fair“, erinnert sich der heutige Trainer des Blumenthaler SV an seine ersten Berührungen mit der Kreisliga C. Das Hinspiel gegen die Eintracht hatte keinen Sieger gefunden, nach 90 Minuten hieß es 2:2. Vor dem Rückspiel in Aumund seien die Erwartungen hoch gewesen, schließlich blickten die „Kometen“ in der Tabelle in höhere Regionen. Was dann passierte war aber zunächst eher unterirdisch. „Wir haben schnell gemerkt: Das ist nicht unser Tag“, sagt Dieckermann. Ruckzuck hieß es 0:2.

Dann wurde es komisch. Torwart-Urgstein Marco Töbelmann platzte ein Schuh. Ersatz im Gepäck – Fehlanzeige. „Wir hatten alles mögliche dabei: Bier, Korn, Zigaretten. Aber keine Ersatzschuhe“, lacht Dieckermann. Die Lösung sah so aus. Co-Trainer Oliver Reich reichte einen Turnschuh an Keeper Töbelmann weiter und lief fortan bei Nieselregen auf Strümpfen herum. Es wurde geschmunzelt. Die Eintracht legte zum 3:0 und 4:0 nach, das Schützenfest schien eröffnet. „Wir wurden nicht mehr ernst genommen. Nicht einmal die Einwürfe haben mehr geklappt“, weiß Dieckermann zwölf Jahre später noch. Und er weiß auch, dass das, was er in der 45. Minute der Partie tat, nicht die feine Art war: „Ich habe mich fallen lassen und einen Elfmeter herausgeholt. Ohne Tricksen ging‘s nicht mehr.“ Es ging also mit dem per Foulelfmeter erzielten 1:4 in die Pause. „Eine Schwalbe. Ich möchte mich noch einmal entschuldigen. So was macht man nicht“, schickt Steffen Dieckermann im Februar 2020 noch einen Gruß an die Aumunder.

Okay, der Treffer war nicht schlecht und half dem TuS Komet Arsten III bestimmt ein Stück weit. Aber der wirkliche Wendepunkt der Partie fand in der Kabine statt. Denn da nahm Co-Trainer Oliver Reich, der ja auf Strümpfen unterwegs war, nicht nur einige taktischen Veränderungen vor, sondern legte eine Ansprache hin, die für Dieckermann immer noch Kult-Charakter hat. Eine Ansprache, an die er sich zwar im Wortlaut nicht mehr erinnern kann. Aber eine Ansprache, die für Gänsehaut sorgte und nach der der TuS Komet Arsten III Berge versetzen konnte. „Wenn anstatt der Aumunder in der zweiten Hälfte Bayern München aufgelaufen wäre, hätten wir die auch geschlagen“, drückt Dieckermann die Motivationslage aus, mit der die Gäste auf den Rasen zurückkehrten. „Wir haben überragend verteidigt“, sieht Dieckermann den Grundstein für die Wende auf dem Feld in der Defensivleistung.

Aber eben nicht nur das. Jeweils zweimal Roman Zintek und Marc Brending machten aus dem 1:4-Rückstand eine 5:4-Führung, der Dieckermann kurz vor dem Schlusspfiff das Sahnehäubchen aufsetzte. Im Anschluss an eine Aumunder Ecke landete ein Befreiungsschlag bei Steffen Dieckermann, der sich in der eigenen Hälfte im Mittelkreis befand. Und dort plötzlich im Mittelpunkt stand. Lautstark wies ihn ein Mitspieler darauf hin, dass sich Aumunds Torwart weit draußen befand. „Dann habe ich den Ball aus der Drehung reingenuschelt“, erfreut sich der 46-Jährige noch heute an diesem Treffer. Ebenso erfreute er sich an der Reaktion der Platzherren: „Aumund hat uns zum Sieg gratuliert. Wir haben zusammen noch ein Bierchen getrunken.“

Dieses verrückte Spiel hat es also auf Platz eins im persönlichen Ranking von Steffen Dieckermann geschafft. Und damit ein Freundschaftsspiel mit dem FC Oberneuland gegen Werder Bremen (mit Ailton und Herzog), das sensationelle 2:2 des TV Eiche Horn beim FC Oberneuland (Dieckermann: „Damals das Maß aller Dinge“) oder das „emotional geile“ 3:1 als Trainer von Komet Arsten im Freitagabendspiel bei Tura Bremen ausgestochen. Der unplanmäßige Wechsel im Sommer 2009 vom Habenhauser FV zum TuS Komet Arsten war übrigens der Beginn einer langjährigen Liaison. Fortan war Dieckermann erst Trainer der Dritten, dann der Zweiten und übernahm schließlich die Erste. Mit der er es im vergangenen Jahr in die Bremen-Liga schaffte, in der er nun in seiner ersten Saison beim Klassengefährten Blumenthaler SV tätig ist.

Info

Zur Person

Steffen Dieckermann

ist 46 Jahre alt und war als Spieler für den Habenhauser FV, TV Eiche Horn, TSV Lesum-Burgdamm, FC Oberneuland und den SC Weyhe in der Bremen-Liga und Oberliga aktiv. Als Trainer trug er zuletzt sieben Jahre lang bei der ersten Herren des TuS Komet Arsten die Verantwortung, zuvor hatte er dort die dritte und zweite Herren trainiert. Derzeit trainiert der Niederlassungsleiter eines Personaldienstleisters die Bremen-Liga-Fußballer des Blumenthaler SV und wird dies auch in der Saison 2021/22 tun. Steffen Dieckermann ist mit Ann-Christine verheiratet und hat vier Kinder: Emil und Elsa (beide 5), Luisa (13) und Alicia (22.).

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