Handballverbände Niedersachsen und Bremen Zwischen Erleichterung und Enttäuschung

Suela Luhrmann bangt mit der Handball-C-Jugend der HSG Schwanewede/Neuenkirchen um die Anerkennung ihrer tollen Leistung in der Oberliga-Vorrunde.
17.02.2021, 15:36
Lesedauer: 4 Min
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Von Olaf Kowalzik

Bremen-Nord. Eine Überraschung war der Saisonabbruch durch die Handballverbände Niedersachsen und Bremen (wir berichteten) nicht. Am Dienstagabend haben sie das Ende der Saison 2020/21 in den von ihnen gemeinsam betriebenen Spielklassen von der Oberliga bis hinunter zur Landesklasse bei den Erwachsenen und beim Nachwuchs nun auch formell beschlossen. Von der Erleichterung über die Entscheidung, einer neuen Aufstiegschance bis hin zu möglichen Härtefällen reicht das Stimmungsbild, das „DIE NORDDEUTSCHE“ bei den betroffenen Klubs einholte.

„Ich bin über den Saisonabbruch nicht unglücklich“, gibt Henning Schomann, Oberliga-Trainer der HSG Schwanewede/Neuenkirchen, zu verstehen. Bis Weihnachten hätte er mit seinem Team noch wieder in die Saison einsteigen wollen, danach habe er seine Meinung aus Sorge vor Verletzungen seiner Spieler allmählich geändert. Schließlich hätten diese seit Monaten keinen Körperkontakt mehr gehabt, ein Wiedereinstieg wäre seiner Meinung nach selbst bei einem drei- bis vierwöchigen Trainingsvorlauf mit einem immer größeren Verletzungsrisiko erkauft worden.

Die verlockende Chance, das Interesse für die 3. Liga zu bekunden, und sich möglicherweise über eine geringe Zahl an Aufstiegsspielen für den Halbprofibereich zu qualifizieren, ist für die „Schwäne" keine Option. Zum einen nehmen sie die Fürsorgepflicht für ihre Spieler sehr ernst. Zudem dürften vermutlich rund um die Aufstiegsspiele auch Hygiene- beziehungsweise Testkonzepte mitzubeachten sein, was gerade bei den Coronatests kräftig ans Portemonnaie geht. Ganz abgesehen davon geht der HSG-Obmann Georg Bringmann von einem Drittliga-Etat von 250 000 bis 300 000 Euro aus.

„Das Budget wäre für uns gar nicht machbar“, gibt er zu verstehen. Zumal die Aufstiegsrunde, sollte sie denn überhaupt stattfinden, wohl erst Mitte Juni endet. Bis zum Drittliga-Start wären dann nur noch maximal drei Monate Zeit, um den nötigen Etat zusammenzubekommen. „Ich wüsste gar nicht, wo ich innerhalb von so kurzer Zeit überhaupt so viel Geld herbekommen soll", schiebt Bringmann hinterher.

Dass der Oberliga-Kader der HSG schließlich auch noch personell auf Drittliga-Niveau angehoben werden müsste, ist natürlich keine Überraschung und wäre damit gleich der nächste Fallstrick. „Wir sind dankbar, dass wir in der Oberliga sind und dafür einen guten Kader haben“, betont Bringmann. Der HSG-Coach Henning Schomann freut sich darauf, „wenn es irgendwann wieder zum Trainieren in die Halle geht". Bis dahin bekommen seine Spieler weiterhin ihre Trainingspläne zum Abarbeiten. „Eine Nachweispflicht der Abarbeitung“, so Schomann, „besteht dann aber nicht.“

Timo Teschner von der HSG Lesum/St. Magnus zählt zur am meisten betroffenen Nachwuchsgeneration. Für ihn klingt jetzt die normalerweise schönste Zeit, das letzte A-Jugend-Jahr, aus, ohne ein einziges Landesliga-Punktspiel bestritten zu haben. „Das ist natürlich ärgerlich“, sagt er, „aber die Saison abzubrechen, ist die richtige Entscheidung.“

Der 18-Jährige hatte die Hoffnung auf eine Aufnahme des Spielbetriebs bis zuletzt gehabt, nur wirklich daran geglaubt habe er nicht. Wenigstens fällt dem linken Rückraumspieler und seinen Teamkameraden der Übergang in die Männer-Mannschaft nicht schwer. „So lange es möglich war, durften wir einmal die Woche beim Männerteam mittrainieren“, nennt er den Grund dafür. Wäre die Saison gestartet, dann hätte auch das Angebot bestanden, im ersten Männerteam mitzuspielen. Insofern kommt es ihm und seinen altersbedingt aufrückenden Mitspielern entgegen, dass die Rot-Blauen in der Bremenliga gerade ein neue, junge Mannschaft aufbauen wollen. A-Jugendlichen in anderen Vereinen dürfte es da gerade aufgrund der körperlichen Präsenz in den Männerteams ganz anders gehen.

Ganz hart erwischt der Saisonabbruch möglicherweise die weibliche C-Jugend der HSG Schwanewede/Neuenkirchen. Sie hat sich über eine ausgezeichnet verlaufene Aufstiegsrunde für die Oberliga qualifiziert, durfte dort aber coronabedingt kein einziges Spiel austragen. Dementsprechend konnte sie sich auch nicht über eine gute Saisonplatzierung für eine höherklassige Aufstiegsrunde für die Saison 2021/22 in der B-Jugend qualifizieren.

In die rücken die „Black Swans“, wie sie sich selbst nennen, nämlich nahezu komplett auf. Es droht ihnen eine Kettenreaktion mit schwerwiegenden Folgen. Denn da im Jahrgang vor ihnen keine B-Jugend existierte, muss das Team von Trainer Jens Meinhold vermutlich versuchen, über eine besonders gute Relegationsrunde zur Landesliga noch irgendwie flott in die Relegation zur Oberliga-Vorrunde vorzustoßen. Als jüngerer Jahrgang stellt das schon gegen möglicherweise körperlich präsentere, ältere Gegner eine Herausforderung dar. Erschwerend kommt die große Unbekannte hinzu, wie viele Termine dem Verband überhaupt zur Verfügung stehen werden, um Relegationsrunden noch wie erhofft vor den Sommerferien stattfinden zu lassen. „Wir hoffen darauf, dass der Verband da noch irgendetwas strickt. Ansonsten wäre das für meine Mannschaft aus sportlichen Gründen ganz bitter, wenn wir nicht die Chance auf die Oberliga-Relegation bekämen", findet Jens Meinhold.

Das ist in seinem Team aber noch nicht alles: Greta Petersen, Runa Batista, Suela Luhrmann, Nele Jost, Kristina Dumrauf und Paula Dennhardt gehören allesamt der Bremer Landesauswahl des Jahrgangs 2006 an. Einer ihrer Auswahl-Höhepunkte wäre im Januar die DHB-Sichtung in Kienbaum bei Berlin gewesen, zusammen mit vielen anderen Landesauswahlen. Dort hätte sich das HSG-Sextett unter den Augen der Bundestrainer zeigen, und sich für die Nationalmannschaft empfehlen können.

Die Maßnahme musste abgesagt werden, an deren Stelle sollte es am 23. Februar eine Ein-Tages-Sichtung zusammen mit den Talenten Niedersachsens in Hannover geben. Mittlerweile wurde auch der Termin gecancelt, sodass die Talente jetzt auf eine Präsentationschance nach Ostern hoffen.

Die Landesklasse-Frauen des SV Grambke-Oslebshausen haben bislang kein Lockdown und auch kein Saisonabbruch vom Trainieren abgehalten. Das war schon im Frühjahr so und hat sich auch in der „dunklen“ Jahreszeit nicht geändert. „Meine Mannschaft ist immer noch äußerst fleißig dabei", lobt SVGO-Trainer Stephan Rix.

„Der Saisonabbruch ist zwar sehr schade, zumal wir eine sehr starke Saisonvorbereitung hatten und uns als Team noch mehr gefunden haben", meint die SVGO-Spielerin Lena Korge, „aber der Grund für den Abbruch ist natürlich verständlich.“ Dass das fehlende Ziel nun zu einem vorübergehenden Trainingsdämpfer führen wird, glaubt sie für sich und ihr Team nicht: „Wir sind gut motiviert und werden uns weiter fit halten.“

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