Waltraud Bayer

Waltraud Bayer läuft am liebsten alleine

Wer rastet, der rostet. Dieser Leitsatz gilt auf keinen Fall für Waltraud Bayer, die lauftechnisch einfach nicht zu bremsen ist.
22.03.2020, 16:02
Lesedauer: 5 Min
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Von Olaf Schnell

Wer rastet, der rostet. Dieser Leitsatz gilt auf keinen Fall für Waltraud Bayer, die lauftechnisch einfach nicht zu bremsen ist. Eigentlich wollte die 80-Jährige vom 15. bis 21. März bei den Leichtathletik-Hallen-Europameisterschaften der Senioren im portugiesischen Braga mit den Teamkollegen Gabriele Rost-Brasholz und Marc Gogol teilnehmen. Aber das Coronavirus stoppte bekanntlich auch das Trio der LG Bremen-Nord.

Doch trotz der verpassten Chance eine weitere EM-Medaille zu sammeln, lässt sich die erfolgreiche Nordbremerin nicht unterkriegen, zeigt sich kämpferisch und ist weiterhin oft in Bremen-Nord im Löh sportlich unterwegs. Sehr groß verändert hat sich das Leben von Waltraud Bayer aufgrund der Corona-Krise ohnehin nicht. Aus diesem Grund war die Vegesackerin eben auch auf dem Löhsportplatz anzutreffen und nahm sich Zeit über „Gott und und die Welt“ zu sprechen.

„Ich entscheide das immer nach Lust und Laune. Wenn es mir nicht so gut geht, dann lasse ich das. Heute Morgen habe ich vorher erst einmal die Fenster geputzt. Ich ziehe den Frühjahrsputz nun schon einmal vor, weil vieles ja flachfällt. Ich kann mich gut beschäftigen und habe keine Langeweile.“

Wenn das Wetter mitspielt, läuft das langjährige Vereinsmitglied des Vegesacker Turnvereins täglich so zwischen fünf und zehn Kilometer. Am liebsten ist Waltraud Bayer im heimischen Löh im Einsatz.

„Weil wir hier eine 1000er Runde haben. Und da kann ich dann so lange laufen, wie ich möchte. Wenn ich keine Lust mehr habe, gehe ich rein und mach’ Feierabend. Wenn ich zum Beispiel große Strecken laufe, dann muss ich natürlich wieder zum Standort auf dem Löhsportplatz zurück, und das kann wehtun,“ berichtet Bayer, die sich noch nie an einen Trainingsplan gerichtet hat. Auch nicht, wenn größere Läufe anstanden. „Ich laufe immer nach Gefühl, und höre immer auf meinen Körper. Da bin ich jetzt 45 Jahre gut mit gelaufen.“

Sportlich fing alles richtig an, als ihre Kinder zur Welt kamen. Und zwar in der damaligen Mutter-und Kindturn-Gruppe beim Vegesacker Turnverein. Das ist jetzt bereits 53 Jahre her. „Der Verein hat damals auch jedes Jahr im Vegesacker Stadion ein Sportfest durchgeführt. Da fand dann regelmäßig eine Abnahme des Sportabzeichens statt. So bin ich auch zum Laufen gekommen. Ich erinnere mich gerne an den Turnerball in der Strandlust zurück und an das Schauturnen in der Sporthalle Kerschensteiner Straße“, erinnert sich Bayer. Aber nicht nur im Löh ist Waltraud Bayer anzutreffen, sondern auch am Lesumer Sperrwerk oder im Burgwall. „Vom Löh startend ist das eine Distanz von 16 Kilometer und so für eine Trainingsstrecke ideal.“

Nicht nur wegen der Corona-Krise läuft die Nordbremerin am liebsten alleine. „Wenn Wettkämpfe anstehen, kann man sich mit den Anderen auch nicht zusammen tun. Es gibt welche, die wollen die 10 000er laufen oder den Halbmarathon. Da muss man ganz anders trainieren. Ich gehe allerhöchstens mal zum Burgwall zur LG Bremen-Nord zum Laufen, dort kann man auch gut einen ausquatschen. Im Großen und Ganzen mache ich mein Training alleine. So kann ich mich nur auf mein Tempo konzentrieren.“ Konzentriert hat sich die Vegesackerin aber auch auf „ihren“ Lauftreff. „Seit Februar 1982 leite ich den Lauftreff. Damals sprach mich der ehemalige LGN-Vorsitzende Wilhelm Brand an. Jedes Dorf hatte einen Lauftreff. Ich hatte aber meine Bedenken. Wenn am Start 100 Männer und eine Frau stehen, würde ich lieber einen Frauen-Lauftreff organisieren. Am nächsten Tag stand dann in der Zeitung, dass Waltraud Bayer einen Frauen-Lauftreff macht. Da hat mich Wilhelm quasi ins kalte Wasser geschubst“, erinnert sich die 80-Jährige. Und die Resonanz war dementsprechend groß.

Vor 14 Jahren wurde dann ein Schnitt gemacht. So haben sich die AOK Bremen/Bremerhaven und der Bremer Leichtathletik-Verband zusammen getan und bieten immer zwei Kurse im Jahr (Frühjahr/Herbst) an. Hat das wöchentliche Lauftreff-Event im Frühjahr ab 23. April (jeden Donnerstag) ab 18 Uhr überhaupt Chancen über die Bühne zu gehen?

„Ich hoffe, dass es klappen wird, denn man kommt sich hier ja nicht zu nahe und braucht eigentlich keine Angst zu haben, dass man sich ansteckt. Man hat doch so viel Platz und kann zu jedem Aktiven drei Meter Abstand halten“, äußert sich Waltraud Bayer, die auch der Meinung ist, dass gerade in dieser jetzt schwierigen Zeit Bewegung an der frischen Luft das Immunsystem stärkt. „Dass man so gegen die Corona-Pandemie besonders vorbereitet und eben auch nicht so anfällig ist“, meint die LGN-Aktive.

In Sachen Tempo geht es dienstags im Burgwallstadion bei der LG Nord mit den Laufkollegen Torsten Naue und Frank Themsen kräftig zur Sache. „Die Beiden machen zwischendurch immer mal Tempoläufe, und das geht ausschließlich auf der Bahn. Da kann man sich auch gut mal einklinken, läuft mit den Schnellen eine Runde mit – und ist dann sowie anschließend kaputt.“

Überregional hat die Vegesackerin Waltraud Bayer guten Kontakt mit der Delmenhorsterin Gabriele Rost-Brasholz, mit der sie ursprünglich auch bei den Europameisterschaften in Portugal gewesen wäre. „Ja, wir telefonieren mal. Ich kenne die LGN-Mitstreiterin auch schon sehr lange. Vor vier Wochen waren wir zusammen bei den deutschen Senioren-Hallen-Meisterschaften in Erfurt und davor bei den Norddeutschen in Berlin. Aber im Grunde genommen bin ich ein Einzelkämpfer.“ Waltraud Bayer legt zudem großen Wert darauf, dass sie nicht laufsüchtig ist.

„Ich bin aber bewegungssüchtig und schmeiß mich auch schon mal auf mein Fahrrad – fahre eine große Strecke und mache Gymnastik zu Hause. Aber für mich muss einfach immer Bewegung her. Ich kann nicht stundenlang einfach auf dem Hintern sitzen.“

Wenn Waltraud Bayer mal nicht mit dem Laufen beschäftigt ist, kann es sehr gut sein, dass sie sich einen Videofilm vom damaligen VTV-Schauturnen in der Sporthalle Kerschensteiner Straße mit ihrem 34-jährigen Enkel Miguel (der ebenfalls lauftechnisch im Einsatz ist) anguckt, oder im Schrebergarten im Schmugglerweg zum Beispiel die Vögel oder die Goldfische füttert – bevor sie sich wieder die Laufschuhe anzieht.

Und wenn doch noch in Bremen und Umgebung der Notstand in Form einer Ausgangssperre ausgesprochen wird, lässt sich die 80-jährige Vegesackerin ganz einsperren? „Okay, das weiß ich jetzt noch nicht genau, wie ich mich dann verhalten werde. Vielleicht schleiche ich mich nachts nach draußen und drehe heimlich meine Runden. Ich sehe da ganz ehrlich gesagt auch keinen großen Sinn drin. Ohnehin hoffe ich, dass die aktuelle schlechte Lage bald wieder zu Ende ist. Ich möchte schon gar nicht mehr meinen Fernseher einschalten, denn es geht hier nur noch um Corona, Corona... Und jeder erzählt doch etwas anderes. Einige Leute sagen, man soll zu Hause bleiben. Ein Professor hat zum Beispiel erzählt, dass man unbedingt raus muss und sich an der frischen Luft bewegen soll. Was denn nun? Im Endeffekt muss man selbst entscheiden, was man macht. Wer ewig gesessen hat, wird jetzt heute nicht so einfach losrennen. Wer ewig gerannt ist, wird auch wieder die Schuhe anziehen und auch wieder laufen“, meint Waltraud Bayer, die auch keine große Angst hat, sich anzustecken.

„Ich mache immer das, was ich möchte und habe für mich die Verantwortung. Wenn ich mich in die Gefahr begebe und komme um, ist das meine eigene Schuld. Ich finde auf alle Fälle Wege, dass ich zu meiner gewohnten Bewegung komme. Weil zu mir ja auch am besten passt, wer rastet, der rostet.“

Info

Zur Sache

Immer noch eine Klasse für sich

Waltraud Bayer wurde 1975 beim Sportfest des Vegesacker Turnvereins von Dieter Hartmann gefragt, ob sie sonntags in Brundorf mit einer Gruppe mitlaufen möchte. Über anschließende Volksläufe bekam die inzwischen 80-Jährige Appetit auf mehr. Waren es zu Beginn nur Teilnahmen bei den erlaubten Distanzen von einem- oder zwei Kilometern, „durften wir Frauen dann auch später zehn Kilometer laufen“, so Bayer. Am ersten Marathon nahm die VTV-Akteurin in Nordholz teil und kam nach drei Stunden und 17 Minuten ins Ziel. Ein Jahr später wechselte sie zuerst zum Post SV, absolvierte bei den Meisterschaften alle Strecken von 200 Meter bis 100 Kilometer (Winschoten, 1981/8:57,00 Stunden) – „mein bester Marathon war in Nordholz in 2:54:00 Stunden“. Aus gutem Grund wurde die heutige LGN-Akteurin zur Bremens Sportlerin des Jahres 1980 gewählt und hätte sicherlich auch bei der Hallen-Senioren-EM in Portugal für Furore gesorgt.

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