Meine Woche

Trockenübungen im Darts-Zimmer ersetzen das Teamtraining

Der 31-jährige Philipp Koschinsky ist Mannschaftsmitglied des Luftgewehr-Zweitligisten Sportschützen Bremen und war im November 2019 zu den Sportschützen gestoßen.
17.11.2020, 13:17
Lesedauer: 5 Min
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Trockenübungen im Darts-Zimmer ersetzen das Teamtraining

Philipp Koschinsky fiebert seinem ersten Einsatz für den Luftgewehr-Zweitligisten Sportschützen Bremen entgegen.

Christian Kosak

Mittwoch, 11. November: Das Handy zeigt mir den 11.11. an. Es ist also der Start der Karnevals-Saison. Meine Gedanken schweifen in deren Hochburgen. Trister kann es wohl kaum noch werden. Als Meerestechnik-Ingenieur am Marum, dem Zentrum für Marine Umweltwissenschaften in Bremen, entwickle ich Unterwasserfahrzeuge und Gerätschaften zur Erkundung und Beprobung des Meeresbodens, die ich dann auch selbst auf Schiffs-Expeditionen teste. Zurzeit konstruiere ich einen kleinen Gasprobennehmer. Dieser soll im Januar auf einer Expedition in der Nordsee auf dem Forschungsschiff Maria S. Merian eingesetzt werden und Gasproben für wissenschaftliche Zwecke mit Hilfe eines Tauchroboters sammeln. Hierzu haben wir mittags noch ein Meeting mit der Arbeitsgruppe, um die Rahmenbedingungen für das Projekt zu besprechen. Ebenfalls berichtet mein Kollege Szymon Krupinski von seinen Erfahrungen und neuen Erkenntnissen seiner letzten Expedition auf dem Forschungsschiff Meteor, auf dem er die vergangenen vier Wochen verbrachte. Wir schauen uns gemeinsam ein paar Unterwasser-Videos unseres Tauch-Roboters an und lachen gemeinsam, da Szymon Probleme damit hatte, das Fahrzeug nicht gegen die Bordwand zu setzen. Der Erfahrungsaustausch mit meinen Kollegen ist für mich sehr wichtig. Wenn man auf dem Schiff mitten auf See ist und ein Gerät nicht so funktioniert wie es soll, helfen nur Erfahrungswerte und schnelles Handeln um Problemlösungen zu finden.

Donnerstag, 12. November: Wenn ich doch heute nur auf den Schießstand dürfte, überlege ich morgens während des Frühstücks mit Jana in der Küche. Donnerstag ist wie Dienstag im Normalfall unser Trainingstag bei den Sportschützen Bremen. Hierauf freue ich mich immer schon morgens. Auf dem Schießstand treffe ich mich meist mit meinen Teamkollegen Jens Hinrichs, Kevin Standhartinger, Guido Flierbaum und unserem Vorsitzenden und Betreuer Andreas Brenneke. Dabei findet erst einmal ein reger Austausch statt, bevor wir uns gemeinsam aufwärmen und anfangen zu trainieren. Wir unterstützen uns bei der Fehleranalyse und versuchen gemeinsam immer das Beste aus jedem Schützen herauszuholen. Hier zählt nicht nur die körperliche Fitness, sondern vor allem der Kopf. Der muss bei jedem Schuss frei sein. Das Training fällt aber ja leider wegen Corona aus. Der Stand ist geschlossen. Somit bleibt mir nur das Trockentraining in den eigenen vier Wänden. Ich nutze dafür unser Darts-Zimmer. Ich hänge mir einen ausgedruckten Punkt an die Wand, der mein Ziel darstellt. Im Trockenmodus meines Luftgewehrs führe ich nun Trockenanschläge durch. Damit der Ablauf vom Einsetzen des Gewehrs in die Schulter bis zum Abzug des Triggers nicht einrostet, ist es auch ohne stattfindende Wettkämpfe sehr wichtig, den Anschlag immer wieder durchzuführen und zu kontrollieren. Hierbei kommt mir wieder der Gedanke an die abgesagte Bundesliga-Saison. Im Oktober hätte ich meinen ersten Zweitliga-Wettkampf absolvieren können. Jetzt muss ich aber eben dran bleiben, um meine Form bis zur nächsten Saison halten zu können.

Freitag, 13. November: Nach der Arbeit warte ich darauf, dass Jana in unserem Arbeitszimmer mit ihrem Homeoffice fertig wird, um im Anschluss gemeinsam mit ihr kochen und essen zu können. Es gibt Fisch. Wir unterhalten uns über die immer wieder aufpoppenden Meldungen zur US-Präsidentschaftswahl. Die beste dich ich gelesen habe war: „Donald Trump war das ganze Wochenende Golf spielen. Ziemlich teure Sportart für einen Arbeitslosen.“ Was geht in dessen Kopf vor? Ist das alles wirklich sein ernst? In der Dämmerung schlendern Jana und ich noch eine Runde durch den Bürgerpark, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Es geht vorbei am Tiergehege, wo die Pfleger gerade die Tiere füttern. Die Kinder am Zaun freuen sich über die grunzenden Schweine. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Nach dem Abendbrot schauen wir die Tagesschau und werden an die aktuellen Corona-Auflagen erinnert. Warum es wirklich so viele Leugner dieser Krankheit gibt, die sich auf die Straße stellen und gegen Maßnahmen demonstrieren, ist mir ein Rätsel. Genau diese Leute sind es, die meinen Sport jetzt wieder unmöglich machen, weil die Infektionszahlen konstant hohe Werte erreichen.

Sonnabend, 14. November: Beim ausgiebigen Frühstück gibt es Brötchen, ein gekochtes Ei und leckeren Honig vom Bruder meines Teamkollegen Jens Hinrichs, der eine Hobby-Imkerei betreibt. Im Anschluss packe ich meine Schießausrüstung und mein Luftgewehr aus und fange an, alles zu kontrollieren und zu säubern. Eigentlich wäre diese Arbeit erst im Januar nach unserem letzten Wettkampf in Braunschweig nötig gewesen. Da aber alle Wettkämpfe der Bundesliga abgesagt wurden und auch nicht davon auszugehen ist, dass Kreis- oder Bezirksmeisterschaften in nächster Zeit durchgeführt werden, ziehe ich diese vor. Während der Reinigung meines Luftgewehrs gratuliere ich Jens zum Geburtstag. Er schickt mir Bilder von meiner fertig lackierten Tube, die mein Sportgerät aufwerten und individualisieren soll. Ebenfalls bekomme ich Bilder von seinem neu lackierten Schaft, der nun in einem Gold mit Wabenmuster glänzt. Uns erreicht zudem die freudige Nachricht, dass unser Teamkollege Nicklas Kildehoj Dänischer Meister im Luftgewehrschießen geworden ist. Abends läuft das Nations-League-Fußballspiel der Deutschen Nationalmannschaft gegen die Ukraine. Ich schalte den Fernseher ein, obwohl ich das eigentlich nicht unterstützen wollte. Es gibt schließlich mehrere positive Corona-Tests – die Ukraine ist zudem Risikogebiet. Fußballspielen mit Körperkontakt und 22 Spielern auf dem Platz soll kein Problem sein. Aber der Amateursport ist komplett lahmgelegt. Das Schießen auf dem Stand, auf dem wir zweieinhalb Meter Sicherheitsabstand einhalten, da jeder zweite Stand gesperrt ist, wird untersagt. Immerhin gewinnt Deutschland.

Sonntag, 15. November: Nach dem Frühstück pumpe ich auf unserem derzeit im Bau befindlichen Innenhof Fahrradreifen auf. Der Hof bekommt ein neues Pflaster. Somit sind unsere Garagen und Parkplätze nicht nutzbar. Das Parken auf den Fahrradwegen ist zwar nicht offiziell gestattet, wird aber meist geduldet, damit man überhaupt die Möglichkeit hat, sein Auto abzustellen. Die Angst vor einem Bußgeld ist trotzdem immer da. Ich mache mich mit Jana auf den Weg ins Blockland, um eine Runde Fahrrad zu fahren. Das Wetter ist traumhaft, und die Idylle im Blockland wird nie langweilig. Nach der Radtour heize ich den Grill an. Es gibt Rinderbraten mit selbstgemachten Knödeln und Rotkohl, dazu einen leckeren Lagrein-Wein aus Tirol.

Montag, 16. November: Auf der Arbeit gibt es schlechte Nachrichten. Ein Lieferant aus den USA meldet einen verzögerten Liefertermin, der mir überhaupt nicht passt. Ich versuche, das Ganze doch noch einmal zu beschleunigen, um das Bauteil in naher Zukunft in Empfang zu nehmen. Nach der Arbeit trinke ich einen Kaffee mit Jana, während wir unsere Essensplanung für die Woche und eine Einkaufsliste schreiben. Seit dem ersten Lockdown versuchen wir, nur einmal pro Woche einzukaufen, um nicht zu häufig mit fremden Menschen in den Läden in Kontakt zu kommen. Das spart auch noch Geld. Nach dem Abendbrot telefoniere ich mit meinen Eltern Margit und Horst, die in Beedenbostel im Landkreis Celle wohnen. Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen und spekulieren nun darauf, wenigstens an Weihnachten etwas zusammen planen zu können.

Dienstag, 17. November: Die Motivation, mich zu Hause in die Schießkleidung aus Hose, Jacke und Schuhe zu zwängen und Trockenübungen zu machen, ist mehr als gering. Das bequeme Sofa und ein paar Folgen Bad Banks auf Netflix überzeugen irgendwie mehr. Ich fiebere schon dem Dezember entgegen und hoffe einfach darauf, dieses Jahr noch mal richtig trainieren zu können.

Rainer Soller von den Herren 60 des Beckedorfer TC wird als Nächster über seine Woche berichten.

Info

Zur Person

Philipp Koschinsky (31)

ist Mannschaftsmitglied des Luftgewehr-Zweitligisten Sportschützen Bremen. Der Meerestechnik-Ingenieur am Marum lebt mit seiner Freundin Jana Schnelle in Schwachhausen. Koschinsky war im November 2019 zu den Sportschützen gestoßen.

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