Zugausfälle Wie die Nordwestbahn für mehr Spielraum in Bremen-Nord sorgen möchte

Weil es an Zugführern mangelt, fallen derzeit viele Fahrten der Nordwestbahn aus. Leute abwerben will das Unternehmen nicht, setzt daher auf Ausbildung - und den Verzicht auf das Kuppelsystem in Vegesack.
12.06.2019, 08:04
Lesedauer: 4 Min
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Von Albrecht-Joachim Bahr

Die Nordwestbahn hat in den vergangenen Wochen zahlreiche Verbindungen zwischen Vegesack und Bremen-Hauptbahnhof gestrichen, weil Lokführer fehlen. Über das Warum und für wann denn wieder ein normaler Fahrbetrieb zu erwarten ist, sprachen wir mit Robert Palm, der bei der Nordwestbahn der Leiter Regio-S-Bahn Bremen/Niedersachsen ist, und mit Unternehmenssprecher Steffen Högemann.

Bei aller Diskussion liegt den beiden Bahnleuten eines besonders am Herzen. „Bei aller Beschwernis und bei all den misslichen Umständen“, sagt Robert Palm, „wir möchten unsere Fahrgäste bitten, ihren Ärger und ihren Frust nicht an unseren Mitarbeitern vor Ort auszulassen“. Zumal dann nicht, wenn es Kollegen seien, die einem möglicherweise im Zug gegenübersitzen – just noch im NWB-Outfit – und gerade in den Feierabend fahren. „Wenn es Grund zur Klage gibt, dann sollte man bitte übers Service-Telefon (0 18 06-60 0161) anrufen oder eine Mail an dialog@nordwestbahn.de schicken.“

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Wenn es einer weiß, dass es derzeit Grund zur Klage gibt, besonders für den Bereich Bremen/Bremen-Nord, dann Regio-S-Bahn-Leiter Palm. Erste Frage an ihn also: Wie lange wird das mit den Zugausfällen noch anhalten? Robert Palm: „Bis Ende Juni werden wir auf eine stabile Leistung kommen, mit der man umgehen kann.“

Kuppelsystem soll aufgegeben werden

Zunächst soll in wenigen Tagen am Bahnhof Vegesack das Kuppelsystem aufgeben werden. Denn bislang fahren zwischen Hauptbahnhof und Vegesack grundsätzlich fünfteilige Züge, die dort dann für die Weiterfahrt nach Farge verkürzt werden – und umgekehrt. Dass es in Stoßzeiten dann allerdings zu proppenvollen Zügen kommen könne, sei bedauerlich. Aber ohne Kuppelvorgang in Vegesack könne man vier bis fünf Schichten freimachen, und die dann in den Fahrbetrieb von Montag bis Freitag einpflegen, um Engpässe zu minimieren.

Grund für die Zugausfälle ist der Mangel an Triebfahrzeugführern. Mit 106 habe man sich Anfang des Jahres „einen Überstand angeeignet. 98 davon brauchen wir für einen reibungslosen Ablauf“. Von den 106 hätten inzwischen allerdings sechs das Unternehmen verlassen, „aus privaten Gründen oder von Wettbewerbern abgeworben“. Was die Nordwestbahn jetzt zusätzlich spüre, seien die tariflichen Regelungen, die man zu Beginn des Jahres abgeschlossen habe. Vor die Wahl gestellt, mehr Bezahlung oder mehr Urlaub, hätten sich die Mehrheit der Kollegen für Urlaub ausgesprochen. Hier aber beginnen die Probleme: Urlaub, freie Tage, Überstundenabbau – „das aufzufangen, dafür reichen die Mitarbeiter tatsächlich nicht.“

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Wie aber der Situation entgegensteuern? „Der Markt ist leer“, sagt Pressesprecher Steffen Högemann, „es gibt auch keine Leihfirmen, die noch Triebfahrzeugführer abstellen könnten. Jedenfalls nicht solche für den Personenverkehr“. Und Kollegen von anderen Unternehmen abwerben, das will die Nordwestbahn nicht. Palm: „Dieses System wollen wir nicht mitmachen, wollen es nicht noch befeuern. Wir werben keine Kollegen ab, das verschlimmert nur die Situation am Markt. Und letztlich hilft das keinem. Tariflich unterscheiden sich die großen Player nicht, und wer gehen will, geht. Den kann man nicht aufhalten, auch mit Prämien nicht.“

Um die Situation in den Griff zu bekommen, strebten die Nordwestbahn und die Transdev-Gruppe als Gesellschafter ein Übereinkommen mit anderen Unternehmen an, das den Transfer von Mitarbeitern regeln soll. Zum Beispiel Abstandszahlungen für Ausbildungskosten. Oder überhaupt nicht mehr abzuwerben. „In Nordrhein-Westfalen gibt es zwischen Bahngesellschaften schon einen Pakt, der beim Wechsel Zahlungen als Gegenleistung für erbrachte Ausbildungskosten regelt.“

Nordwestbahn setzt auf Azubis

Statt zu versuchen, Lokführer von anderen Unternehmen abzuwerben, setzt die Nordwestbahn auf Ausbildung. „Im August“, zählt NWB-Sprecher Högemann auf, „beginnt ein Kurs mit fünfzehn Teilnehmern bei der Lokfahrschule Dispo-Tf Berlin. Dort lernen sie die Theorie, wir übernehmen die Praxis“. Im November folge dann ein weiterer Kurs mit 15 Teilnehmern. Neun Monate werde die Ausbildung jeweils dauern. Wie viele Lokführer letztlich bei der Nordwestbahn landen, wäre jetzt reine Spekulation. Zumal es sich um ein Ausbildungskontingent handelt, das sich sowohl die Regio-S-Bahn Bremen/Niedersachsen (RSBN) und das Weser-Ems-Netz teilten. Zur Erinnerung: Das Problem ist nicht hausgemacht. Allein der Deutschen Bahn fehlen derzeit laut Lokgewerkschaft GDL gut 1200 Lokführer und deren Konkurrenten deutschlandweit rund 300.

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Aber selbst wenn es genügend Lokführer auf dem Markt gäbe, „in der jetzigen Situation mehr einstellen zu müssen, würde uns – neben den Strafen, die wir jetzt schon zu zahlen haben – sehr schmerzen“. Palm: „Jede neue Einstellung strapaziert meinen Haushalt. Und dann erst die Reserve ...“. Obgleich der Aufgabenträger, wendet Palm ein, sich Qualität auch etwas kosten lasse: „Niedersachsen und Bremen bezahlen acht Lokführerausbildungen. Dazu eine Fahrzeugreserve von mindestens 15 Prozent“. Bezahlt würde auch für Bereitschaftspersonal an fünf Standorten. Alles in allem aber kommen S-Bahn-Leiter und Unternehmenssprecher zum Resümee, dass das System Eisenbahn neu gestaltet werden müsse. „Low budget, high quality – das geht nicht zusammen.“

Vorerst aber, hoffen beide, werde das Verkehrsunternehmen auf der Regionalstrecke eine höhere Verlässlichkeit erreichen. Auf jeden Fall aber sollte man sich im Internetauftritt der Nordwestbahn unter „Akutmeldungen“ informieren. Die würden bis spät in die Nacht für den jeweiligen Folgetag aktualisiert. Spätestens zum Frühstück sollte man dort den aktuellen Fahrplan ablesen können.

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