Nur eine Familie harrt aus

Abriss der Schlichtbausiedlung an der Holsteiner Straße steht bevor

In der Schlichtbausiedlung an der Holsteiner Straße haben die Vorbereitungen für den Abriss begonnen. Alle Mieter sind weg – bis auf eine Familie, die gegen die Kündigung vor Gericht ziehen will.
05.03.2018, 10:39
Lesedauer: 3 Min
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Abriss der Schlichtbausiedlung an der Holsteiner Straße steht bevor
Von Anne Gerling
Abriss der Schlichtbausiedlung an der Holsteiner Straße steht bevor

Adem und Katrin Hacikerimoglu (hinten, v.l.) konnten bislang mit der Vonovia keine für sie akzeptable Lösung finden.

fotos: Roland Scheitz

Von der Straße aus bietet sich ein trostloses Bild: Bäume sind unterhalb der Kronen abgesägt, andere gleich ganz gefällt worden. In einem Baucontainer türmt sich Schutt und mitten im Hof formen herausgerissene Gehwegplatten und Wäsche-Pfähle aus Beton einen großen Haufen. Über das Gelände verteilt sind Bauzäune aufgestellt worden und direkt am Bahndamm hinter den Häuserzeilen stehen zwei Bagger bereit.

Mitten in diesem Bild der Verwüstung steht Adem Hacikerimoglu, schaut sich um und sagt: „Hier war mal alles voller Leben.“ Jetzt allerdings ist es in der Schlichtbausiedlung an der Holsteiner Straße still geworden. Ende Februar sind die letzten Mieter ausgezogen; die Wohnungsbaugesellschaft Vonovia hat allen Mietern zum 28. Februar gekündigt. Sie will die 41 Schlichtbauten abreißen und hier stattdessen fünf dreigeschossige Gebäude mit rund 40 barrierefreien Zwei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen bauen (wir berichteten).

Siedlung wird zur Baustelle

Der größte Teil der Schlichtbauten stand schon seit längerer Zeit leer. Mit fast allen der letzten Mietparteien ist es zu gütlichen Einigungen gekommen und die Vonovia konnte Ersatzwohnungen für sie finden. Nicht so allerdings für Familie Hacikerimoglu. „Die Wohnungen, die sie uns gezeigt haben, zwingen uns, wenn wir hier ausziehen, zu Transferleistungen – egal wohin wir ziehen würden“, erklärt Adem Hacikerimoglu. Mit anderen Worten: Um auch in Zukunft die Miete zahlen zu können, müsste die Familie staatliche Unterstützung beantragen. Hacikerimoglus Anwältin hat deshalb gegen die Kündigung der Wohnung Widerspruch eingelegt. Anfang Februar ist Post von den Vonovia-Anwälten gekommen: Die Familie soll ihr Zuhause räumen. Sie wird deshalb nun vor Gericht gehen; die Sache könnte länger dauern. Währenddessen verwandelt sich die Siedlung um das Haus der Hacikerimoglus herum nun in eine Baustelle.

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In der Siedlung laufen inzwischen die Vorbereitungen für den Abriss.

Foto: Roland Scheitz

Katrin Hacikerimoglu beobachtet dies mit Wehmut und mit gemischten Gefühlen. „Es ist auf eine Art komisch und auf eine andere Art andere auch interessant, es zu sehen“, sagt sie. „Für die Kleinen ist es mit den ganzen Baufahrzeugen natürlich spannend.“ Was ein Umzug für sie konkret bedeuten würde, können vor allem die kleineren der Geschwister sich nicht vorstellen. Alle sieben Kinder der Hacikerimoglus sind an der Holsteiner Straße geboren worden und wachsen seitdem hier auf – ebenso wie vor 38 Jahren ihr Vater Adem.

Seine Eltern haben am 28. Februar ihre Schlüssel abgegeben. Es sei ein stiller Abschied gewesen, erzählt Adem Hacikerimoglu. "Meine Eltern sind sehr traurig darüber, von hier wegzuziehen. Sie haben 38 Jahre hier gelebt und gehen jetzt alleine.“ Ihr neues Zuhause ist in Gröpelingen, der Bruder ist mit seiner Familie nach Schwachhausen gezogen: „Die Familie wird zerteilt.“

Adem Hacikerimoglu hatte der Vonovia schon vor längerer Zeit vorgeschlagen, ihm ein Haus an der Reihersiedlung in Gröpelingen zu überschreiben. Eine entsprechende Einigung sei aber leider nicht zustande gekommen, sagt er. „Ich würde es immer noch machen, wenn die Voraussetzungen stimmen würden.“ Der Sozialpädagoge hat sogar schon ein Konzept für eine betreute Siedlung mit Sozialarbeitern in Gröpelingen geschrieben: „Ich kenne es schließlich seit 38 Jahren, dass hier an der Holsteiner Straße ‚stille Sozialarbeit’ geleistet wurde. Es wurden Leute von den Nachbarn zum Arzt begleitet oder der Pflegedienst gerufen. Früher hat hier jeder auf den anderen geachtet. So eine Siedlung wird es in Walle nun nicht mehr geben.“

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Käme es doch noch zu einer außergerichtlichen Einigung mit der Vonovia, dann würde das seine Familie freuen, sagt Adem Hacikerimoglu. Seine Familie hat ihre Gefühle künstlerisch in einem Rap über die Holsteiner Straße verarbeitet; ein konstruktiver Umgang seiner Kinder mit ihrer Wut ist Hacikerimoglu wichtig.

Die Vonovia wolle die Schlichthäuser an der Reihersiedlung langfristig verkaufen, sagt Unternehmenssprecher Max Niklas Gille. "Eine Überschreibung wäre einem künftigen Eigentümer gegenüber sehr unfair." Wie Adem Hacikerimoglu hätten zuvor auch andere Bewohner das Problem gehabt, mit dem Umzug auf Unterstützung angewiesen zu sein. "Wenn es aber diese Möglichkeit gibt – warum sollte man sie dann nicht ausschöpfen? Das ist ja nichts Illegales", sagt Gille.

Bei der Fristsetzung sei es insbesondere darum gegangen, nach fast zweijährigen Verhandlungen nun weiterzukommen. "Wir haben nun die vorbereitenden Maßnahmen eingeleitet. Das bedeutet aber nicht, dass um die Familie herum nun demnächst das Gehämmer losgeht." Insbesondere lege die Vonovia hohen Wert darauf, die Sicherheit der Familie zu gewährleisten, betont Gille. "Wir haben natürlich ein Interesse daran, die nächsten Schritte gehen zu können. Wir wollen aber mit Familie Hacikerimoglu auch zu einer guten und konstruktiven Lösung kommen."

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