Jungpflanzenverkauf bei der Gemüsewerft

Große Auswahl für Kräuter- und Gemüsebeete in der Überseestadt

Auf dem ehemaligen Kellogg-Gelände warten knapp 4000 Sprösslinge darauf, mitgenommen und im heimischen Beet eingepflanzt zu werden. Und auch einen sozialen Aspekt verfolgt das Projekt der Gemüsewerft.
04.05.2020, 13:10
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten
Große Auswahl für Kräuter- und Gemüsebeete in der Überseestadt
Roland Scheitz

Violetta di Firenze und Cocozelle von Tripolis warten auf Abnehmer. Und auch Helene, Ariola, Serafina, und das Rote Teufele. Das Team der Gemüsewerft hat in diesem Frühjahr so viel Nachwuchs produziert, dass es für Hunderte von Balkonen und Stadtgärten reichen wird. An der Muggenburg hat vor einiger Zeit der erste Jungpflanzenverkauf dieses Jahres begonnen. Man könnte behaupten: Das passt perfekt in eine Saison, in der viele Hobbygärtner reichlich Zeit haben werden, ihren Pflänzchen geduldig beim Wachsen zuzuschauen. Die Bremer „Stadtwirte“ waren schon immer davon überzeugt: Als gesundheitsfördernde Maßnahme wird diese Art der Beschäftigung Früchte tragen für die Zukunft der Stadt und ihrer Menschen.

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Mehrere Tausend Sprösslinge gezogen

Auf dem Stück Land im Osten des ehemaligen Kellogg-Areals stehen rund 4000 Gemüsepflanzen und Küchenkräuter zur Auswahl – in Bioqualität und aus regionaler Herkunft. In den Gewächshäusern der Gemüsewerft wurden insgesamt 65 Sorten vorgezogen – Kartoffeln, Kohlrabi, Auberginen und Zucchini, grüner Hokkaido, Butternut-, und Muskatkürbis, Paprika, Chilis in allen Schärfegraden, und alleine 13 verschiedene Tomatensorten von „Yellow Submarine“ bis zur berühmten San Marzano-Tomate, die die Italiener gerne für ihre Saucen und für Tomatenmark verwenden. Blühender Salbei, Colakraut oder Zitronenmelisse eignen sich als geschmackvolle Begleiter. Augen und Bienen können sich an Cosmea, Ringelblumen oder Lavendel erfreuen.

WES Überseestadt Auf der Muggenburg Jungpflanzen Gemüsewerft

Setzlinge gibt es in der Gemüsewerft reichlich. Und das Angebot an jungen Pflanzen ist nicht nur extrem üppig, sondern zudem auch noch ausgesprochen vielfältig.

Foto: Roland Scheitz

Die kleine „Black Cherry“-Cocktailtomate ist der Liebling von Michael Scheer: „So süß und lecker“, schwärmt er. Scheer ist Geschäftsführer der „Gesellschaft für Integrative Beschäftigung“ (GiB) und seit fünf Jahren auch Leiter eines selbst gegründeten Gartenbaubetriebs. Bereits seit 2015 bestellt sein Gärtnerteam die 3000 Quadratmeter große „Gemüsewerft“ an der Basdahler Straße. 2016 kam eine ebenso große zweite Anbaufläche an der Stephanikirchenweide hinzu. Dort werden Bio-Obst und -Gemüse unter anderem für das betriebseigene Lokal „Café Brand“ an der Gröpelinger Heerstraße gezogen. Außerdem ist die Gemüsewerft nach eigenen Angaben größtes deutsches Anbaugebiet für Hopfen in Hochbeeten für eine kleine Bremer Privatbrauerei. Auch auf dem Kellogg-Gelände sprießen die Hopfenpflanzen in die Höhe, bilden kräftige Triebe und machen Hoffnung auf reiche Ernte. Den Modebegriff „Urban Gardening“ hört der studierte Biologe nicht gerne. Er nennt das Projekt lieber „Stadtwirtschaft“, denn hier wird ernsthaft und professionell Ackerbau betrieben. Das Besondere an der Gemüsewerft sind auch ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die GiB gibt Menschen mit psychischen Erkrankungen, seelischen und geistigen Behinderungen Arbeit, die sie stolz und selbstbewusst machen soll.

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„Grünflächen wie diese müssen städtebaulich verankert werden.“

Urbane Agrikulturprojekte sind in den vergangenen Jahren in vielen Städten der Welt herangewachsen. Oft sind sie geduldete Zwischennutzer auf Flächen, die nicht – oder noch nicht – im Fokus der Stadtentwicklung waren. Dabei würden Projekte wie diese immer wichtiger, wenn eine Stadt auch in Zukunft lebenswert bleiben wolle, mahnt der Biologe. „Immer mehr Menschen drängt es in die Städte. Der Besiedlungsdruck wird weiter steigen. Grünflächen wie diese müssen daher städtebaulich verankert werden“. Zwar könnten sie nie mehr als nur einen Bruchteil dessen produzieren, was die Bevölkerung konsumiert. Doch Michael Scheer ist davon überzeugt: Sie werden nachhaltig dazu beitragen, sparsam und respektvoll mit den Früchten der Natur umzugehen. „Die Stadtbevölkerung hat immer weniger Kontakt zu Lebensmitteln. Aber wer versteht, wie viel Zeit und Arbeit der Anbau erfordert, wird bereit sein, höhere Preise dafür zu bezahlen und weniger Lebensmittel in den Müll werfen.“

WES Überseestadt Auf der Muggenburg Jungpflanzen Gemüsewerft

Michael Scheer, Geschäftsführer der GiB.

Foto: Roland Scheitz

Knapp 2000 Quadratmeter stehen dem Projekt zur Verfügung

Auf dem ehemaligen Kellogg-Gelände wird Altes umfunktioniert und viel Neues entstehen. Das 15-Hektar-Areal soll in einen autofreien Ort zum Leben und Arbeiten mit ökologischer Energieversorgung verwandelt werden. Ein 2000-Quadratmeter-Filetstück an der Weser hatte der Eigentümer vor einem guten Jahr der GiB überlassen. Genau zehn Minuten habe das Verhandlungsgespräch gedauert, erklärt Scheer. „Dann sagte er: könnt Ihr haben.“

Wenn nicht gerade Kundschaft vorm Gewächshaus steht, können die Mitarbeiter den blitzblanken blauen Himmel, die Sonne und den Panoramablick genießen. So viel himmlische Ruhe war indes nicht geplant. Die selbst gebauten Sitzgruppen und Emporen erinnern daran: Eigentlich sollte hier Mitte April ein Treffpunkt und eine Erholungsfläche für Stadtmenschen eröffnet werden. In einem gewöhnlichen Jahr hätten hier täglich 150 Menschen zwischen den Pflanzcontainern Platz genommen. Ein ausgemusterter Straßenbahnwaggon hätte als Gastraum gedient, aus dem ehemaligen Torhäuschen wären Getränke ausgeschenkt und kleine Speisen aus den eigenen Produkten serviert worden. Doch wie so vieles musste auch dieses Vorhaben verschoben werden.

Die Natur lässt sich von den Ausgangsbeschränkungen allerdings nicht aufhalten. Der Jungpflanzenverkauf auf der Gemüsewerft läuft daher weiter, bis auch der letzte Sprössling unter die Leute gebracht ist. Das Gewächshaus Auf der Muggenburg 18 ist täglich von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Der Einlass erfolgt einzeln. Um den Ablauf zu erleichtern und zu beschleunigen, werden Interessenten daher gebeten, im Vorfeld bereits ihre persönliche Einkaufsliste zusammenzustellen.

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Weitere Informationen

Die Liste des Pflanzenangebots inklusive Preise sind online einsehbar. Das Team der Gemüsewerft bittet darum, geeignete Transportbehältnisse wie Körbe, Kartons oder Taschen selbst mitzubringen. Bezahlt wird bar, eine Kartenzahlung ist nicht möglich. Die Gemüsewerft ist zu Fuß oder per Fahrrad über die Weserpromenade erreichbar. Mit dem Auto ist die Zufahrt über das Kellogg-Tor 3 möglich. Viel spannenden Lesestoff über die Gemüsewerft und andere außergewöhnliche Projekte liefert das Buch „Stadtwirte – Von Sozialraumfarmern und Inklusionswirten“, das von der Aktion Mensch gefördert wurde. Es ist online kostenlos erhältlich.

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