Schwierige Suche nach Nachfolgern

Beirat befürchtet Hausärzte-Mangel in Walle

In den kommenden Jahren könnte die Zahl der Hausarztpraxen in Walle sinken: Das befürchtet der Ortsbeirat. Bei einer Sitzung nannte Marion Bünning von der Kassenärztlichen Vereinigung unterschiedliche Gründe.
16.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Beirat befürchtet Hausärzte-Mangel in Walle
Von Anne Gerling
Beirat befürchtet Hausärzte-Mangel in Walle

Hannover ist ein Studienort für Medizin in Deutschland und liegt nicht weit entfernt von der Hansestadt. Doch nach Bremen scheint es die Absolventen eher nicht zu ziehen.

Julian Stratenschulte/dpa

Was tun, wenn ohne Ankündigung plötzlich von einem Tag auf den anderen die Praxis des langjährigen Hausarztes dicht ist? Genau so ist es auch in Walle schon geschehen, und weitere Hausärzte werden dort in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen – womöglich, ohne einen Nachfolger gefunden zu haben. Dem Stadtteil könnte dadurch ein Hausärzte-Mangel drohen, fürchten deshalb die Waller Ortspolitiker. Darüber, wie sich solch eine Situation abwenden ließe, hat jetzt der Sozialausschuss des Waller Beirats mit Marion Bünning gesprochen, die bei der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen (KVHB) die Abteilung Recht und Zulassung leitet.

Ausschusssprecherin Brigitte Grziwa-Pohlmann (SPD) weiß unter anderem von Müttern zu berichten, die mit ihren Kindern auf der Suche nach einem Kinderarzt schon verzweifelt quer durch die Stadt gefahren sind. „Ich würde mir wünschen, dass alle Stadtteile gleichwertig mit Ärzten ausgestattet sind“, sagt sie.

Die KVHB ist unter anderem dafür zuständig, die ambulante Versorgung im Land Bremen zu gewährleisten. Kann sie also gezielt steuern und festlegen, wie viele Ärzte sich pro Stadtteil niederlassen – und welchen Fachrichtungen diese angehören? Leider nein, wie Bünning den Waller Ortspolitikern darlegte. Dies hänge unter anderem damit zusammen, dass bei der KVHB lediglich zwischen den beiden Planungsbereichen Bremen und Bremerhaven unterschieden werde: „Eine darüber hinausgehende kleinteiligere Unterteilung – etwa in Bremen-West oder Walle – nehmen wir nicht vor.“

„Oberneuland ist schlechter versorgt als Walle“

Selbstverständlich seien in ihrem Hause dennoch Stadtteil-Zahlen bekannt: „Es wird Sie vielleicht überraschen, aber Oberneuland ist schlechter versorgt als Walle.“ In Schwachhausen wiederum gebe es vermutlich deutlich mehr Patienten, die privat versichert und damit für Ärzte unter wirtschaftlichen Aspekten interessanter seien. Aber, wie Bünning unterstreicht, „eine Neu-Verteilung der Ärzte können wir nicht leisten. Dass wir zum Beispiel drei Ärzte von Schwachhausen nach Walle setzen, kann ich rechtlich nicht durchsetzen“.

Eine Stellschraube stehe der KVHB aber doch zur Verfügung: Bei mehreren Bewerbungen um eine Zulassung könne derjenige Arzt bevorzugt werden, der nach Walle wolle. Außerdem gelte: „Wenn jemand den Ort wechseln und zum Beispiel aus Walle wegwill, muss er schon sehr gute Gründe dafür haben, damit das genehmigt wird.“

Dass die Nachfolgersuche für Hausärzte immer schwieriger werde, sei nicht nur in Walle der Fall: „Das ist ein Problem, das wir in ganz Bremen haben.“ Aktuell stehe Bremen mit einer Versorgung um 100 Prozent herum noch relativ gut da: „Wir haben aber eine gewisse Überalterung.“ So gebe es tatsächlich viele Ärzte im Alter von 65 Jahren, die sich aktuell um Nachfolger bemühten.

Walle und Gröpelingen keine Praxisstandorte „erster Wahl“

Dies gestalte sich jedoch nicht einfach – unter anderem, weil offenbar der Hausarztberuf von jungen Medizinern heute nicht mehr als besonders attraktiv wahrgenommen werde: „Wir haben zum Beispiel einen großen Anteil von Frauen, die Arbeitszeitmodelle anstreben, die mit einer Niederlassung nicht leicht zu vereinbaren sind.“ Hinzu komme erschwerend, dass für manche junge Ärzte Walle und Gröpelingen offenbar nicht unbedingt der Standort der ersten Wahl seien, wie Befragungen zum Wunsch-Standort gezeigt hätten. Dies hänge möglicherweise mit der Praxisausstattung zusammen oder vielleicht auch mit der Bevölkerungsstruktur.

„Vielleicht könnten Sie sich Gedanken machen, wie eine Unterstützung für junge Ärzte aussehen könnte. Etwa durch preisgünstige Räumlichkeiten?“ Auch in ihrem Haus mache man sich Gedanken darüber, wie Bremen für junge Ärzte attraktiver werden könne, so Bünning: „Es gibt Ideen, aber zumeist fußt das auf wirtschaftlichen Überlegungen.“

Petra Fritsche-Ejemole (Grüne) bezweifelt, dass finanzielle Anreize allein ausreichen. Denn sie weiß von Praxen, die lange leer standen und immer günstiger wurden, ohne dass sich jemand dafür fand. Auf der anderen Seite seien die restlichen Praxen im Stadtteil allmählich so voll, dass sie keine neuen Patienten mehr aufnähmen. Fritsche-Ejemole würde sich deshalb Listen wünschen, über die noch freie Plätze für Patienten schnell und unkompliziert gefunden werden könnten. Die wenigsten Ärzte wären vermutlich bereit, sich an solch einem Projekt zu beteiligen, meint Bünning. Die KVHB sei aber aktuell dabei, eine Praxisbörse aufzubauen. Über diese Plattform könnten dann Gesuche für niedergelassene und angestellte Ärzte aufgegeben werden.

Eine Stadt ohne Medizinstudenten hat es schwerer

Was das Anwerben von Medizinern laut Bünning nicht leichter macht: Da es in Bremen den Studiengang Medizin nicht gibt, könne man hier nicht wie andernorts schon an der Uni auf angehende Ärzte zugehen. Tatsächlich strebten viele Ärzte aber auch gar nicht mehr an, sich niederzulassen, weiß Anja Meyer-Heder (CDU) aus Gesprächen: „Weil sie die Verantwortung gar nicht mehr haben wollen oder sich mehr Work-Life-Balance wünschen.“ Die Antwort hierauf könnte ihrer Ansicht nach ein Praxishaus mit verschiedenen medizinischen Fachrichtungen sein, für das Angestelltenverträge vergeben werden.

Ein solches Vorhaben sei in Thüringen tatsächlich schon umgesetzt worden, so Bünning: „Dort ist über die Kassenärztliche Vereinigung eine Praxis eingerichtet worden und junge Ärzte konnten nach einem Jahr entscheiden, ob sie die Praxis übernehmen wollen.“ In Bremen gebe es auf entsprechende Vorschläge bislang jedoch wenig Resonanz.

Die Waller Ortspolitiker wollen am Thema Hausärzteschwund dran bleiben und sich im Frühjahr mit Vertretern aus dem Gesundheitsressort darüber austauschen.

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