Bremer Guttempler feiern das hundertjährige Bestehen ihres Hauses an der Vegesacker Straße Alles andere als ein Geheimbund

Walle. Die Gemeinschaft erinnert in ihrem Namen an mittelalterliche Kreuzritter, wurde als Orden gegründet und errichtete sich Logenhäuser. Doch die Begriffe täuschen. Mit einem mysteriösen Geheimbund haben die Guttempler überhaupt nichts zu tun. Das Image stehe ihnen allerdings mitunter im Wege, wenn es darum geht, neue Mitglieder zu erreichen, erklärt Ernst Färber, erster Vorsitzender des Hausvereins der Bremer Guttempler. Am vergangenen Sonntag feierten die Bremer Guttempler das hundertjährige Bestehen ihres Gemeinschaftshauses an der Vegesacker Straße 43/45.
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Von Anke Velten

Walle. Die Gemeinschaft erinnert in ihrem Namen an mittelalterliche Kreuzritter, wurde als Orden gegründet und errichtete sich Logenhäuser. Doch die Begriffe täuschen. Mit einem mysteriösen Geheimbund haben die Guttempler überhaupt nichts zu tun. Das Image stehe ihnen allerdings mitunter im Wege, wenn es darum geht, neue Mitglieder zu erreichen, erklärt Ernst Färber, erster Vorsitzender des Hausvereins der Bremer Guttempler. Am vergangenen Sonntag feierten die Bremer Guttempler das hundertjährige Bestehen ihres Gemeinschaftshauses an der Vegesacker Straße 43/45.

Man könnte durchaus von einer der ersten Drogen-Selbsthilfeorganisationen der Welt sprechen. Gegründet wurde die Gemeinschaft der Guttempler im Jahr 1851 in den USA als Abstinenzorganisation; Jahrzehnte vor der Gründung der Anonymen Alkoholiker im Jahr 1935. Mit ihrem Namen bezogen sich die Guttempler auf den Ritterorden, der sich im 12. Jahrhundert dem Schutz der Pilger bei den Kreuzzügen verpflichtete und Kranke und Verwundete ohne Ansehen der Person versorgte. Von Beginn an machten auch die Guttempler keinen Unterschied zwischen den Menschen, denen sie ihre Hilfe anboten - betrachteten Frauen und Angehörige anderer Rassen als gleichberechtigt; zu einer Zeit, als das keine Selbstverständlichkeit war.

Zu den Grundprinzipien der Guttempler gehören neben einem konsequent enthaltsamen Lebensstil auch das Streben nach Brüderlichkeit, das als Bereitschaft zum uneigennützigen Helfen definiert wird. Der Einsatz für den Frieden unter den Völkern, für demokratische und menschliche Grundrechte, ist das dritte Prinzip der Arbeit der Guttempler. Die Guttempler sind heute in mehr als 60 Ländern aktiv, leisten Entwicklungshilfe und vermitteln in Krisengebieten. Sie sehen sich als politisch, religiös und weltanschaulich ungebunden, treten unter dem Kürzel "I.O.G.T" auf, um ihre Offenheit auch außerhalb christlicher Kulturkreise zu demonstrieren. Sie engagieren sich mit eigenen Jugend-, Kultur- und Bildungsorganisationen. Und sie wurden bereits neun Mal für den Friedensnobelpreis nominiert.

Konsequent enthaltsam

All das musste Ernst Färber den anwesenden Mitgliedern nicht erklären. Etwa 470 Guttempler gibt es heute in Bremen und Bremerhaven, die sich auf 25 Gemeinschaften aufteilen. Die meisten von ihnen, sagt er, haben mit Hilfe der Guttempler ihr Suchtproblem überwunden oder sind auf dem Weg und verpflichten sich damit zu einem konsequent enthaltsamen Lebensstil. "Anders geht es nicht", so Färber, der seit 1978 Guttempler ist. Oder sie sind Angehörige von Menschen, die von Alkohol oder anderen Drogen abhängig sind.

Nach Deutschland kamen die Guttempler gegen Ende des 19. Jahrhunderts. In Bremen gründeten sie sich im Jahr 1896, der Zeit der wachsenden Industrialisierung, so Schatzmeister Volker Biere in seiner Chronik: die Zeit, als Europa- und Überseehafen entstanden, als in großem Stil Schiffe gebaut wurden, viele neue Arbeitskräfte aus anderen Ländern nach Bremen kamen. Aber auch eine Zeit, in der die soziale Not groß war, so Biere: "Und wo Not ist, da ist Alkohol." Überall in Deutschland entstanden Guttemplergemeinschaften mit bis zu 45000 Mitgliedern.

Dass sich die Bremer Guttempler ein eigenes "Dach über den Kopf" wünschten und schließlich an der Vegesacker Straße errichteten, hatte einen ganz pragmatischen Grund, erklärte Volker Biere: "Vorher hatte man sich in öffentlichen Räumen getroffen, und das waren meist die Hinterzimmer von Gastwirtschaften - also genau das Milieu, dem die Menschen entrinnen wollten."

Das Haus überstand die Nationalsozialisten, denen die Arbeit der organisierten Gemeinschaft ein Dorn im Auge war, ebenso wie die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs. Hier sind "alle Menschen, die auf irgendeine Weise durch ein Suchtproblem in Schwierigkeiten gekommen sind", willkommen, heißt es in der Broschüre der Bremer Guttempler. Der Schwerpunkt der Gesprächsgruppen liegt auf der Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit. Rang und Namen spielen keine Rolle, dafür aber gegenseitiger Respekt und Vertraulichkeit.

Neben der gemeinsamen Arbeit an der Suchtproblematik gehört auch ein vielfältiges Gemeinschaftsprogramm zum Angebot. Als "eine Art Volkshochschule suchtmittelfreien Lebens" sehen sich die Bremer Guttempler in der Broschüre. Nach einem Geheimbund klingt das tatsächlich nicht.

Weitere Infos: www.guttempler-bremen.de. und www.guttempler.de.

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