Rallye durch 20 Länder in 16 Tagen Ankommen ist fast alles

Rund 7500 Kilometer durch Europa. Kann man schaffen, auch mit mindestens 20 Jahre alten Autos, wie bei der 20-Nations-Rallye. 45 Teams waren gestartet, am Sonntag kamen sie durchs Ziel - jedenfalls die meisten.
21.07.2019, 19:01
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Ankommen ist fast alles
Von Justus Randt

Schlammbespritzte Karossen, blubbernde Motoren, das Abenteuer endloser Landstraßen vor sich, der Himmel voller Sterne und der Werkzeugkasten weit geöffnet. So stellen sich viele eine Autorallye vor. Das Grundszenario kommt hin. Aber dass junge Männer mit modischen Vollbärten in Opas S-Klasse-Mercedes quer durch Europa brettern, kann auch einen Sinn ergeben. Die Teams der 20-Nations-Rallye müssen mindestens 555 Euro an Spenden zusammenbekommen, bis sie die letzte Etappe hinter sich gebracht haben. Die schwarz-weiß-gewürfelte Ziellinie, eine große Matte, war am Sonntag am Schuppen 1 in der Überseestadt ausgerollt.

Dass nicht alle Teams nach 16 Tagen Tour durch Europa dabei sein würden, war abzusehen. Zumindest für Alex Fieberg aus Hamburg und von Max Schriever aus Osnabrück, die ihre „Charity-Rallye“ zum zweiten Mal in Bremen starten und enden ließen. 2018 kamen insgesamt knapp 30 000 Euro zusammen. Die Teilnehmerfahrzeuge müssen mindestens 20 Jahre alt sein. Klar, dass da nicht jeder die ungefähr 7500 Kilometer lange Strecke schafft. Das Alter ist, außer dem Spendenzweck, eine der wenigen Vorgaben. Ach so, Autobahnen sind tabu, Satellitennavigation ebenfalls.

Ein Bremer Team, wird am Schuppen eins erzählt, habe es die Bremsen zerlegt, „irgendwo in Albanien“, wird gemunkelt. Bis zur Preisverleihung am Nachmittag würden die beiden Fahrer es nur schwerlich nach Bremen schaffen. Ersatzteile für Oldies sind mitunter rar. Und man kann nicht alles dabei haben. „jeder ist auf sich selbst gestellt“, empfiehlt Alex Fieberg, die Mitgliedschaft in Autoklubs.

Der Dachträger für das Reserverad neben dem Kanister auf dem Dach des blauen BMW-Kombi ist nicht gerade serienmäßig. Das „Hyper Hyper Rallye Team“, Kraftfahrzeugserviceberater Sebastian Lange aus Bremen und Mechaniker Tom Schierloh aus Kirchweyhe haben den Wagen extra für die Tour gekauft und hergerichtetet. „Kühlwasserstutzen und Wasserpumpe, alles, was starker thermisch belastet wird, haben wir vorher ausgetauscht“, sagt Lange. Der Innenausbau, den Schierloh präsentiert, hat es in sich: Einen doppelten Boden mit seitlich zugänglichen Öffnungen im Kofferraum und Platz für den Subwoofer. „Die Musik muss stimmen.“ Vor allem Techno war unterwegs gefragt. Ob es technische Schwierigkeiten gab? „Eher ein Komfortproblem“, ist sich das Team einig: „Die Klimaanlage ist kaputtgegangen.“

Unterwegs hatten die Fahrerinnen und Fahrer Aufgaben aus ihrem „Road-Book“ zu erfüllen. Daten zur Kathedrale in Budapest waren gefragt, die nur an Ort und Stelle zu bekommen sein würden. Und ein Foto, das das Team samt Auto und einem Brautpaar zeigt – egal, in welchem Land aufgenommen. Organisator Alex Fieberg und Max Schriever, die selbst in einem 30 Jahre alten Mercedes 300 SE unterwegs waren, wollen nicht zu viele der Aufgaben verraten, es könnte sein, dass sie noch mal gestellt werden. Am Start – waren Geländewagen und Familienkutschen von früher, auch Minibusse und Coupés im vollen Zierleistenornat der späten 80er-Jahre.

Aus alter Verbundenheit sind Frank Schwardtmann und seine Tochter Lena aus Schwanewede am Schuppen eins mit ihrem Trabant Kombi samt original Müller-Dachzelt aufgekreuzt. Das Vater-Tochter-Team hat im vergangenen Jahr den Gewinner-Pokal geholt. „Man muss eine saubere Tourenplanung machen und konsequent fahren“, sagt Schwardtmann. Das musste er allein übernehmen, Lena hat noch keinen Führerschein. Auch Matthias Beier aus Köln hier, um Freunde von früheren Rallyes wiederzusehen. Der Gewerkschaftssekretär für den Bereich Finanzdienstleistungen ist mit seinem schwarzglänzenden Volvo 145 aus dem Jahr 1972 angereist. An der Windschutzscheibe prangt die grüne Plakette – der Friedhofsverwaltung Köln, der Leichenwagen war noch bis 2012 im Einsatz. „Jetzt kann man drin schlafen, ist ja auch nur ein Auto“, sagt sein Besitzer.

Die insgesamt 45 Teams kommen aus allen Regionen Deutschlands, eines sogar aus Polen. Als reine Damenmannschaft aus Berlin waren Wasaki an Schuppen 1 vorgefahren: Lena Wagner, Sabrina Raible und Anna Kirsten haben sich ihren Mercedes-Kombi eigens bei einem Oldie-Verleiher gemietet: „Wir kommen aus der Großstadt, was sollen wir mit Autos, wir fahren Fahrrad“, sagt Raible. In Bulgarien haben sie den Auspuff verloren, in Rumänien wurde er wieder angebaut. Sie haben 900 Euro Spenden zusammenbekommen, „für One Earth – one Ocean, gegen Plastik im Meer“, sagt Lena Wagner. Mit dem Auto für den Umweltschutz auf Tour? „Was zählt, ist die Aufmerksamkeit.“

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