Archäologische Grabung im Bremer Westen

Walle ist älter als gedacht

Bewohner Walles könnten früher vor den Toren Bremens im Textilgewerbe tätig gewesen sein. Das legen archäologische Funde nahe.
14.10.2020, 05:00
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Walle ist älter als gedacht
Von Justus Randt
Walle ist älter als gedacht

Ausgrabungsleiter Carlo Nüssli mit einem Fund-Splitter an der Feuerstelle, die nach mehr als 1000 Jahren noch dunkel verfärbt ist.

Christina Kuhaupt

Die Bremer Landesarchäologin Uta Halle und ein Grabungsteam haben auf einem Baugrundstück eine tiefschürfende Erkenntnis zutage gefördert: Der Ort Walle ist nicht erst, wie bisher angenommen, seit dem 12., sondern bereits seit dem neunten Jahrhundert nach Christus Siedlungsstätte. Das folgern Uta Halle und Carlo Nüssli, Grabungsleiter des Investors, der an der Waller Heerstraße 213 ein Mehrfamilienhaus mit Tiefgarage errichten will, aus Fundstücken und Spuren.

So wurden Scherben entdeckt, die nicht zur charakteristischen Form mittelalterlicher Kugeltöpfe passen, sondern eher auf eiförmiges Kochgeschirr schließen lassen, das deutlich älter sei, sagt Uta Halle. Rund 300 Jahre, so die bisherige Schätzung. Am Ende will es die Landesarchäologin ganz genau wissen. Aber das wird noch dauern, auch wenn alles andere schnell geht.

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Aktuell nutzt sie ein kleines Zeitfenster: Schon kommende Woche soll im Nordwesten des heutigen Bremer Stadtteils, auf dem Grundstück der früheren Käsefabrik Vogelsang, das Ausschachten für die Tiefgarage des Neubaus beginnen. Damit verschwinden sämtliche Spuren, die Nüssli und sein Team seit rund drei Wochen sichern. „In 100 Jahren können Archäologen hier nichts mehr finden, wir kämpfen um jeden Tag“, sagt Halle. „Wir überführen ein primäres in ein sekundäres Denkmal. Das ist leider unser täglich Brot.“

Das heißt: Was bleibt, sind die Dokumentation der Fundstelle und die Analyse der Fundstücke. Was sich nicht einpacken und mitnehmen lässt, ist verloren. Das betrifft die vielen, für die Archäologen aussagekräftigen Verfärbungen im sandigen Boden. Sie lassen frühere Umrisse eines etwa zwölf mal fünf Meter messenden Langhauses erkennen. „Wir gehen dabei von einem Wohn-Stall-Gebäude aus“, sagt Uta Halle. Für einen Getreidespeicher sei das Gebäude zu groß gewesen.

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Auch Hinweise auf zwei kleinere Grubenhäuser erkennen die Experten. Und dass sich die Grundrisse teils überlagern mit den deutlichen dunklen Holzkohle-Verfärbungen, die eine Feuerstelle im hellen Sand hinterlassen hat. „Sie liegt so nah an dem Gebäude, dass es eine Katastrophe gegeben hätte“, erklärt die Professorin, weshalb sie davon überzeugt ist, dass sich hier Jahrhunderte alte, aber unterschiedlich alte Spuren überlagern.

„Das ist so gut zu erkennen, der macht richtig Spaß, der Fund“, sagt die Landesarchäologin. Offenbar sei die Stelle mehrfach besiedelt und schließlich im geordneten Rückzug wieder verlassen worden. „Hätte es ein Unglück gegeben, hätten wir viel mehr Fundstücke entdeckt.“ Was in welcher Reihenfolge und zu welcher Zeit an der heutigen Waller Heerstraße 213 entstanden ist, sollen spätere Untersuchungen ergeben. Zum Beispiel der Holzkohlereste, deren Alter mit Hilfe der Radiokarbonmethode ermittelt werden kann.

Nur ein Fundstück ist nahezu unversehrt geblieben. Allerdings ist der rund acht Zentimeter hohe Cremetiegel, von den Archäologen „Apothekenabgabegefäß“ genannt, schätzungsweise noch keine 300 Jahre alt. Vielleicht lässt sich analysieren, was das kleine, glasierte Tongefäß einmal enthalten hat. Die Ausgrabungsstelle befindet sich auf dem rund 30 Kilometer langen Dünenzug, der sich von Achim im Süden bis nach Grambke im Norden erstreckt.

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„Die Düne war im ersten Jahrtausend nach Christus dicht besiedelt“, weiß Uta Halle. In Mahndorf wurden eine großflächige Siedlung und ein frühgeschichtlicher Friedhof gefunden. „In Grambke haben wir 79 Grubenhäuser entdeckt.“ Als die Vogelsang-Gebäude und Garagen auf dem Grundstück abgerissen wurden, veranlasste Halle eine Voruntersuchung, weil sie hoffte, auch hier Hinweise auf eine frühgeschichtliche Siedlung zu finden. „Wo, wenn nicht hier?“

Schließlich habe sich Walle seit Beginn des 20. Jahrhunderts von einem kleinen Dorf zu einem dicht bebauten Stadtteil entwickelt – und von Archäologen bisher fast unerforscht. Die Grabung hat das schlagartig geändert. Plötzlich sei klar, dass Walle „zeitgleich mit den ersten Bistumsgründungen in der Innenstadt bereits besiedelt war“, sagt Carlo Nüssli. „Es war kein Dorf, vielleicht ein Hof, ein Gemeinschaftshof aus zwei, drei Gebäuden, von denen aus in die nahe Stadt geliefert wurde.“ Keramikscherben deuten für Uta Halle auf Webgewichte und die Herstellung von Textilien hin.

Neben den Topfscherben sind die Reste der scheibenförmigen Gewichte ein weiteres Indiz für das wahre Alter Walles: „Trittwebstühle hat man erst im 13. Jahrhundert verwendet“, sagt Uta Halle. „Vorher hat man senkrecht stehende Webstühle verwendet“, in denen solche Gewichte, Scheiben mit Loch, die Fäden straff hielten. Als in den 1950er-Jahren Kanalrohre verlegt wurden, „ist die Ecke eines der Grubenhäuser erwischt worden“, hat Uta Halle festgestellt. „Aber uns hat niemand etwas gesagt.“ Sonst wäre Walle schon länger 300 Jahre älter.

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