Demokratie und Wahlen zur Übung

Auch Schüler sollen Kreuze machen

Juniorwahlen ab der siebten Jahrgangsstufe im Vorfeld der nächsten Bremer Bürgerschaftswahl zeigen künftigen Erstwählern, wie so ein Urnengang funktioniert. Rund 70 Bremer Schulen sollen sich beteiligen.
14.11.2018, 18:11
Lesedauer: 4 Min
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Von Magali Trautmann
Auch Schüler sollen Kreuze machen

Der Wahlakt als demokratische Übung: Die Juniorwahl 2019

Juniorwahl 2018

„Hier sitzen ja nur Frauen!“, entfährt es Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) beim Betreten eines hellen, großen Raums im Schulzentrum Walle. „Ob das repräsentativ für die kommende Wahl ist?“ In dem hohen Klassenraum mit langen schwarzen Vorhängen vor den bodentiefen Fenstern sitzen an diesem Morgen in der Tat zwölf junge Frauen hinter ihren in U-Form angeordneten Tischen und blicken der Politikerin erwartungsvoll entgegen. Vor ihnen liegen Infozettel zum Ablauf eines Wahlakts, Anlegen von Wählerverzeichnissen und zu den Aufgaben von Wahlhelferinnen. Auf einem Tisch in der Ecke türmen sich Wahlkabinen und -urnen, an den Wänden hängen riesige Stimmzettel mit Parteilisten. Das Material zur Durchführung einer Wahl liegt also schon bereit. Durchgeführt wird die Juniorwahl aber erst im kommenden Jahr, etwa eine Woche vor der echten Bürgerschaftswahl am 26. Mai.

Auch Wählen will geübt sein

Genaugenommen handele es sich um eine „Wahlwoche“, präzisiert die Politiklehrerin der Klasse, Silke Requardt, „nicht um einen Wahltag, da die Berufsschüler nur zwei Tage die Woche in der Schule sind. Wir müssen also für alle Klassen Wahlzeiten innerhalb der Woche vergeben, damit alle wählen gehen können.“ Im Schulzentrum Walle befindet sich nämlich nicht nur ein Gymnasium, sondern auch eine Berufsschule für Hauswirtschaft und Gesundheit. An den übrigen Arbeitstagen lernen die Berufsschüler daher an ihrem jeweiligen Ausbildungsplatz praktisches aus der Arbeitswelt – etwa wie man ein EKG anlegt.

„Oder auch nicht!“, bemängelt Jasmin Zander. Die 21-jährige gehört zu den wenigen Schülerinnen der Klasse, die sich in dieser Diskussionsrunde zum Auftakt der Juniorwahl 2019 besonders hervortut. Die Mehrheit hört interessiert zu, schweigt aber. „Mir wurde gesagt: die Elektroden einfach ankleben, fertig! Da kann man nichts falsch machen.“ Viel später erst habe sie von einer Kollegin erfahren, dass ein EKG mit viel Sorgfalt präzise angebracht werden müsse. „Das hätten wir auch schon in der Schule üben können“, findet Zander, schließlich hätten sie hier ein EKG-Gerät liegen, es aber nie benutzt. Einstimmiges Nicken in der Runde der Schülerinnen. „Was muss sich denn ändern, damit es in der Schule besser wird?“, hakt Bogedan, Schirmherrin der Veranstaltung, nach. Zander wünscht sich eine bessere Verzahnung von Theorie und Praxis. „Ja“, pflichtet Mitschülerin Antonia Cordes ihr bei, „das Wirklich-Machen fehlt einfach! Ich lerne etwas in der Theorie, bin aber nicht geübt. Das ist wie mit dem Autofahren: Ich habe einen Führerschein, fahre aber nicht.“

Im Wirklich-Machen liegt auch das Ziel der Juniorwahlen: Schüler und Schülerinnen aller weiterführenden Schulen ab Klasse sieben sind aufgerufen, so zu tun, als ob sie wirklich zur Wahl gingen. Dafür werden die Schulen mit dem nötigen Material von der Landeszentrale für politische Bildung ausgestattet. „Jetzt, im November, findet die Anmeldung statt“, erklärt Sebastian Ellinghaus von der Landeszentrale für politische Bildung Bremen den Ablauf. „Zum zweiten Schulhalbjahr, ab Januar geht’s los! Dann gehen die aktuellen Pakete mit didaktischem Begleitmaterial raus, abgestimmt auf die verschiedenen Schulformen und Jahrgangsstufen.“ Angemeldete Lehrkräfte können dann auf der Webseite der Landeszentrale weitere Infos und Dateien herunterladen. Ellinghaus weist darauf hin, dass es für Schulen, die noch nicht an den Juniorwahlen teilgenommen haben, spezifische Veranstaltungen im Landesinstitut für Schule (LIS) gibt. Interessierte Lehrer können hier Weiterbildungstage zur Juniorwahl und zum Wahl-O-Mat buchen, der ebenfalls von der Landeszentrale veranstaltet wird.

Rund 13 000 Schüler sollen mitmachen

„Drei bis vier Schulen waren es anfangs“, führt Ellinghaus weiter aus. „Dieses Mal wollen wir 70 Schulen und mehr erreichen, das heißt zwölf bis 13 000 Schüler!“ 1999 fand die erste Juniorwahl statt, das Konzept stammt vom Verein Kumulus aus Berlin. Bremen war von Anfang an dabei. „Die Juniorwahl ist eine Simulation. Bei den ersten Durchgängen hatten wir Sorge, dass die Schüler wunderlich abstimmen würden. Das kommt auch vor, aber bei der letzten Bürgerschaftswahl hatten wir 12 500 Teilnehmer. Das Parteienverhältnis war anders – in der Schule werden tendenziell immer mehr Umwelt- und Tierfreundparteien gewählt –, aber das Gewinn-Verlust-Verhältnis war fast gleich!“ Ellinghaus blickt in die Runde: „Ich kann nur sagen: Ihr geht alle verantwortungsvoll mit Eurem Wahlrecht um!“

„Die Juniorwahl war eine gute Idee“, bemerkt Schulleiter Matthias Möller, „So verlieren die Schüler die Scheu vor dem Wahlakt. So etwas muss gelebt werden. Man sollte Demokratie früh aufbauen – da sind wir alle gefordert!“ Bogedan betont, dass man auf jeden Fall dort mitbestimmen solle, „wo es um die eigenen Belange“ gehe. „Ich würde mir mehr Aktivität wünschen, auch schon im Kindergarten“, führt die Senatorin aus. „Es müssen mehr Freiräume für solche Zeiten organisiert werden.“ Der Aufwand für die Juniorwahlen sei aber ziemlich groß, merkt Zander kritisch an. „Soll man sich auch die Mühe machen, wenn nur fünf wählen gehen?“ „Ich erreiche lieber einen mit ganz viel Aufwand als keinen!“, kontert Ellinghaus. „Wir werden dran bleiben. Deswegen stehen wir hier als Landeszentrale für politische Bildung dahinter.“ Bogedan betont, dass sie „ein großer Fan“ des Formats sei und das Ziel darin liege, alle Schulen zu erreichen. Für das kommende Jahr seien daher insbesondere auch die Berufsschulen aufgefordert, an der Juniorwahl teilzunehmen.

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