Psychiatriereform

Blaue Karawane stößt Beteiligung für Psychiatrie-Modellkonzept an

Die Schließung des Rückzugshauses in Walle könnte nun Bewegung in die seit Jahren stockende Psychiatriereform bringen: Der Verein Blaue Karawane hat mit seinem Fachtag Psychiatrie den Faden wieder aufgenommen.
19.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Blaue Karawane stößt Beteiligung für Psychiatrie-Modellkonzept an
Von Anne Gerling
Blaue Karawane stößt Beteiligung für Psychiatrie-Modellkonzept an

Klaus Pramann (von links), Heiko Schwarting, Ulrich Wesseloh und Arnolde Trei-Benker möchten die Öffentlichkeit zur breiten Diskussion über ein zukünftiges Zentrum für seelische Gesundheit im Bremer Westen ermutigen – und dazu, solch eine Einrichtung selbst aktiv mitzugestalten.

Roland Scheitz

Mit der Schließung des Rückzughauses an der Helgolander Straße in diesem Frühjahr ist im Bremer Westen die 2013 von der Bremischen Bürgerschaft beschlossene Psychiatriereform – weg von der stationären und hin zu mehr ambulanter Versorgung – wieder stärker ins Blickfeld gerückt: Der Arbeitskreis „Neue Psychiatrie im Bremer Westen“ hat das von ihm vor drei Jahren entwickelte Konzept für eine regionale psychiatrische Versorgung psychisch kranker Menschen am Beispiel des Bremer Westens überarbeitet. Dabei herausgekommen ist das Pardon-Konzept (Psychiatrie ambulant: Recovery- und Dialog-Orientierte Netzwerkarbeit), mit dem am Freitag bei einem vom Verein Blaue Karawane veranstalteten „Fachtag Psychiatrie“ im BLG-Forum die breite Diskussion über die Psychiatriereform neu entfacht werden sollte.

Ende September hatten bereits die Stadtteilbeiräte in Walle, Findorff und Gröpelingen den Konzept-Entwurf gut geheißen und die Gesundheitssenatorin aufgefordert, die Psychiatriereform in diesem Sinne voranzutreiben. Ziel des Pardon-Konzepts ist die „Transformation von einer vornehmlich bettenorientierten Klinikpsychiatrie hin zu einem weitestgehend ambulant versorgenden Zentrum für seelische Gesundheit“. Zwei Drittel der derzeit vorhandenen Klinikbetten könnten nach Ansicht der Verfasser abgebaut und Patienten stattdessen wohnortnah, ganzheitlich und sozialraumorientiert versorgt werden.

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„Wir möchten dazu eine Bürgerbeteiligung auf den Weg bringen und neben Psychiatrieerfahrenen, Angehörigen und in der Psychiatrie Beschäftigten auch Leute einbeziehen, die überhaupt nichts mit Psychiatrie zu tun haben“, so der Waller Psychiater Klaus Pramann, der 1985 die Blaue Karawane – einen bunten Konvoi aus Psychiatriepatienten, Ärzten, Betreuern, Musikern und Theaterleuten quer durch die Bundesrepublik – mitinitiiert hatte und später die Auflösung der Langzeit-Psychiatrie Kloster Blankenburg bei Oldenburg mit begleitete. Bremen schrieb damals bundesweit Psychiatriegeschichte. Mit der Reform laufe es aber seitdem schleppend, so Pramann heute: „Dabei haben wir seit 2013 einen Bürgerschaftsbeschluss, wo alles drin steht, was wir wollen.“

„Bremen war mal richtig gut“

„Leider ist in den letzten Jahrzehnten enttäuschend wenig passiert. Bremen war mal richtig gut“, sagt auch Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke), die dem Arbeitskreis für das Pardon-Konzept nun beim Fachtag ihr Kompliment aussprach. Die Transformation von stationär in ambulant sei im Grunde doch ganz einfach, könne man denken. „Das System Klinik funktioniert aber ganz anders und ist von einer Beharrlichkeit. Es hängt aber auch am Personal – und daran arbeiten wir auch“, so Bernhard. Ein weiterer Hemmschuh seien die gesetzlichen Bestimmungen und das daran geknüpfte Finanzierungssystem. Ein anderes – vom Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) verfasstes – Konzept mache nun aber eine andere Art der Finanzierung möglich: „Denn damit kriegen wir Budgets.“

Regional-Budgets anstelle des bisherigen Finanzierungssystems „mit einer Verschachtelung von Leistungsanbietern, wo immer das bezahlt wird, was gerade passiert“ (Pramann) schlägt auch das Pardon-Konzept vor, um Patienten nach deren jeweiligen Bedürfnissen – und auch Patienten ohne Versicherungskarte – zu behandeln.

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Er habe im Krankenhaus sehr engagierte Mitarbeiter kennengelernt, „die nach bestem Wissen versucht haben, mir zu helfen. Ich habe aber auch erlebt, dass viele an dem System verzweifeln“, sagt Genesungsbegleiter Heiko Schwarting, der heute selbst Menschen in psychischen Krisensituationen beisteht und im März 2019 gemeinsam mit Genesungsbegleiterin Arnolde Trei-Benker die Initiative „Rettet das Rückzugshaus“ gegründet hatte: „Das gesamte System ist sehr fragmentiert.“

Behandlung aus einer Hand

Zwar gebe es etliche Einrichtungen und Anlaufstellen für Therapien. „Aber es dauerte und es waren viele Lücken dazwischen. Das darf nicht sein. Es muss quartiersnah in einem Zentrum alles zusammengefasst sein, was notwendig ist: Behandlung aus einer Hand.“

Der erste Schritt zum Aufbau solch eines Zentrums wäre laut Pardon-Konzept ein Krisenhaus – ein Rückzugshaus mit neuem Konzept – für Menschen in aktuellen Notsituationen. Weitere Module, die peu à peu folgen würden: Ein Kriseninterventionsdienst und eine Akut-Tagesklinik, besetzt unter anderem mit Ex-Klinikpersonal. „Ohne die Klinikleitung geht es nicht. Wir brauchen eine Klinikleitung, die hinter dem Gedanken der Transformation steht und das vor den eigenen Leuten vertritt. Das ist, was wir bisher vermissen“, sagt Pramann. Die Organisatoren hatten deshalb gehofft, beim Fachtag auch mit Vertretern des Klinikum-Ost-Betreibers Geno ins Gespräch zu kommen. Die allerdings hatten kurz vor der Veranstaltung coronabedingt ihre Teilnahme abgesagt.

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Trotz weiterer Absagen kamen aber doch fast 100 Teilnehmer, darunter Vertreter der AOK. „Ich interpretiere das als ein riesengroßes Interesse an dem Konzept“, sagt Ulrich Wesseloh, Fachkrankenpfleger für Psychiatrie, der den Fachtag moderierte. Pramann: „Dies ist der Anfang, um mit vielen Beteiligten darüber zu sprechen, wie es weitergeht. Es ist ein langsames Schiff und es geht letztendlich darum, es in Bewegung zu bringen. Wir brauchen eine breite Öffentlichkeit, die sagt, dass sie das will.“

Info

Zur Sache

Das Rückzugshaus

Bremer in psychischen Ausnahmesituationen, die nicht ins Krankenhaus wollten, konnten seit 2004 die Abend- und Nachtstunden im Waller Rückzugshaus der Gesellschaft für ambulante psychiatrische Dienste (Gapsy) verbringen. Speziell geschulte Genesungsbegleiter und ein Facharzt standen ihnen dort zur Seite. Nachdem die Krankenkassen das Konzept verändern wollten, wurde die Einrichtung im März trotz vieler Proteste geschlossen

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