Varieté-Theater erwägt Klage

GOP Bremen beklagt Restriktionen als "Schlag in Magengrube"

Im GOP Bremen dürfen wegen der derzeit hohen Infektionszahlen nicht mehr als 100 Gäste hinein. Die Kosten können damit nicht gedeckt werden. Nun erwägt das Varieté-Theater den Gang zum Bundesverfassungsgericht.
22.10.2020, 11:55
Lesedauer: 5 Min
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GOP Bremen beklagt Restriktionen als
Von Lisa Boekhoff
Herr Grote, das GOP will unvergessliche Momente schaffen. Wie gelingt das gerade in Ihrem Theater in Bremen im Risikogebiet?

Dennis Grote: Das gelingt. Wir bieten weiter unsere unvergesslichen Shows und die Gastronomie am Platz. Natürlich verzichten wir auf vieles, wie den Service im Foyer. Unsere Show ist nur noch 90 Minuten lang, weil es keine Pause gibt. Das hat sich aber bereits als sehr gut für die Stimmung herausgestellt, sodass wir überlegen, es nach Corona beizubehalten.

In diesem Jahr gab es für Sie sicher viele Momente, die Sie lieber vergessen würden. Corona war für alle Clubs, Konzerthäuser und Theater ein Schock.

Das war ein Schock. Gerade zu Beginn der Pandemie im März ging es ganz schnell. Am Anfang dachten wir aufgrund der Aussagen damals noch, dass es nach ein paar Wochen Lockdown vorbei ist.

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Was kam nach dem Schock?

Wir haben einen enormen Kostenapparat. Das Instrument der Kurzarbeit war eine große Hilfe, doch es gibt natürlich noch die Miete für das Objekt und zig Nebenkosten. Die Theater sind ein riesiges Unternehmen, das darauf angelegt ist, dauerhaft in Betrieb zu sein. Wir spielen deshalb auch im Sommer, weil wir auf die Gäste angewiesen sind. The show must go on. Wir kamen ganz gut durch die Krise und konnten auf hohe finanzielle Reserven zurückgreifen.

Wie viele Künstler, Bühnentechniker, Köche und Servicekräfte sind bei Ihnen im Einsatz?

Insgesamt sind es 900 Mitarbeiter und davon in Bremen 100 in Fest- und Teilzeit. Die Künstler sind selbstständig.

In Bremen darf nun nur noch ein Viertel des Publikums kommen. Die Obergrenze liegt nun bei 100 statt 200 Gästen. Eigentlich finden im Saal 400 Menschen Platz. Können Sie damit überhaupt kostendeckend arbeiten?

Selbstverständlich nicht. Ich weiß nicht, welche Amtsstube sich das ausgedacht hat. Wir waren eigentlich ganz zuversichtlich. Selbst wenn 200 Zuschauer auch sehr wenig für uns sind, hatten wir noch Hoffnung, dass es irgendwie funktioniert, die Kosten zu decken oder mit einem leichten Verlust rauszugehen. Das ist ein Schlag in die Magengrube. Wir haben wieder Pech gehabt und fühlen uns etwas ungerecht behandelt von der Politik.

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Warum das? Die Politik hat auf steigende Infektionszahlen reagiert. Das ist doch auch nachvollziehbar.

Die anderen Bundesländer machen es anders. NRW schaut sich die Hygienekonzepte gesondert an und hat eine Obergrenze von 250 Zuschauern. In Bremen werden alle Veranstaltungen gleich behandelt – egal ob Konzerte, Feste oder Theateraufführungen. Die Größe der Veranstaltungsstätte und die Luftzufuhr werden außen vor gelassen. Ich hege keinen Neid gegenüber der Gastronomie, die ebenfalls sehr geschunden ist, aber sehe eine Ungleichbehandlung bei den Anforderungen. Obwohl in den Restaurants Gäste stetig ein- und ausgehen. Bei uns werden die Besucher einzeln an ihren Platz geführt und bleiben dort 90 Minuten. Die Obergrenze scheint uns willkürlich.

Zwei Klagen von Ihnen sind gescheitert. Sie erwägen nun den Schritt vors Bundesverfassungsgericht. Wovon hängt die Entscheidung ab?

Wir haben gegen die Allgemeinverfügung in Bremen vor dem Verwaltungsgericht und Oberverwaltungsgericht Einspruch erhoben. Wenn es für uns rechtlich Sinn ergibt, dann sind wir bereit, den Schritt zu gehen. Im Moment hängt es von Feinheiten ab – und weniger von der grundsätzlich gefühlten Gerechtigkeit. Es geht mir nicht nur um unsere 900 Mitarbeiter. Wir müssen genau überlegen, wie lange wir Sicherheit über Freiheit stellen und zu welchen Kosten. Die Infektionszahlen steigen. Doch wir müssen uns auch mit den anderen Gefahren auseinandersetzen. Was passiert im Frühling, wenn das so weitergeht?

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Nach Karlsruhe zu ziehen – Sie müssen sich Ihrer Sache sicher sein.

Nein, da kommt einfach unser Kampfgeist durch, weil es ums Prinzip geht. Wir sehen unseren Betrieb und die Veranstaltungswirtschaft im Ganzen. Davon hängen in Deutschland Millionen Arbeitsplätze ab. Ich habe das Gefühl, dass politisch aber nur auf Sicht gefahren wird und viele Folgeschäden überhaupt nicht bedacht werden. Die Verhältnismäßigkeit stimmt nicht mehr. Ich befürchte, dass wir im Frühling ein böses Erwachen erleben werden, weil Menschen und kleine und mittelständische Betriebe in die Insolvenz geraten. Die Hilfen werden, ebenso wie die Verbote, bürokratisch entschieden – natürlich nach bestem Wissen und Gewissen. Doch Experimente im letzten Jahrhundert haben gezeigt, dass der Staat die Wirtschaft nicht vom Schreibtisch aus lenken kann. Das ist nicht zielführend.

Bremen will Veranstalter mit bis zu 25.000 Euro unterstützen. Hilft das einem Spielhaus Ihrer Größe?

Wir freuen uns über jede Hilfe, aber wir benötigen eigentlich einen Fehlbetragsausgleich, der sich an konkreten vorherigen Umsatzzahlen orientiert. Normalerweise würden wir das nicht fordern, aber es ist für uns allerhöchste Eisenbahn. Sorgen muss sich keiner machen, wir bringen das Unternehmen durch. Bisher haben wir keinen Cent an Subventionen erhalten – für kein Haus. Wir bieten seit Jahren Kultur zu einem fairen Preis, zahlen Steuern und schaffen Arbeitsplätze wie andere kulturelle Einrichtungen. Jetzt wäre die Zeit, zu helfen, damit wir das die nächsten 20 Jahre in Bremen genauso tun können.

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Was haben Sie alles unternommen, um das Risiko von Infektionen im Theater zu senken?

Wir haben unser Hygienekonzept mit der Stadt abgestimmt. Unter anderem haben wir Plexiglasscheiben zwischen den Tischen aufgestellt. Die Leistung der Lüftungsanlage für den Saal übersteigt die vorgeschriebenen Werte vielfach. Wir sagen immer, dass es bei uns frischer als draußen ist. Bisher hat sich in Deutschland nachweislich noch niemand in einem Theater infiziert.

Von welchen Einbußen sprechen wir wegen Corona?

Wir reden über alle Betriebe von einem Verlust in Höhe eines einstelligen Millionenbetrags. Die Umsatzeinbußen erreichen einen zweistelligen Millionenbetrag.

Varieté ist Spektakel, lebt von der Begeisterung der Zuschauer und dem Applaus. Wie ist es für die Künstler, vor weniger Publikum aufzutreten?

Das funktioniert relativ gut. Die Künstler sind froh, dass da überhaupt jemand sitzt. Das Publikum fühlt sich wohl und sicher, die Stimmung in den Theatern ist eher noch ausgelassener als vorher, weil sich die Menschen freuen, glaube ich, ein Stück aus dem Alltag zu entfliehen in eine andere Welt.

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Systemrelevanz – darum ging es zu Beginn der Pandemie. Denken Sie, dass die Bedeutung der Kultur, der Unterhaltung und Zerstreuung manchmal unterschätzt wird?

Auf jeden Fall. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Gerade in so einer Krise sind das Miteinander und der Austausch wichtig – unter allen notwendigen hygienischen Voraussetzungen. Das gehört zur Kultur und ist extrem relevant! Ich spüre das selbst, wenn ich in unseren Theatern wieder Menschen lachen sehe und Gemeinschaft spüre. Das tut gut.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

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Zur Person

Dennis Grote leitet in dritter Generation als Gesellschafter GOP – zusammen mit seinem Vater. Bis 2015 führte er das Haus in Bremen als Direktor, leitete dann das Marketing der Gruppe und stieg später in die Geschäftsführung auf.

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Zur Sache

Spitze in Europa

Die GOP Entertainment Group ist nach eigenen Angaben das größte Varieté-Theater-Unternehmen Europas. Im Jahr besuchen 800 000 Menschen die Aufführungen an den Standorten in Bremen, Hannover, Essen, Bad Oeynhausen, Münster, München und Bonn. Die Geschichte des Familienbetriebs mit Sitz in Bielefeld beginnt in Hannover mit der Wiedereröffnung des Georgspalasts (GOP) im Jahr 1992. Das Haus in Bremen gibt es seit 2013. Wegen Corona mussten im März alle Häuser von GOP schließen und öffneten ab Ende Juni nach und nach mit unterschiedlichen Auflagen. In Bremen galt bisher wie in Bayern eine Obergrenze von 200 Zuschauern. Seit der Grenzwert von 50 überstiegen wurde, dürfen ins GOP an der Weser 100 Besucher kommen. Solche Veränderungen sind für die Theater auch deshalb ein Problem, weil Karten frühzeitig gekauft werden: im Schnitt 50 Tage zuvor.

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