Der Molenturm in der Überseestadt

Der Vorposten im Hafen

Der Molenturm in der Bremer Überseestadt ist das Wahrzeichen im alten Hafen. Bis heute dient das Gebäude aus Portasandstein als Leuchtfeuer bei der Einfahrt ins Wendebecken für den Holz- und Fabrikenhafen.
14.09.2019, 20:38
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Der Vorposten im Hafen
Von Jürgen Hinrichs
Der Vorposten im Hafen

Am Molenturm in der Bremer Überseestadt hat man den besten Blick auf den Hafen.

Frank Thomas Koch

Sechs Rentner, die staunen. Sie sind mit ihren Fahrrädern zum Molenturm hinaus, gucken, was los ist im Hafen, das kann man an dieser Stelle am besten. Die Männer haben ihre Räder abgestellt, stehen direkt am Turm und kalauern rum. Wie’s oft ist in solchen Gruppen, einer will witziger sein als der andere. Das Schild im Fenster müssen sie nicht lesen, ist doch klar, ist bekannt: „Geschlossen. Der Turm kann nicht besichtigt werden.“ Doch dann tut sich plötzlich die Tür auf. Wie das? Wer zum Teufel kommt da aus dem Turm heraus? Die Männer schauen, sie sind neugierig. Der Fremde grüßt und stellt sich als Leuchtturmwärter vor, ein Scherz, die Männer lachen.

Der Molenturm in der Bremer Überseestadt ist ein Wahrzeichen und steht unter Denkmalschutz. Gleichzeitig erfüllt er weiterhin seine ursprüngliche Aufgabe. Das Leuchtfeuer weist den Schiffen ihren Weg, wenn sie vom Wendebecken kommen oder dorthin unterwegs sind. Neun Seemeilen weit blinkt das Licht, damit die Segler den Europahafen finden und die Seeleute den Holz- und Fabrikenhafen, wo es noch Umschlag gibt. Früher wurde mit dem Signal auch der Überseehafen bedient, doch das ist lange vorbei. Das Becken wurde zugeschüttet, um weitere Flächen zu gewinnen. Ein Fehler, wie längst erkannt worden ist.

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„Wo sind eigentlich die Angler?“, fragt jemand in der Runde. Stimmt, normalerweise stehen am Turm Angler. „Die gehen hier meist auf Aale“, weiß einer der Männer. Dann steigen sie auf ihre Räder und machen sich davon. Ein Tagesausflug, „Bildungsreise“, scherzt die Gruppe zum Abschied.

Allein am Turm, ganz allein. Der Wind brist auf, schlägt Wellen ins Wasser der Weser. Sonne und Wolken wechseln sich ab, ein Wetter wie gemacht für den Hafen. Der Turm steht am Ende einer schmalen Landzunge, er ist der Vorposten und bietet eine fabelhafte Aussicht.

Da ist die Waterfront mit der Werftinsel davor. Früher, lang ist’s her, stand dort mal eine Rakete. Einkaufspark mit Rakete, hieß der Space Park im Spott. Er ist dann schnell pleite gegangen. Daneben das Pier 2, die Konzerthalle in Gröpelingen. An der Kaje liegt die „Pusdorp“ der Reederei Hal över, sie wird für Sonderfahrten eingesetzt. Hinter Pier 2 ragt die Getreideverkehrsanlage auf, eine Burg aus Backstein. Das Industriemonument ist 2006 unter Denkmalschutz gestellt worden.

Nichts los am neuen Strand

Der Blick schwenkt nach Süden, zur Stadt hin und trifft auf einen neuen Strand, den Waller Sand. Gottverlassen, nichts los, kein Mensch, obwohl das Wetter noch hält. Vielleicht liegt es daran, dass der Strand einer sein soll, aber keiner ist. Zwischen Sand und Wasser sind für den Hochwasserschutz Steine aufgeschüttet worden. Baden dürfte man an der Stelle allerdings sowieso nicht, wegen der Schiffe, die im Wendebecken ein- und ausfahren. Zehn Millionen Euro hat Bremen für den Strandpark investiert, drei Viertel der Kosten übernehmen der Bund und die EU. Im Frühjahr waren die wichtigsten Arbeiten abgeschlossen, möbliert und hübsch gemacht wird der Park erst später.

Vom Neustädter Hafen weht Ladelärm herüber. Dort geht alles über die Kaje, was nicht in Container passt und gemeinhin Stückgut genannt wird. Meistens sind das Stahlprodukte, Holzstämme und besonders schwere Güter wie die Teile von Windenergieanlagen oder ein zerlegtes Stahlwerk. Zwei Frachter auf der Weser, die „Luna“ und die „Hannover“, sie haben ein anderes Ziel, lassen den Hafen rechts liegen und schippern den Fluss hinauf. Die Schiffe machen ordentlich Welle, Wasser schwappt ans Ufer, Küstenklang. Wenn jetzt noch die Möwen kreischen, und das tun sie, passt alles zusammen. Maritim, maximal.

Der zwölf Meter hohe Molenturm, im Volksmund Mäuseturm genannt, steht wie ein Fels auf der Landzunge. Die Mauern sind aus Portasandstein, sehr robust, unzerstörbar, obwohl . . . – einmal hat’s den Turm erwischt, es gibt ein Foto davon, schlimme Sache damals. „Ein merkwürdiger Unfall“, stand in der Zeitung. Was war passiert?

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Bei Einfahrt in den Hafen hatte der Kapitän die Übersicht verloren, vielleicht war schlechte Sicht im Spiel, vielleicht Alkohol, vielleicht auch beides, man weiß es nicht. Jedenfalls krachte der Dampfer mit voller Wucht auf den Molenkopf. Der Turm verlor sein Fundament, sackte um und war nicht mehr zu retten. Ein Neubau musste her, so schnell wie möglich, denn die Schiffe brauchten Sicherheit. Ein Jahr später blinkte das Leuchtfeuer wieder, auf einem Gebäude, das ein Geschoss höher ist als sein Vorgänger, über einen zweiten Außenumgang verfügt und im ersten Obergeschoss mit einem auskragenden Treppenturmerker glänzt. Der Ur-Turm stammt aus dem Jahr 1906, sein Nachfolger ist 20 Jahre jünger.

Geht man hinein, ein feierlicher Moment, legen sich Spinnweben aufs Gesicht. Ein Ort, der nicht oft besucht wird. Im Erdgeschoss gibt es außer der Eingangspforte noch drei Türen, was auf der kleinen Fläche von wenigen Quadratmetern viel ist. Eine führt zur Besenkammer, die andere zum Hauptraum mit zwei Fenstern, die dritte hinunter in den dunklen Keller. Mäuse sind dort keine, nur lose Kabelenden, die zu nichts mehr nutze sind.

Freundliche, sommerliche Farbtöne

Interessant sind die Farben, sie wechseln von Geschoss zu Geschoss. Mal ein helles Grün, mal gelb-orange, mal ein helles blau, freundliche Töne, sommerlich. Im ersten Geschoss sind die Fenster schmal wie Schießscharten, Luken eher, aus denen man in den Hafen schaut. Eine Etage darüber dann wieder größere Fenster, das Holz knarrt vernehmlich, wenn man sie öffnet und ein bisschen frische Luft reinlässt. Der Wind nimmt zu und bäumt sich zum Sturm auf, es pfeift um den Turm herum. Im Norden dräuen die Wolken, Schietwetter kündigt sich an, und tatsächlich, wenig später beginnt es zu regnen.

Der Molenturm war früher eine Außenstelle des Hafenamtes. Keine Stunde am Tag und in der Nacht, an dem sie nicht besetzt war, um den Schiffsverkehr zu regeln. Die Männer im Dienst wurden „Molenfürsten“ genannt, auf sie kam es an, sie hatten im Hafen den Hut auf.

Immer wenn sich ein Frachter näherte, um im Europahafen, im Überseehafen oder im Holz- und Fabrikenhafen festzumachen, trat jemand von der Turmcrew auf den Balkon hinaus, nahm das Megafon in die Hand und rief dem Kapitän zu, welchen Liegeplatz er ansteuern sollte. Wenn Nebel aufstieg und die Sicht schlecht war, musste außen am Turm die mechanische Nebelglocke aufgezogen werden. Die Schläge der Glocke dröhnten über die Weser und gaben den Steuermännern Orientierung.

Vorsicht, Kopf einziehen!

Eine Stiege noch, sie ist aus Metall, eine Wendeltreppe, sehr eng. Die Ränder der Stufen sind mit Signalband beklebt: Vorsicht, heißt das, Kopf einziehen! Ziel ist das Leuchtfeuer oben auf dem Turm, der Balkon davor, das wär’s, und ganz egal jetzt, dass es regnet. Doch keine Chance, der Aufstieg endet an einer Luke, die mit Kette und Karabiner verschlossen ist. Hier soll niemand hinauf, wenn er kein Lampenputzer oder Monteur ist. Also wieder hinunter, ganz runter, ein letztes Mal raus aus dem Turm.

Der Besuch ist vorbei, aufs Fahrrad jetzt und mit Tempo an der Weser entlang. In der Ferne trödeln die Männer, besonders weit sind sie mit ihren Fahrrädern noch nicht gekommen. Am Landmark-Tower biegt die Gruppe um die Ecke und gerät aus dem Blick. Turm und Tower stehen nahe beieinander. Geschichte und Gegenwart, so ist das in der Überseestadt.

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