Varieté in Bremen Die Kunst, sich zu verbiegen

Claudia Coco Baricz lebt ihren Traum als Artistin und ist noch nicht am körperlichen Limit angekommen. Im neuen Programm am GOP-Theater zeigt sie Kontorsion und eine Luftwürfelnummer.
13.03.2019, 19:55
Lesedauer: 4 Min
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Von Kornelia Hattermann

Eine Übung für das Foto, kein Problem, aber nichts Kompliziertes ohne Vorbereitung, sagt die blonde junge Frau, und setzt sich im perfekten Spagat auf die Waschmaschinen auf der Bühne im GOP Varieté-Theater. Einfach so. Kontorsion heißt die Kunst, sich zu verbiegen, und in genau dieser Kunst möchte sich Claudia Coco Baricz immer weiter entwickeln, neue Übungen probieren, neue Choreografien zeigen. „Ich bin noch nicht am körperlichen Limit angekommen“, sagt die Artistin, die neben der Kontorsion eine Luftwürfelnummer im „Waschsalon“, dem neuen Programm des GOP, präsentiert. Premiere ist an diesem Donnerstag.

Coco, das ist der Teil, den sich Claudia Baricz als Künstlernamen zugelegt hat. Und beides zusammen, Claudia und Coco, passt zu der athletischen 29-Jährigen, die ihren sportlichen Beruf professionell angeht und sich gleichzeitig hochfliegende Ziele setzt. „Ich bin jetzt dabei, zu lernen, auf einem Arm zu stehen und mit den Strapaten zu arbeiten.“ Strapaten heißen die Bänder, die in der Luftakrobatik verwendet werden. Ein ehrgeiziges Unterfangen, wie Philipp Peiniger, der GOP-Direktor unterstreicht: „Bei uns gab es in 33 Shows mit 400 Künstlerinnen und Künstlern bisher nur eine Frau an den Strapaten.“

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Mit ihren 1,70 Meter und ihren langen Beinen bringe sie nicht die optimalen Hebel dafür mit, aber das ist ein Umstand, der Claudia Coco Baricz nur noch mehr anstachelt, sie möchte als Künstlerin im Geschäft bleiben. „Der artistische Markt ist sehr überlaufen, da muss man schauen, dass man was kann.“ Um sich von der Masse abzuheben, wollte sie von Anfang an mindestens zwei Nummern bieten können, und entschied sich früh in ihrer Artistenkarriere dazu, einen sogenannten Luftwürfel zu kaufen. Kollegen, die mit einem Ring oder mit Tüchern arbeiten, gab es schon einige. Die Arbeit mit dem Würfel sei erst mal schwerer gewesen, weil die Stangen schräg seien, „da musste ich einige Übungen speziell entwickeln“. Jetzt bewegt sie sich scheinbar schwerelos in diesem Gerüst, das sich in der Luft dreht.

Der Vater von der Berufswahl nicht begeistert

Neue Choreografien zu kreieren, damit sei sie aufgewachsen, erzählt die aus Wien stammende Artistin. Schnell spricht sie, mit dem leichten, sympathischen Akzent. Im Alter von fünf Jahren habe sie mit der rhythmischen Sportgymnastik begonnen, als 14- bis 18-Jährige dem österreichischen Nationalteam angehört und bis zum Alter von 21 Jahren den Hochleistungssport im Verein betrieben. Die Grundlage ihrer extremen Biegsamkeit. Immer schon habe sie daraus etwas Berufliches machen, unbedingt auch auf die Bühne wollen. Ihr Vater sei davon nicht besonders begeistert gewesen, „aber wir haben einen Kompromiss gefunden“: Claudia Baricz studiert nebenher Wirtschaftsrecht. Und mittlerweile habe der Vater sie auf der Bühne gesehen und sei sehr stolz.

Für ihren Traumberuf brachte die junge Frau die Flexibilität und die Koordination mit, mit Anfang 20 habe sie dann den Handstand gelernt, der nicht zur rhythmischen Sportgymnastik gehöre. Eine Fitnesstrainerausbildung hat sie ebenfalls gemacht, bevor sie mit 23 Jahren ihren ersten Vertrag als Künstlerin in einer Artistikgruppe bekam. Sie hat dann selbst eine Solo-Nummer für sich entwickelt, um allein auftreten zu können, die Inspiration bekommt sie über die Musik.

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„Der akustische Anstoß kommt vom Hirn, dann folgt die Übung.“ „Cool“ sei das, was sie seither erlebt habe: Weltweit, in Mexiko, in den USA, in arabischen Ländern war Claudia Coco Baricz unterwegs, super findet sie das Reisen. Ihr Zuhause ist Wien, dort hat sie eine Wohnung, dort lebt die Familie, der Freund. Selbstständig zu sein, sich selbst die Jobs zu suchen, sei durchaus auch schwierig, „aber man darf sich nicht zu großen Stress machen, muss auf sich vertrauen“, sagt sie beinahe abgeklärt. Man dürfe keinesfalls zweifeln, und „ich musste lernen, das schaffen zu müssen“.

Die täglich harte Arbeit der Artisten für die Zuschauer nicht sichtbar

Dafür lebt die 29-Jährige professionell, passt auf ihren Körper auf, ernährt sich gesund, trainiert verantwortungsbewusst. Sechs Tage in der Woche, mindestens. Bei längeren Verträgen wie bei der GOP-Gruppe, wo sie bereits sechs Monate gespielt hat, zwei Monate Pause hatte, und jetzt wieder für sechs Monate im „Waschsalon“ ist, kann sie tagsüber auf der Bühne trainieren. „Die Zuschauer erleben eine Nummer, die zwischen drei und sieben Minuten lang ist“, sagt Philipp Peiniger, „die tägliche harte Arbeit der Artisten sehen sie nicht.“ Dass sie am GOP ihre eigene Choreografie zeigen und weiter entwickeln kann, findet Claudia Coco Baricz besonders cool. Das sei in anderen Ensembles, beispielsweise beim Cirque du Soleil, ganz anders.

In der wenigen Freizeit in Bremen schaut die junge Frau Filme auf Netflix, liegt rum, geht gern mal raus, lernt aber auch Sprachen, was ihr leicht falle. Ballett sei ebenfalls ein angenehmer Ausgleich für sie. Keinesfalls unternehme sie etwas Gefährliches wie Skifahren beispielsweise.

Zum ersten Mal hat sie sich jetzt in Wien, wo sie selbst auch das unterrichtet, was sie macht, einen Trainer engagiert. Bisher hat sie von Kollegen gelernt oder Hilfe bekommen. Grenzen sieht sie für sich nur dort, wo ein Requisit eine Übung nicht zulässt. Und wann will sie die Strapaten beherrschen? „Im Idealfall zum Ende des GOP-Vertrages“, sagt Claudia Coco Baricz, räumt aber sofort ein, dass das wohl nicht zu schaffen sein wird. Aber irgendwann wird es so weit sein, da ist sich die Artistin ganz sicher: „Ich bin überzeugt davon, dass ich die Dinge lernen kann, die ich möchte.“

Weitere Informationen

„Waschsalon – ein Kessel Buntes“, das neue Programm im GOP Varieté-Theater, Am Weser-Terminal 4, ist vom 14. März bis 5. Mai zu sehen, mittwochs und donnerstags um 20 Uhr, freitags und sonnabends um 18 und 21 Uhr und sonntags um 14 und 17 Uhr. Tickets gibt es ab 34 Euro, dazu ein Osterferienangebot für Kinder. Neben Claudia Coco Baricz treten Tom Murphy aus den USA mit Slapstick-Comedy, Sibongile Prudence Mtshali aus Südafrika mit Gesang und Tanz, Mohamed Tadei aus Tansania mit Rola Rola und Equilibristik, Asha Mohamed Ally aus Tansania mit Hula Hoop und Vertikaltuch, Herr Benedict (Martin Schepers) aus Berlin mit einem Cyr Wheel, Natalia Kryvonos aus der Ukraine mit Antipoden und Quick Change und Darren Burrell aus den USA mit Seifenblasenkunst auf. Mehr Informationen unter Telefon 04 21/89 89 89 89 oder auf variete.de

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