Am 20. Juni 1913 erschoss ein geistig verwirrter Lehrer in der Waller St.-Marien-Schule fünf Mädchen Die Namen der Opfer sind nicht vergessen

Die Tat sorgte für Entsetzen und Betroffenheit unter Bremer Katholiken und Protestanten: Am 20. Juni 1913 erschoss der geistig verwirrte und arbeitslose Lehrer Hans Schmidt aus der Neustadt in einer Waller Schule fünf Kinder. Zu seinen Beweggründen gibt es unterschiedliche Theorien.
16.06.2013, 05:00
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Von Anne Gerling

Die Tat sorgte für Entsetzen und Betroffenheit unter Bremer Katholiken und Protestanten: Am 20. Juni 1913 erschoss der geistig verwirrte und arbeitslose Lehrer Hans Schmidt aus der Neustadt in einer Waller Schule fünf Kinder. Zu seinen Beweggründen gibt es unterschiedliche Theorien.

Westend. "Wer heutzutage über den Waller Friedhof geht, vom Haupteingang kommend in westlicher Richtung, dem fällt vielleicht am linken Rand des Gräberfeldes BB auf, dass dort vier Gräber, die im Schatten einer alten knorrigen Rotbuche zusammenliegen, nicht wieder belegt wurden. Nur wenige ältere Bürger aus dem Bremer Westen werden diese Fläche vielleicht noch mit einem traurigen und entsetzlichen Vorfall in Verbindung bringen, der sich vor mittlerweile hundert Jahren im Jahre 1913 an der katholischen St.-Marien-Schule ereignete": Mit diesen Worten beginnen die Aufzeichnungen von Hermann Sandkühler, dem langjährigen Archivar und Chronisten der Waller St.-Marien-Gemeinde, zu einem Ereignis, das am 20. Juni 1913 in ganz Bremen für Entsetzen sorgte und über das damals auch die New York Times berichtete: Dem laut Historiker René Schlottweltweit ersten Amoklauf an einer Schule.

Von einem möblierten Zimmer in der Oderstraße aus hatte sich an diesem sonnigen Freitagvormittag der 30-jährige Hans Schmidt auf den Weg zur Waller MarienSchule gemacht. "Von Beruf war der Sohn eines evangelischen Pastors aus Mecklenburg Lehrer, aber derzeit wegen eines Nervenleidens ohne Arbeit", beschreibt Sandkühler. "Bei sich trug er eine Tasche, vollgepackt mit zehn Pistolen und dazugehörigen Patronen. Da er nicht die gesamte Munition in der Tasche unterbringen konnte, hatte er den Rest der etwa tausend Patronen in einem seiner Strümpfe und im Hut verstaut. Und noch etwas trug er, dessen Vater einen Tag zuvor verstorben war, innerlich bei sich: Einen unbändigen Hass auf die Jesuiten, die er für den Tod des Vaters verantwortlich machte, und die Absicht, diesen Hass ‚mit tödlicher Sicherheit‘ an katholischen Familien auszulassen."

Kurz vor der 11-Uhr-Pause kam Schmidt an der Schule an, wo sich gerade die Anfängerklasse 8b vor dem Klassenraum im Hochparterre des Schulgebäudes an der ehemaligen Schönebecker Straße aufstellte, um die Schule zu verlassen. Schmidt begann sofort, auf die Kinder zu schießen. "Nach einer Schrecksekunde brach Panik aus, die Mädchen stoben auseinander, einige die Treppe hinunter, andere zurück in die Klasse. Schmidt verfolgte die Kleinen in den Klassenraum. Dort schoss er wahllos auf die Mädchen, die sich teilweise unter den Schulbänken verkrochen hatten und flehentlich baten: ‚Onkel, schieß uns nicht!‘"

Der Amokläufer tötete fünf Mädchen und verletzte 18 weitere Kinder und fünf Erwachsene teilweise lebensgefährlich. Schließlich konnte der 24-jährige Lehrer Hubert Möllmann Hans Schmidt stellen, wobei er selbst durch einen Schuss schwer verletzt wurde. Seine Kollegen konnten den Angreifer daraufhin festhalten, bis er von der Polizei festgenommen und in die Nervenheilanstalt St.-Jürgen-Asyl in Osterholz gebracht wurde. "Schizophrenie" lautete dort die Diagnose, Medikamente gegen diese Krankheit wurden erst in den 1950er-Jahren entwickelt. Kürzlich hat der forensische Psychiater Frank Schwerdtfeger Schmidts Akte untersucht und dabei auch die Frage aufgeworfen, ob der arbeitslose Lehrer vor dem Hintergrund heutiger medizinischer Erkenntnisse von seinem mörderischen Feldzug hätte abgebracht werden können (der WESER-KURIER berichtete).

Der Waller Amokläufer als verwirrter Geisteskranker – diese Sichtweise greift nach Ansicht von Historiker Achim Saur vom Geschichtskontor Brodelpott allerdings etwas zu kurz. "Es gibt einen gesellschaftlichen Hintergrund, wo verwirrte Menschen aufsitzen und zu solch einem Radikalismus kommen konnten", betont er. So habe es um 1900 herum noch ein Fortleben der früheren konfessionellen Spaltung gegeben, auch wenn Preußen den "Kulturkampf" gegen die katholische Kirche später eingestellt hatte, bei dem es um die Durchsetzung einer liberalen Politik ging, die eine Trennung von Kirche und Staat vorsah. "Auf gesellschaftlicher Ebene lebte das weiter", ist Saur aufgrund diverser Quellenstudien überzeugt. So innerhalb von Vereinen wie dem Evangelischen Bund, der den Katholizismus ablehnte. Seine Mitgliederzahl stieg von 142000 im Jahr 1902 auf 500000 im Jahr 1914. Saur zufolge waren insbesondere Pastoren und Lehrer organisiert – Schmidts Vater war Pastor, und der Attentäter selbst Lehrer.

"Diese Kontroversen passen nicht mehr in die heutige Zeit" hält dem Hermann Sandkühler entgegen und verweist auf die langjährige und gute ökumenische Nachbarschaft von Wilhadi und St. Marien. "Waren sich in Bremen Katholiken und Protestanten einig in der Trauer um die ermordeten Kinder, so gab es überregional einen teilweise unwürdigen Streit zwischen Anhängern und Wortführern beider christlichen Konfessionen", beschreibt er die Reaktionen im Jahr 1913.

Sandkühler interessieren aber insbesondere die Opfer von damals. "Das Schlimmste, was Menschen passieren kann, ist, ein Kind zu verlieren", sagt er. "Der Amoklauf vom 20. Juni 1913 ist eine Tragödie nicht nur für die Eltern und Angehörigen der Kinder. Ich denke oft an diese toten Mädchen und sehe es als meine Aufgabe an, dass sie nicht vergessen werden, dass sie bei ihrem Namen genannt werden. Ich denke aber auch an die Familie des Täters, der aufgrund einer Geisteskrankheit nicht verantwortlich gemacht werden konnte für seine Taten. Auch seine Familie hat sicherlich schwer unter diesem Geschehen gelitten."

Alle ermordeten Mädchen, schildert Sandkühler, kamen aus Zuwandererfamilien: "Elsa Maria Herrmann aus der Fabrikstraße, Maria Anna Rychlik aus der St.-Magnus-Straße und Sophie Gornisiewicz aus der Nachtigalstraße waren tot, Anna Kubica aus der Osterfeuerbergstraße starb in der folgenden Nacht im Diakonissenkrankenhaus – damals an der Ecke Hansestraße/Nordstraße gelegen – an ihren Verletzungen. Hubert Möllmann wurde ins Joseph-Stift gebracht, wo der Arzt ihm keine Chance mehr gab, auf Bitten der Schwestern aber trotzdem operierte und dem Lehrer so das Leben rettete. Elfriede Höger aus der ehemaligen Wartburgstraße, der heutigen Osterlinger Straße, war damals noch keine sechs Jahre alt und erlag nach vier Wochen im Diakonissenkrankenhaus ihren schweren Verletzungen."

Am Dienstag, 24. Juni 1913, fand um 9.30 Uhr in der St.-Marien-Kirche die Trauerfeier für die bis dahin vier toten Mädchen statt, die anschließend auf dem Waller Friedhof beerdigt wurden. "Unter schweren Regenwolken", schreibt Sandkühler, "setzte sich ein endlos erscheinender Trauerzug zum Waller Friedhof in Bewegung. Der Weg dieses Zuges war schwarz von Menschen, die mit den Angehörigen in ihrer Trauer vereint waren." Vier Wochen später fand dann auch Elli Höger am Rande des Gräberfeldes BB ihre letzte Ruhestätte.

Hans Schmidt starb 1933 in der Nervenklinik in Ellen an Tuberkulose; für den Amoklauf wurde er aufgrund seiner Erkrankung nie bestraft, so Sandkühler. Und: "Lehrer Hubert Möllmann, dem die Silberne Rettungsmedaille vom Bremer Senat verliehen worden war, nahm am 1. April 1914 trotz einer im Körper verbliebenen Kugel seinen Dienst in der Marienschule wieder auf."

Das damalige Schulgebäude übrigens gibt es heute nicht mehr; ebenso wie die Marienkirche, die Wilhadikirche, die Bremer Jute und das gesamte Hafengebiet wurde sie bei dem schweren Fliegerangriff vom 18. auf den 19. August 1944 zerstört. Die Schönebecker Straße, die früher parallel zur St.-Magnus-Straße verlief, wurde nach dem Krieg nicht wieder ausgebaut.

Die Namen der Opfer sind nicht vergessen

Am 20. Juni 1913 erschoss ein geistig verwirrter Lehrer in der Waller St.-Marien-Schule fünf Mädchen

Zitat:

"Bei sich trug er eine Tasche, vollgepackt mit zehn Pistolen und Patronen."

Archivar Hermann Sandkühler

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