Kinderstadt

Die Siedler von Bremopolis

Bremen hat ein neues Rathaus, ein neues Arbeitsamt und eine neue Regierung, allerdings nur für zwei Wochen und nur für die jüngsten Bewohner. Diese erfahren in der Kinderstadt wie die Gesellschaft funktioniert.
08.08.2019, 11:21
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten
Die Siedler von Bremopolis

Wissen was im Minimarkt Brema in die Kasse bringt: Mika, sieben Jahre alt, aus Walle, und Can, acht Jahre alt, aus Osterholz.

Roland Scheitz

Hoch oben auf dem Panzenberg liegt Bremopolis. Dort gibt es einen kleinen Supermarkt, eine Werkstatt, ein Sanitätshaus, ein Arbeitsamt, ein Restaurant, eine Bank, eine Theaterbühne und sogar ein Rathaus. Drumherum ist viel Grün, auf dem man nach der Arbeit entspannen und sich austoben kann. Die Bürgerinnen und Bürger von Bremopolis sind Bremer Kinder. Für sie hat der Landessportbund Bremen (LSB) mit Unterstützung vieler Ehrenamtlicher und Sponsoren ein Sommerferiencamp errichtet, wie es die Stadt noch nicht gesehen hat. Alle großen und kleinen Beteiligten waren sich schon am ersten Tag des einwöchigen Programms einig: Bremopolis hat Zukunft und Wachstumspotenzial!

Julan hat mittags bereits seinen Arbeitstag hinter sich. Er war Teil des Küchenteams, das die Gemüsespieße und den Obstsalat zubereitet hat, die im „Mini-Markt“ angeboten werden. Das hat ihm einen Packen Geldscheine der stadteigenen Währung „Brema“ eingebracht, den er gerade am Bankschalter abgehoben hat. „Die werde ich erstmal sparen“, erklärt der Achtjährige aus Walle, und verrät: „Morgen will ich in der Bank arbeiten. Das sieht spannend aus.“ Im Mini-Markt ist derweil Kassensturz: „174 Bremas!“, staunen die Marktleiter Can und Mika, und berichten der neunjährigen Reporterin Johanna: „Am besten liefen die Getränke und die kleinen Fußbälle.“ Zufrieden über das Tagwerk war auch Werkstattleiterin Laureen: „Wir haben Wegweiser aus Holz gebaut. Die Kinder haben gesägt, geschliffen, beschriftet und beim Aufbau mitgemacht, und waren mit großer Begeisterung dabei.“ Die Studentin aus Osterholz-Scharmbeck, die sich in ihren Semesterferien für die Bremer Jugend engagiert, gehört zum zwölfköpfigen Betreuerteam von Bremopolis. Die Erwachsenen haben die Infrastruktur und die Angebote geliefert – das Kommando haben in Bremopolis aber die Kinder.

Zum Beispiel, was die Gehaltsklassen betraf. „Wir haben vor Arbeitsbeginn diskutiert, wer wie viel verdienen soll“, erklärt die elfjährige Emma. „Die Handwerker wollten das meiste Geld, weil sie die härteste Arbeit haben.“ Der Top-Verdienst mit 18 Brema pro Stunde sollen jedoch die Regierungsmitglieder bekommen, entschieden die Kinder – und nicht nur deshalb bewarb sich Tadeusz für einen Posten. „Bestimmen macht doch Spaß“, erklärte der neunjährige Findorffer, der im Rathaus damit beschäftigt war, Wahlzettel aus zu schneiden. Im Wahlkampf-Modus war auch Karl aus Farge-Rekum. „Ich setze mich für die Umwelt und für die Kultur ein“, betonte der Zwölfjährige. „Außerdem bin ich gegen Gewalt und Rassismus, und dafür, dass die Politiker sich nach den Wünschen der Bürger richten.“

Mit einem Stundenlohn von 10 Bremas sollen auch Arbeitslose gut leben können, fanden die Kinder - aber zu tun gibt es in Bremopolis glücklicherweise genug. Morgens kurz nach acht, nach dem gemeinsamen Frühstück, öffnet nämlich das Job-Center, in dem die Arbeitsplätze vergeben werden. Nicht immer ist der Wunschjob dabei – aber es gibt ja immer eine zweite Chance: Wie im richtigen Leben, findet Susanne Ahlers. Die amtierende Leiterin des Bremer Jobcenter und designierte Staatssekretärin im Bremer Wirtschaftsressort gehörte neben Sozialstaatsrat Jan Fries zum ausgewählten Kreis von Erwachsenen, die einen Blick in die Kinderstadt werfen durften.

Es sei „eine gute Idee, das Leben selbst in die Hand zu nehmen“, lobte der Vertreter der Bremer Sozialsenatorin zum Auftakt des einwöchigen Ferienprogramms. Bernd Giesecke, Vorsitzender der Bremer Sportjugend, dankte Unterstützern wie der Swb-Bildungsinitiative und der Daniel-Schnakenberg-Stiftung, vor allem aber dem Gastgeber TV Bremen-Walle 1875, der sich sofort für die Idee begeistern ließ. „Der Platz ist ideal“, bestätigte Vereinschef Volker Eisenmenger-Nadler, der sich sichtlich über die wuselige Gesellschaft auf dem großzügigen Vereinsgelände freute.

Anfang des Jahres waren die Planungen für die Bremer Kinderstadt im Hause des LSB an der Muggenburg angelaufen. Die Idee einer Erwachsenenwelt im Kinderformat, in der man viel erleben und lernen kann, ist nicht neu: „Mini-München“ etwa – die älteste und größte unter den deutschen Spielstädten - wird seit 1979 im Münchner Olympiapark organisiert. Insgesamt wurden und werden in rund 40 größeren oder kleineren deutschen Städten ähnliche Programme durchgeführt. Dass Kindern so etwas Spaß macht, wussten die Organisatoren also. Gewünschter Nebeneffekt des Konzeptes ist es, dass die Kinder verstehen lernen, wie eine demokratische Gesellschaft funktioniert, was die Wirtschaft am Laufen hält, und dass sie beim Ausprobieren vielerlei Berufsfelder eigene Talente und Interessen entdecken. Ursprünglich hatte man sich das ambitionierte Ziel eines zweiwöchigen Camps für 200 Kinder gesetzt, berichtet Linus Edwards, Abteilungsleiter der Bremer Sportjugend. Doch wegen der recht kurzen Anmeldefrist war wohl nicht genug Zeit, damit sich das neue Angebot in der Stadt herumsprechen konnte. Letztendlich wurde Bremopolis 2019 ein Dorf mit 35 Einwohnern. Dem Enthuisiasmus der Pioniere tat das keinen Abbruch, konnte Emma bestätigen: „Das ist richtig schön hier.“

Darum steht für alle Beteiligten außer Frage, dass Bremopolis in den Sommerferien 2020 wiederkommt, und dann bestimmt noch größer und schöner wird, und irgendwann vielleicht sogar eine richtige Metropole wird. Als Vorbild dienen kann die Karlsruher Kinderstadt „Karlopolis“: Dort hatten im vergangenen Jahr 600 Kinder die Wahl zwischen mehr als 60 Mitmachangeboten.

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