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Die Überseestadt besser erschließen

Könnte in einigen Jahren eine Straßenbahn durch die Überseestadt rollen? Das soll eine Studie im nächsten Jahr klären. Die Debatte läuft schon.
25.10.2019, 19:57
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten
Die Überseestadt besser erschließen

Dass die Linie 5, hier an der Endhaltestelle Bürgerpark, in die Überseestadt fährt ist noch nicht abzusehen.

Roland Scheitz

Könnte in einigen Jahren eine Straßenbahn durch die Überseestadt rollen? Oder ist dieser Zug mittlerweile abgefahren? Klarheit über diese Fragen soll im kommenden Jahr eine Machbarkeitsstudie schaffen. Es war der Waller Fachausschuss Überseestadt, der als erstes von dieser Neuigkeit erfahren sollte. Im Rahmen der öffentlichen Sitzung ließ sich der Ausschuss außerdem auf den neuesten Stand bringen, was im neuen Ortsteil in absehbarer Zukunft geplant ist – und was nicht.

Der Koalitionsvertrag der neuen Bremer Regierung hat den Plänen für eine Straßenbahn neuen Anschub gegeben. Die Koalitionspartner haben sich darin den Ausbau des Bremer Bus- und Straßenbahnnetzes vorgenommen, und konkret auch „eine neue, direkte Straßenbahnlinie weit in die Überseestadt” festgeschrieben. Maximilian Blobel aus dem Referat Verkehrsprojekte der Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität, Stadtentwicklung und Wohnungsbau musste seinen ortskundigen Zuhörern den Handlungsbedarf nicht erläutern: Er wisse, dass der Wunsch bereits seit langem bestehe, so Blobel.

Bislang ist die Überseestadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht gut erschlossen. Die bestehenden Straßenbahnlinien halten an der Peripherie. Gleichzeitig gebe es vor allem in den Spitzenzeiten eine hohe verkehrliche Belastung durch den motorisierten Individualverkehr. Aus diesem Grund hatte man sich auch entschlossen, den Betrieb der Buslinie 20 einzustellen, die eine Zeitlang Hauptbahnhof und Überseestadt verbunden hatte. Vor allem in den Zeiten des Berufsverkehrs hatte der Bus ein “Pünktlichkeitsproblem”, so Blobel: “Er stand ständig im Stau”. Seit Ende Juni fährt stattdessen die Straßenbahnlinie 5 ab Bürgerpark durch die Innenstadt und am Europahafen vorbei zum Waller Ring. Die Verbindung habe derart gut “eingeschlagen” und sei mitunter so voll besetzt, dass sich viele Fahrgäste eine häufigere Taktung und die Ausweitung des Betriebs auf die Sonntage wünschten, wusste der stellvertretende Ausschusssprecher Thorsten Jahn (SPD).

Das Planungsrecht stehe der Ausweitung des Straßenbahnnetzes in die Überseestadt nicht entgegen, so Verkehrsplaner Blobel: Bereits im Masterplan für die Überseestadt seien die Hauptstraßen bereits für einen späteren Gleisbau ausgelegt worden. Allerdings hätten sich in den vergangenen Jahren sowohl das bauliche Umfeld als auch die Vorgaben für den Straßenbahnbau stark verändert. Daher müsse die Möglichkeit einer Umsetzung nun neu und “ergebnisoffen” geprüft werden. Bevor ein Verkehrsplanungsbüro mit der Erstellung einer Machbarkeitsanalyse beauftragt werde, solle im Frühjahr zunächst ein Beteiligungsprozess starten, bei dem nach Verwaltung und Trägern öffentlicher Belange auch Bürgerinnen und Bürger ihre Ideen einbringen können. Die Ergebnisse werden anschließend von einem Fachgremium bewertet, an dem unter anderem der Landesbehindertenbeauftragte sowie Vertreter von Feuerwehr und Polizei beteiligt sind. Mit den abschließenden Ergebnissen der Machbarkeitsstudie rechne man im Spätsommer oder Herbst des kommenden Jahres, so Blobel.

Nicht alle Ausschussmitglieder waren von der Sinnhaftigkeit des Projekts überzeugt. So berichtete Björn Tuchscherer (FDP) – selbst Überseestadt-Bewohner – dass er immer wieder leere Busse durch die Straßen fahren sehe. Auch wenn sich die Stadt zugunsten des Projekts entscheide, werde es voraussichtlich viele Jahre dauern, bis die neue Straßenbahn auf die Spur gebracht werde, gab Brigitte Grziwa-Pohlmann (SPD) zu bedenken. Sie forderte die zuständigen Stellen daher auf, bereits simultan andere verkehrliche Alternativen zu prüfen – darunter auch die Nutzung der Wasserwege für Fährverbindungen. Eine attraktivere Anbindung der Überseestadt werden künftig immer mehr Menschen zu schätzen wissen. Stadtplanerin Georgia Wedler hatte eingangs berichtet, dass die Erwartungshaltung im Laufe der Zeit hochgeschraubt wurde. Die Stadtplaner gehen inzwischen davon aus, dass nach der kompletten Fertigstellung 11 000 Menschen in der Überseestadt wohnen, und 22 000 Menschen dort arbeiten werden. Die Mitarbeiterin von Senatsbaudirektorin Iris Reuther brachte ein weiteres potenzielles Verkehrsprojekt ins Spiel: Es solle geprüft werden, ob am innenstadtseitigen „Ortsteileingang“ ein Haltepunkt für eine Regio-Bahn eingerichtet werden könnte.

Zuvor hatte die Stadtplanerin den Ausschuss auf den neuesten Stand der aktuellen Planungen gebracht und einen Ausblick auf mögliche Zukunftsprojekte vorgestellt. Im Fokus der Stadtplaner sei dabei vor allem der besagte Ortsteileingang zwischen Stephanibrücke und Bömers Spitze, der noch viel ungenutzte Fläche aufweise und sich als Barriere zwischen Innenstadt und Überseestadt darstelle. „Riesiges Potenzial“ werde auch am Holz- und Fabrikenhafen gesehen. Wedler betonte allerdings, dass an der Bestandsgarantie für alteingesessene Unternehmen nicht gerüttelt werde. Anrainer hoffen aber auch, dass nicht am grünen Bestand gerüttelt wird: Als naturbelassenes Biotop sei der Grünstreifen parallel zur Kaimauer unverzichtbar, mahnt eine Gruppe von Nachbarn, die einen entsprechenden Bürgerantrag eingebracht haben. Ein Gutachten hatte den Grünflächen in der Überseestadt kein durchgängig gutes Zeugnis ausgestellt, so Wedler: Besonders schlecht hatte der Hilde-Adolf-Park abgeschnitten, der nach den trockenen Sommern in einem „bemitleidenswerten Zustand“ sei und gemeinsam mit dem Waller Beirat wiederbelebt werden müsse.

Das Auge der Stadtplaner ist auch auf die Grünfläche im Waller Wied gefallen – von den Nachbarn liebevoll „Heimatgrün“ genannt. Das Planungsrecht sehe hier eine Mischung von Wohnen und wohnverträglichem Gewerbe vor - doch sie wisse auch, dass es „ganz andere Interessen“ gebe. Die Anwohner werden es gerne hören: „Potenzialfläche heißt nicht, dass hier gebaut werden muss.“

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