Waller Aktionsbündnis

Einsatz für das Rückzugshaus

Wird das Rückzugshaus tatsächlich zum 1. Januar geschlossen? Ein Aktionskreis setzt sich dafür ein, die Einrichtung in Walle unbedingt weiterzuführen und auszubauen. Es gebe nichts besseres, sagen viele Gäste.
07.11.2019, 06:21
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Einsatz für das Rückzugshaus
Von Anne Gerling
Einsatz für das Rückzugshaus

Rucksack ab, Schuhe aus: Menschen mit psychischen Problemen finden im Rückzugshaus Ruhe und Hilfe.

Heiko Schwarting

„Ich fühle mich echt scheußlich. Die Vorstellung, dass hier geschlossen wird, ist, als ob man alles wegreißt“, sagt Pearl S. Draußen ist es grau und regnerisch, die Gröpelingerin sitzt in einem gemütlich eingerichteten Raum in einem Bremer Altbau an der Helgolander Straße. Sofa, Bücherregal, Musikanlage, ein langer Tisch – und in der Küche am anderen Ende des Flures wird gekocht: Das Rückzugshaus, das die Gesellschaft für ambulante psychiatrische Dienste (Gapsy) hier seit 2004 betreibt, strahlt Geborgenheit aus. Zwischen 17 und morgens um 9 Uhr finden Menschen in psychischen Krisensituationen dort je nach Wunsch Gesprächspartner, Gesellschaft oder eine Übernachtungsmöglichkeit; pro Schicht sind jeweils zwei Gapsy-Mitarbeiter und ein Psychiater vor Ort. Doch zum 1. Januar ist damit womöglich Schluss, denn mehrere große Krankenkassen haben wie berichtet ihre Verträge zum 31. Dezember gekündigt. Einzig die AOK ist derzeit offenbar mit der Gapsy über eine Fortführung des Angebots im Gespräch.

Seit einigen Wochen trifft sich bei der Blauen Karawane im Speicher XI ein Aktionskreis von Frauen und Männern, die für die Erhaltung der Einrichtung kämpfen wollen. Pearl S. ist eine von ihnen. „Psychische Erkrankungen können jeden treffen“, sagt die Bremerin, die eine Angsterkrankung mit körperlichen Symptomen hat und das Rückzugshaus seit nunmehr 14 Jahren kennt: „Damals wusste ich gar nicht, dass es sowas gibt. Und ich hätte nie gedacht, dass so etwas möglich ist.“ Insbesondere hätten ihr die therapeutischen Gespräche mit den Ärzten gut getan. In Ausnahmesituationen sei das Haus ein echter Halt: „Hier habe ich das Gefühl, dass ich nicht allein bin. Das reicht. Das Team lässt auch eine Person nicht allein, wenn sie dissoziativ wird. Vielmehr wird dieser Mensch begleitet, bis er wieder klar ist.“

Lesen Sie auch

Nach Ost – genauer: in die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Bremen-Ost – wolle sie nicht mehr, erklärt sie: „Die Ärzte dort kennen mich nicht und bilden sich womöglich ein falsches Urteil.“ Auch Olaf H., der über das von der Bremer Werkgemeinschaft (BWG) betriebene Nachtcafé für Menschen in psychischen Krisensituationen eines Tages das Rückzugshaus im oberen Teil des Hauses entdeckt hat, würde sich eher nicht in einer Klinik behandeln lassen: „Ich hätte Angst, dort mit Medikamenten vollgestopft zu werden.“ Zwar hätten manche Kliniken einen guten Ruf – da seien aber die Wartezeiten sehr lang. Ganz anders erlebt der Bremer das Rückzugshaus: „Man kann jederzeit herkommen – auch einfach nur auf einen Kaffee – und mit den Leuten reden. Die wollen wirklich wissen, wie es einem geht. Und sie lassen einen nicht hängen.“ Wer Angst habe, könne seine Zimmertür offen stehen lassen oder mit dem Team verabreden, dass regelmäßig ein Mitarbeiter vorbeischaue.

Professionelle und gegenseitige Hilfe

Das Rückzugshaus müsse dringend erhalten bleiben, findet deshalb auch er: „Die ganze Kombi ist einfach gut. Kurze Wege – besser kann’s nicht sein. Es gibt professionelle Hilfe und man hilft sich außerdem auch gegenseitig. Es wird gemeinschaftlich gekocht und gespielt. Und das Essen ist immer superlecker.“ Während seines Aufenthaltes im Rückzugshaus sei sogar aus Dortmund und Freiburg Fachpublikum angereist, um sich die Einrichtung anzusehen, erzählt Olaf H. Insbesondere Menschen mit Ängsten, die nur bei bestimmten Anlässen auftreten, müssten seiner Meinung nach nicht in ein Krankenhaus gehen: „Man könnte stattdessen mehrere Rückzugshäuser einrichten, um die Klinik zu entlasten.“

„Ich bin wahnsinnig wütend und habe Panik, dass das Rückzugshaus zugemacht wird“, sagt Sabine S. Mehrmals habe sie in schwierigen Phasen mit der Waller Einrichtung sehr positive Erfahrungen gemacht. „Die haben mich aufgebaut und mir geholfen, das hat mir gut getan. Die Leute hier nehmen sich Zeit und es ist immer jemand da. Das findet man in der Klinik nicht“, ist sie überzeugt. Dass das Rückzugshaus womöglich geschlossen wird, könne sie nicht nachvollziehen – zumal Aufenthalte in Krankenhäusern oder Tageskliniken doch deutlich mehr kosteten. Die Versorgung sei ihrer Ansicht nach aber nicht unbedingt besser: „Neulich war ich wieder in der Klinik. Als ich mich auf der Station anmelden wollte, war dort noch nicht einmal jemand.“ Einmal habe man ihr in der Klinik sogar gesagt, sie gehöre eigentlich gar nicht dorthin und werde dort womöglich nur noch kränker: „Aber wo soll man denn hin?“

Lesen Sie auch

Ihr falle es schwer, sich auf Neues einzulassen, erzählt Sabine S. weiter: „In der Klinik kommt man von Station zu Station. Hier kennen sie einen und man muss nicht immer von vorne anfangen. Außerdem ist man hier nicht vollkommen aus allem raus und kann sich weiter um seinen Haushalt oder um seine Haustiere kümmern. Und im Notfall holen die Leute vom Rückzugshaus einen sogar zu Hause ab.“ Für sie steht deshalb fest: „Es gibt nichts Besseres.“ Allerdings würde sie sich wünschen, die Einrichtung öfter besuchen zu können: „Wir haben ja leider nur 28 Tage pro Jahr – ich finde das schon wenig.“

Auch Arnolde Trei-Benker und Heiko Schwarting, die ausgebildete Genesungshelfer und Teil des 13-köpfigen Mitarbeiter-Teams sind, plädieren für einen Ausbau des Angebots. Das Rückzugshaus habe sich über 15 Jahre bewährt, finde viel Achtung in Fachkreisen und sei sogar mehrfach ausgezeichnet worden, sagen sie – und dass sie deshalb nicht zulassen könnten und wollten, dass es nun still zu Grabe getragen wird: „Unser großer Traum ist, dass es sogar noch vergrößert und barrierefrei wird.“

Weitere Informationen

Die Initiative zur Rettung des Rückzugshauses hat die Online-Petition S 20/25 an die Bremische Bürgerschaft auf den Weg gebracht, die noch bis zum 19. November unterstützt werden kann. Parallel dazu wurde eine Petition gestartet, die sich an die Krankenkassen richtet. Auch diese Petition kann gezeichnet werden. Mehr Informationen auch online auf der Webseite unter rettet-das-rueckzugshaus.de.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+