Grobaustelle vor kleinem Reihenhaus Für zukünftige Generationen

Großbaustelle an einem Privathaus in Walle. Dort wird nach Erdwärme gebohrt. Bei Neubaugroßprojekten ist soetwas keine Besonderheit mehr, bei einem kleinen Reihenhaus hingegen schon.
27.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Hätten sie einen Wunsch frei, so kämen wohl wenige Menschen auf eine solch ausgefallene Idee: Arnim von Gleich jedenfalls wünschte sich schon seit Jahren ein sehr tiefes Loch in seinen Vorgarten. Vor wenigen Tagen rückte ein Bautrupp mit schwerem Gerät an, um sich in der Waller Wohnstraße an die Wunscherfüllung zu machen. Auch für die erfahrenen Spezialisten war das kein Auftrag wie alle anderen. Doch weil alles reibungslos klappte, können die von Gleichs künftig zum Heizen Erdwärme aus mehr als 100 Metern Tiefe nutzen. Um Gas- und Ölpreise und um die CO2-Steuer wird man sich hier nie wieder Gedanken machen müssen. Doch für das Waller Ehepaar war von Anfang an klar: Um Geldersparnis kann es bei einem solchen Projekt nicht gehen.

Zentimeter für Zentimeter brummt sich das hydraulisch angetriebene Bohrgerät in den Waller Untergrund, durch Geröll, Holzkohle, Ton, Sand und wässrig-mehligen Schluff. In regelmäßigen Abständen werden Bodenproben hervorgeholt, die in sorgfältig beschrifteten Plastikbeuteln landen: Dafür werden die städtischen Geologen dankbar sein, die sich damit ein genaueres Bild von den Erdschichten und der Erdgeschichte machen können, erklärt Bohrmeister Sebastian Freitag. Bevor irgendjemand überhaupt an eine Bohrung denken konnte, mussten zunächst die Boden- und Wasserfachleute der Umweltbehörde prüfen, ob der Untergrund frei von Kanälen und Versorgungsleitungen, geeignet und stabil genug ist. Eine Voraussetzung war auch, dass die Nachbarn keine Einwände haben, und bis zum nächst möglichen Bohrloch in den Häusern links und rechts mindestens fünf Meter Abstand eingehalten werden, erzählt Arnim von Gleich.

Den Bauarbeiten gingen nicht nur jahrelange Überlegungen und Planungen voraus, sondern auch reichlich häusliche Überzeugungsarbeit: „Ich wollte das anfangs gar nicht“, gesteht Ehefrau Cecilie Eckler-von Gleich: „Dieser Aufwand!“. Zur Baustellenvorbereitung musste der gesamte blühende Vorgarten geräumt und dem Erdboden gleich gemacht werden. Der schöne Fliederbusch wurde radikal gekappt, auch ein Pfeiler aus der Gründerzeit des mehr als 100 Jahre alten Hauses stand im Weg und musste weichen.

Doch so viel Platz auch für die Arbeiter, Container, Bohrgerät und Zubehör geschaffen wurde: Es ist und bleibt „eine Telefonzelle“, sagt Bohrmeister Freitag gut gelaunt. Die erste Fachfirma, die angefragt wurde, hatte aus diesem Grunde abgewinkt, erzählen die Auftraggeber: Geht nicht, viel zu eng. Reinhard Rohdenburg nahm die Herausforderung an. Der Fischerhuder Brunnenbauer und sein Geschäftspartner Bernd Raasch haben mit ihrer Firma R&R Pumpentechnik bereits 18 Jahre Erfahrung in der Installation von Erdwärmesonden. „Wir arbeiten überwiegend für Neubauprojekte. Allerdings wird Erdwärme auch bei Bestandshäusern immer mehr nachgefragt“, erklärt der Fachmann. Aber eine Erdwärmebohrung in einem kleinen städtischen Vorgarten: „Das ist auch für uns eine Premiere.“

In das mehr als 100 Meter tiefe Bohrloch führen die Arbeiter einen Schlauch aus extrem robustem Kunststoff ein, der mit einem frostsicheren Glykol-Wassergemisch gefüllt wird. Die Doppel-U-Rohr-Sonde nimmt die Wärme aus der Tiefe auf und transportiert sie in einem geschlossenen Kreislauf an die Oberfläche. Im Haus wird das ganze Jahr über eine konstante Temperatur von zehn bis zwölf Grad Celsius ankommen. Das reicht noch lange nicht, um damit im Winter die Räume zu heizen und das Duschwasser angenehm warm zu machen. Doch es genügt, um den Verdampfungsprozess in einer modernen Wärmepumpe anzutreiben. „Das funktioniert wie ein Kühlschrank, nur umgekehrt“, erklärt Rohdenburg. „Das flüssige Kältemittel verdampft bereits bei solch niedrigen Temperaturen, wird in gasförmigem Zustand komprimiert und erzeugt Wärme im Bereich von 30 bis 40 Grad.“

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts werden bundesweit ein Drittel aller Neubauten mit Wärmepumpen ausgestattet – allerdings mit einem deutlichen Schwerpunkt in südlichen Flächenländern. Der Bundesverband Wärmepumpe, Dachverband der Branche, zählte in diesem Jahr die Zahl von einer Million deutschen Wärmepumpen. Ein Bremer Neubaugroßprojekt, das auf Erdwärme setzt, ist das City Gate am Hauptbahnhof, weiß Jens Tittmann, Sprecher der Bremer Baubehörde. Für das Proje kt Überseeinsel sei die Nutzung von Weserwasser als Wärmepumpen-Energiequelle geplant, erzählt Heinfried Becker von der Klimaschutzagentur Energiekonsens.

Wärmepumpen seien die Schlüsseltechnologie der Zukunft, sagt Becker. Doch eine Erdbohrung für einen Reihenhaus-Altbau? Im Vorgarten? Da muss auch der Leiter des Bremerhavener Energiekonsens-Büros erst einmal erstaunt nachfragen. Wärmepumpe und Wärmetauscher sind auf die Zufuhr elektrischen Stroms angewiesen. „Klimafreundlich wird die Technik erst, wenn Ökostrom genutzt wird. Bei Altbauten ist ein guter energetischer Standard wichtig“, erklärt Becker. Die von Gleichs beziehen ihren Strom aus nachhaltigen Quellen. Um den Energieverbrauch zu senken, soll in einem nächsten Schritt das Hausdach eine massive Dämmung erhalten. Anschließend soll eine Fotovoltaikanlage installiert werden, die den Strom für den Hausgebrauch produziert.

Das Waller Ehepaar – beide Gründungsmitglieder der Bremer Partei der Grünen – beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Umweltthemen. Arnim von Gleich ist studierter Biologe und wurde als Dekan des Fachbereichs Produktionstechnik der Universität Bremen eine solch anerkannte Kapazität im Bereich Nachhaltigkeitsforschung, dass auch die Bundesregierung auf seine Expertise setzte. „Wir wollten eine klimaneutrale Heizung“, sagen die von Gleichs ganz einfach. Dass sich die Investition – Kosten von insgesamt rund 50 000 Euro, minus einer 35-prozentigen Förderung durch den Bund, minus ein paar Prozent durch die aktuelle Mehrwertsteuervergünstigung – wirtschaftlich so schnell nicht auszahlen wird, ist ihnen bewusst. Sie sagen: „Wir sehen das als Investition in die Zukunft.“

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