Als die Überseestadt noch Zollgebiet war

Hafenförster und Lackschuhzöllner

Das Stakkato der Antworten klingt Horst Petersen noch im Ohr. Es war die monotone Antwort auf eine ebenso repetitive Frage. „Hamse was mitgebracht?“ Die Antwort darauf lautete stets: Nix, nix, nix!"
22.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Anke Velten

Überseestadt. Nix! Nix! Nix! Das Stakkato der Antworten klingt Horst Petersen noch im Ohr. Es war die monotone Antwort auf eine ebenso repetitive Frage. „Hamse was mitgebracht?“, hieß es nach Schichtende vielhundertfach am Werkstor. Als die Überseestadt noch Zollgebiet und mit einem Grenzzaun vom Rest der Welt getrennt war, passten die Zollbeamten darauf auf, dass im Hafen blieb, was in den Hafen gehörte. Im Hafenarchiv des Waller Geschichtskontors Brodelpott wird die Historie dieser Ära aufbewahrt, und es werden weiterhin Geschichten derjenigen gesucht, die sich noch daran erinnern können.

Man nannte die Männer in den grünen Uniformen scherzhaft „Hafenförster“ oder auch „Zollmops“ und begegnete ihnen mit Respekt, wenn auch vermutlich nicht mit allzu großer Zuneigung, erzählt Günter Reimann: „Wie beliebt die Zöllner waren, das steht ja schon in der Bibel.“ 14 Jahre lang war der gelernte Schiffsbauer als Maschinist auf See unterwegs gewesen – dann reichte es seiner Ehefrau. „Ihr zuliebe bin ich dann an Land geblieben“, erklärt der 81-jährige Findorffer. Er fand eine Anstellung beim Wasserzoll: Die „Blauen“ mit ihren eleganten Uniformen und in ihren Zollbooten waren rund um die Uhr für die Abfertigung auf See zuständig. Trotz des Schichtdiensts kein Vergleich, so Reimann, zur Schufterei auf der Werft und im Maschinenraum.

Die Patrouillen, die mit ihrer Präsenz am Hafen dafür sorgten, dass nicht jeder dort tat, was er wollte, machten natürlich nur den kleinsten Teil des Aufgabengebiets der Zollbehörden aus, betont der Pensionär. Die Hauptfunktion des Zolls war und sei es immer noch, den Warenverkehr zu überwachen und sicherzustellen, dass der Staat ordnungsgemäß die Steuern und Abgaben erhält, die ihm zustehen. „Damit sorgen die Zollbehörden für einen großen Teil der Einnahmen des Bundes.“

Die meisten Leute, sagt er, denken beim Zoll allerdings zunächst an die „Räuber- und Gendarm-Geschichten“ – und, ehrlich gesagt: Sie sind doch auch viel kurzweiliger als der behördliche Verwaltungskram. Horst Petersen, der 1955 seinen Dienst beim Bremer Zoll begann, erinnert sich an Fahrradrahmen, die bis zum Anschlag mit rohen Kaffeebohnen gefüllt waren. Solche kleinen Fische – man darf es sagen, es ist ja schon längst verjährt – ließ man oft laufen. „Manche Zollbeamten waren sehr pingelig, wie in jedem Berufsfeld“, erklärt der Waller. „Aber die meisten drückten bei solchem Kleinkram ein Auge zu.“ Wer sich in größerem Stil im Hafen bediente, musste allerdings mit Konsequenzen rechnen. Petersen erinnert sich an den Fall eines besonders ungeschickten Schmugglers: der Hafenarbeiter, der mit seinem blütenweißen Hemdkragen aus der Masse hervorstach. Die anschließende Kontrolle ergab: Der Mann trug nicht ein Hemd, nicht zwei oder drei, sondern gleich vier fabrikneue Oberhemden übereinander unter seiner Arbeitskluft.

Petersen hat den Hafen noch in einer Zeit erlebt, als ein „sagenhafter“ Betrieb herrschte. „Im Holzhafen standen die Schiffe in Dreierreihe. Wir waren den ganzen Tag unterwegs“, erinnert sich der 86-Jährige. Für den jungen Mann aus dem niedersächsischen Umland war der Hafen das Tor zur großen, weiten Welt. „Wie lernten Kapitäne und Schiffsbesatzungen aus aller Herren Länder kennen“, erzählt Petersen, der in seinen frühen Dienstjahren unmittelbar vor der Hafengrenze an der berüchtigten „Küste“ wohnte. Vor allem in der schlechten Zeit, als es kaum etwas zu kaufen gab, und Luxusgüter wie Tee, Kaffee oder edle Alkoholika fast unerschwinglich, seien die Verlockungen im Hafen allzu groß gewesen – auch für vereinzelte schwarze Schafe unter den Amtskollegen, weiß Reimann.

Eine besonders rührende, aber nicht weniger dreiste Diebstahlserie aus den 1970er-Jahren wird Harald Fietz nie vergessen. „Uns fiel ein Mitarbeiter auf, der mit einem großen Paket aus dem Speicher 1 kam. Der Inhalt war eine Kindernähmaschine frisch aus chinesischer Produktion“. Bei Diebstählen aus den Lagergebäuden habe die Bremer Lagerhaus-Gesellschaft „sehr empfindlich“ reagiert, erklärt Fietz. Der Delinquent musste eine Hausdurchsuchung über sich ergehen lassen. „Dabei wurde im Keller ein großes Spielzeuglager entdeckt. Der Mann erklärte, dass er die Spielsachen für sein Enkelkind gesammelt hatte, das noch gar nicht geboren war.“

Fälle wie diese seien in Erinnerung geblieben, weil sie Ausnahmen waren, betont Fietz, der im Alter von 17 Jahren seinen Dienst am Hafen begann. „Die Zollbeamten von heute brauchen schusssichere Westen, Kampfanzüge und Knobelbecher“, erzählt er. „Wir trugen unsere normale Uniform und schicke schwarze Lackschuhe“. Dienstpistole und Stahlrute habe er selbst im Laufe seiner Dienstjahre kein einziges Mal gebraucht. „Wir fühlten uns sicher.“

Unter den Kollegen des Hafenarchivs, die in Räumen des Hafenmuseum Speicher XI ehrenamtlich sammeln, ordnen und aufarbeiten, was mit der Geschichte der bremischen Häfen zu tun hat, ist Fietz der offizielle Zoll-Historiker. Der größte Schatz seines persönlichen Archivs sind mehrere dicke Ordner aus 80 Jahren Zollgeschichte – unschätzbar wertvolle Dokumente, die er vor zehn Jahren aus dem Keller des Hauptzollamts an der Hans-Böckler-Straße vor der Entsorgung rettete. „Das wäre alles auf dem Müll gelandet“, erzählt Fietz. „Keiner dachte daran, so etwas aufzuheben.“

Die Frage: „Hamse was mitgebracht?“ beschäftigt die ehemaligen Kollegen vom Zoll auch heute noch – allerdings in ganz anderer Hinsicht. Harald Fietz sucht und recherchiert weiter nach historischen Dokumenten, Fotos, persönlichen Erzählungen und Anekdoten ehemaliger Kollegen. Sie sollen den Grundstück für eine umfassende Geschichte des Bremer Zolls bilden, der die Erinnerung an eine Zeit bewahrt, die der Stadt kaum noch anzusehen ist. Wer dazu etwas beitragen könnte, ist sehr willkommen, mit dem Hafenarchiv Kontakt aufzunehmen über die E-Mail hafenarchiv@kulturhaus-walle.de.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+