Gemeinschaftliche Wohnprojekte

Gemeinsam bauen und wohnen

Am Dedesdorfer Platz laufen drei Grundstücksausschreibungen für Baugruppen und Mietgemeinschaften. Sieben Gruppen wollen sich voraussichtlich bewerben – nicht alle werden also zum Zuge kommen.
23.08.2018, 04:00
Lesedauer: 4 Min
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Gemeinsam bauen und wohnen
Von Anne Gerling
Gemeinsam bauen und wohnen

Claus Röttjer (v. l.), Angelika Lass, sowie Annette und Michael Döring wollen gemeinsam mit Interessierten Pläne schmieden.

fotos: Roland Scheitz

Walle. Gibt es in den einzelnen Wohnungen später auch Anschlüsse für Wäschetrockner? Werden die Badezimmer mit Wannen ausgestattet? Ist an Fahrradständer gedacht worden? Wie tief sind die Balkone und wie hoch die Decken? Es waren überraschend konkrete Fragen, mit denen die rund 30 Interessierten vorige Woche zur Vorstellung eines potenziellen Mietgemeinschaftsprojekts am zukünftigen Quartiersplatz „Waller Mitte“ gekommen waren. Eingeladen hatten dazu Annette und Michael Döring von der LRP Bauträgergesellschaft; sie wollen Interessierte zusammenbringen, die gemeinsam mit anderen ein Haus planen, bauen und anschließend bewohnen wollen, aber selbst keine Immobilie erwerben wollen oder können.

Sollte sich eine entsprechende Gruppe zusammenfinden, so würden die Dörings diese bei der Bewerbung um das am Dedesdorfer Platz ausgeschriebene Bunkergrundstück unterstützen und anschließend als Bauherren das Gebäude errichten und an die Gruppenmitglieder vermieten. Noch befindet sich – wie der Name schon sagt – auf dem Bunkergrundstück zwischen Bremerhavener Straße und dem ehemaligen Förderzentrum an der Vegesacker Straße ein Erdbunker. Dieser wird demnächst von der Stadt abgetragen und das Grundstück anschließend baureif an die zukünftigen Eigentümer übergeben. Einen ersten Gebäudeentwurf des Architektenduos Angelika Lass und Claus Röttjer gibt es bereits; bei den Details sollen die zukünftigen Bewohner mitentscheiden.

Gemischte Gruppe

Acht bis zehn ernsthafte Interessenten haben sich Michael Döring zufolge bislang gemeldet – diese Zahl reicht seiner Ansicht nach aus, um eine Kerngruppe aufzubauen, mit der an zentralen Themen weitergearbeitet werden kann. Für den 24. August ist ein weiteres Treffen geplant, auch wolle sich die Gruppe bei der nächsten Kontaktbörse für gemeinschaftliches Wohnen am 18. September in Osterholz vorstellen. „Unsere Aufgabe besteht nun darin, die Mischung der Gruppe zu steuern“, so Döring: „Wir wollen Jung und Alt, Alleinstehend und Verpaart und hätten außerdem auch gerne verschiedene Nationalitäten.“

Die Gruppe hätte sodann ein mehrstufiges Bewerbungsverfahren zu durchlaufen: Bis zum 16. Oktober können alle interessierten Gruppen ihre Bewerbungen bei Immobilien Bremen (IB) einreichen. Bis zum 16. Dezember wird dort eine Fachjury über alle eingegangenen Bewerbungen und Konzepte entscheiden. Dann folgt Stufe II des Verfahrens – die sogenannte Konkretisierungsstufe, in der die Planung verfeinert, das Grundstück angekauft und der Bauantrag eingereicht werden soll. Fände sich nun tatsächlich eine Mietgemeinschaft zusammen und bekäme den Zuschlag, so könnte Michael Döring zufolge im März 2020 Baubeginn sein. Bei der von ihm veranschlagten Bauzeit von rund 18 Monaten könnte der Neubau somit im dritten Quartal 2021 stehen.

Das Interesse an gemeinschaftlichen Wohnprojekten ist groß: Mindestens fünf selbstorganisierte Baugemeinschaften haben sich in den vergangenen drei Jahren bereits gebildet, die sich nun ebenfalls auf die Ausschreibungen der drei Bauflächen am Dedesdorfer Platz bewerben. Neben dem 1964 Quadratmeter großen Bunkergrundstück sind dies Flächen mit den Arbeitstiteln „Torhaus 2“ (550 Quadratmeter) und „Mischhaus“ (1876 Quadratmeter). Die Stadt vergibt alle drei Grundstücke bewusst zu einem Festpreis anstatt an einen Höchstbietenden, um gemeinschaftliche Wohnprojekte zu fördern und Baugruppen zu ermöglichen, ihre Kosten von vorneherein besser kalkulieren zu können. Für die Bebauung einer vierten Fläche unmittelbar zur Vegesacker Straße hin – das „Torhaus 1“ am Standort der alten BSV-Vereinsklause – hatte kürzlich der Martinsclub den Zuschlag erhalten, der dort ein viergeschossiges Gebäude mit inklusiven Wohnungen und einem Veranstaltungsraum bauen möchte (wir berichteten).

Baugemeinschaften und Mietgemeinschaft eint die Idee des gemeinschaftlichen Wohnens – das Konzept dahinter ist jedoch ein anderes. So werden die Mitglieder einer Baugemeinschaft Miteigentümer der jeweiligen Immobilie, während die Mitglieder einer Mietgemeinschaft nach Fertigstellung des Hauses dort als Mieter einziehen. Am Dedesdorfer Platz könnten nun womöglich also beide Modelle zum Zuge kommen. „Wir freuen uns, dass es so viel Interesse an den Grundstücken gibt, die von der Stadt Bremen für Bau- und Mietgemeinschaften am Dedesdorfer Platz ausgeschrieben werden. Die Grundstücke werden bewusst auch für Mietgemeinschaften ausgeschrieben, damit allen Menschen, die am gemeinschaftlichen Wohnprojekten interessiert sind, die Möglichkeit gegeben wird, dies zu verwirklichen“, sagt dazu Thomas Czekaj von der Koordinierungsstelle für Baugemeinschaften im Bauressort, der die Bedingungen für die Ausschreibungen und Vergabeverfahren mit entwickelt hat.

Rein rechnerisch ist absehbar, dass wohl nicht alle Gruppen ein Grundstück bekommen werden. Vor diesem Hintergrund verschärft sich der Ton. So stellt etwa Sprecher Patrick Jost im Namen der Baugruppen Hafenhaus, Lanke, Solidarisch Wohnen, Wallerleben und Waller Wohnen infrage, „ob ein Investor, dessen Hauptabsicht es ist, Gewinne zu maximieren, überhaupt in der Lage sein kann, ‚alternatives‘ Wohnen zu realisieren. Vielmehr befürchten wir, dass ein solcher langfristig für Grundstücks-, Immobilien- und Mietsteigerung sorgt.“

Sein Unternehmen habe kein kurzfristiges Anlageinteresse, hält Döring entgegen. So verpflichte sich die Firma zu einer langfristigen Partnerschaft über den in den Ausschreibungsunterlagen geforderten Zeitrahmen hinaus. Komme es dennoch zu einem vorzeitigen Verkauf, so hätten die Mieter ein Vorkaufsrecht. Offensichtlich seien die 30 Besucher beim Info-Abend bei den bereits bestehenden Baugruppen nicht zum Zuge gekommen. „Bei uns hat man die Chance, nun auch kurzfristig Teil einer Gruppe zu werden."

Weitere Informationen

Grundstücksangebote für Bau- und Mietgemeinschaften soll es am Dedesdorfer Platz, im Neuen Hulsberg-Viertel, in der Gartenstadt Werdersee und am Ellener Hof geben. Bau- und Mietgemeinschaften sowie allen Interessierten bieten dazu das Bauressort und die Bremer Heimstiftung am Dienstag, 18. September, von 18 bis 20 Uhr eine Kontaktbörse zur Gruppenbildung für gemeinschaftliches Wohnen an.

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