Ein Prosit der Gemüsewerft

Ein Biergarten am Wasser

Der Biergarten auf dem Gelände der Gemüsewerft in der Übersehstatt wurde im Frühling eröffnet, aber Dank Corona erst jetzt offiziell eingeweiht - mit Musik und Prominenz.
27.09.2020, 19:03
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Anke Velten
Ein Biergarten am Wasser
Roland Scheitz

Überseestadt. Mit vielen Freundinnen und Freunden, prominenten Festrednern und einem außergewöhnlichen musikalischen Programm wurde am vergangenen Mittwoch die Gemüsewerft in der Überseestadt eröffnet. Nanu – werden berechtigterweise viele bemerken: Die ist doch schon lange da! Stimmt: Der 2000 Quadratmeter große Stadt-Acker wird bereits seit gut eineinhalb Jahren bewirtschaftet, und der Biergarten zwischen den Gemüsebeeten wurde in diesem Frühling eingeweiht. Aus den bekannten Gründen musste die feierliche Eröffnung um Monate verschoben werden. Sie wurde nun mit einer geschlossenen Gesellschaft nachgeholt, unter der sich viele einflussreiche Persönlichkeiten befanden. Dabei kam deutlich an: Orte wie diese braucht eine Stadt, die auch in Zukunft lebenswert sein will.

So in etwa formulierte es Renate Künast, die von ihrer Bremer Fraktionskollegin im Bundestag, Kirsten Kappert-Gonther, als „Ikone des Urban Gardening“ angekündigt wurde. Für die ehemalige Bundesministerin, aktuell ernährungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, ist es nicht der erste Besuch in der Gemüsewerft, erzählte sie. Im Rahmen der Recherchen für ein Buch hatte sie urbane und interkulturelle Gärten im ganzen Land besucht und war „begeistert“ davon, was sie in Bremen zu sehen bekam. Unter den vielen Projekten, die in den vergangenen Jahren entstanden seien, sei die Gemüsewerft „bundesweit berühmt“, ließ sie ihre Zuhörer wissen. Urbane Gärten und Agrikultur seien Orte, an denen sich Biodiversität entwickeln könne, und denen in Zeiten des Klimawandels eine wichtige Bedeutung zukomme. Weil Stadtkinder, die immer mehr an hochverarbeitete Produkte gewohnt seien, hier „sinnlich erfahren“, wie Lebensmittel angebaut werden, seien sie Orte der Bildung. Und als Treffpunkte, an denen ganz unterschiedliche Menschen Erholung und Kontakt finden, übernehmen sie auch eine soziale Funktion. Kurz, so Künast: All dies gehöre zu einem „guten Leben in der Stadt“. Als „Ort des Verweilens und des Wohlfühlens“ sei die Gemüseweft mit ihrer klaren sozialen, ökologischen und städtebaulichen Orientierung ein „Meilenstein der Quartiersentwicklung“, lobte Bürgermeister Andreas Bovenschulte in seiner Festrede. Unter die Festgesellschaft mischten sich auch Senatorin Meike Schaefer und Senatsbaudirektorin Iris Reuther.

Betreiber ist die Gesellschaft für integrative Beschäftigung (Gib) mit Sitz in Gröpelingen. An der Basdahler Straße befindet sich die Wurzel der Gemüsewerft. Dort bestellt das Gärtnerteam ein 3000 Quadratmeter großes Grundstück, auf dem seit 2015 Bio-Obst und -Gemüse gezogen wird. 2016 kam eine ebenso große zweite Anbaufläche an der Stephanikirchenweide dazu. Gehegt und gepflegt werden die Pflanzen von Menschen mit geistiger, psychischer oder seelischer Beeinträchtigung. Vor zwei Jahren fragte Gib-Geschäftsführer und Gemüsewerft-Gründer Michael Scheer beim Bremer Unternehmer Klaus Meier an, ob er ihm nicht ein kleines Stück Land im hinteren Bereich seiner „Überseeinsel“ überlassen würde. Dieser lehnte ab – und bot den Stadtwirten mit dem ehemaligen Lkw-Parkplatz spontan ein besseres, größeres und zentraleres Grundstück an. Die Überseeinsel GmbH hat sich nicht nur vorgenommen, das 150 000 Quadratmeter große Gelände der Frühstücksflockenfabrik in einen nachhaltigen Ort zum Wohnen und Arbeiten zu entwickeln. „Eine Lage ist mehr als Geografie“, so der Projektentwickler. Man wolle hier „Leben schaffen.“

Mit dem dritten Gemüsewerft-Standort am Weserufer bot sich der produktiven Gesellschaft erstmals die Möglichkeit, Gäste zu bewirten. Sie können zwischen rund 400 Hochbeeten Platz nehmen. Ein alter Arbeitstriebwagen der Bremer Straßenbahn AG wurde als Gastraum eingerichtet. Das ehemalige Pförtnerhäuschen „Tor 2“ wurde zurechtgemacht zum Ausschank unter anderem für Bier aus den eigenen Hopfenpflanzen. Ein Biergarten ohne Schickimicki und Halligalli, betont Scheer: „Wir möchten, dass die Menschen hier herunterschalten und die Geräusche der Stadt wahrnehmen. Die Möwen, das Wasser, die Schiffe, die Industrie.“

Und in Zukunft auch andere Wohlklänge. Denn die Gemüsewerft möchte auch ein besonderer Veranstaltungsort sein. Dass auf seinen Wunsch hin für das Premierenkonzert der Bremer Musiker Flowin Immo gebucht wurde, lag nahe – man kennt und schätzt sich seit Jahren. Das andere war eine weitere glückliche Fügung. Er habe beim Feierabendeinkauf Nachbarin Anne Lüking getroffen und ihr von seiner ambitionierten Idee berichtet, Orchester vom Format der Bremer Philharmoniker einzuladen, erzählt Scheer – nicht wissend, dass er die Vorsitzende des Vereins Prophil vor sich hatte. Der Freundeskreis der Bremer Philharmoniker suche immer nach Möglichkeiten, das renommierte Orchester „noch mehr in die Stadtgesellschaft zu integrieren“, erklärte Lüking. Intendant Christian Kötter-Lixfeld sieht durchaus Gemeinsamkeiten zwischen Musik und Gemüseanbau. „Viele Menschen wissen heutzutage schon gar nicht mehr: Das kann man ja wirklich selbst machen.“ Dem elfköpfigen Blechbläserensemble der „Phillis” machte der Veranstaltungsort jedenfalls sofort Appetit auf neue Projekte, erzählt Lüking: „Sie sagen: Hier können wir mit Kindern Möhrenflöten bauen.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+